Das Internet entscheidet, was wir sehen
Bei Frauen erscheinen im Online-Shop als Erstes Handtaschen, bei Männern Sportartikel: Mithilfe unserer Daten wird das Internet personalisiert. Wie Datenschützer damit umgehen sollen, ist unklar.
Es geschah im Frühling in Paris. Es ging um die nächsten Strandferien – im Sommer im Robinsonclub. Die Online-Buchung bei einem deutschen Vermittler hatte offenbar nicht funktioniert. Die Kreditkartenzahlung war stecken geblieben. Nun beschwerte sich der Veranstalter, Tui Deutschland. Ein Rückruf sei dringend vonnöten, andernfalls werde die Reservation storniert, hatte die Dame auf Band gesprochen. Die Telefonnummer behielt sie allerdings für sich.
Dass ihm das beinahe die Ferien ruiniert hätte, ahnte der Familienvater nicht, als er den Anrufbeantworter abhörte. Doch die Suche nach der Nummer des Tui-Kundendienstes in Deutschland erwies sich als aussichtslos. Was er auch versuchte: Er landete immer nur bei Tui Schweiz. Das Internet wollte ihn partout nicht auf die deutsche Seite lassen. Als renne er gegen eine gläserne Wand.
Das Beispiel ist eigentlich harmlos. Weil Tui nicht will, dass die Schweizer ihre Ferien beim deutschen Ableger buchen (oder die Preise für das identische Hotel vergleichen können), werden Schweizer Kunden automatisch auf die Website von Tui Schweiz gelenkt. Dazu muss man nichts weiter als den Standort oder die Ländereinstellungen von Handy oder Computer kennen. Trotzdem zeigt der Fall eines klar: Das Internet ist nicht mehr neutral.
Google sucht für jeden anders
Meistens fällt das gar nicht auf. Dabei ist es längst nicht mehr nur vom Land abhängig, was uns das Internet zeigt. Immer öfter sehen wir nicht einmal mehr dasselbe wie unser Büronachbar.
Das fängt bei der Google-Suche an: Welches Ergebnis an welcher Stelle angezeigt wird, ist davon abhängig, was Google glaubt, dass uns interessiere. Das wiederum setzt sich sehr wahrscheinlich zusammen aus Sachen, die wir früher schon einmal gesucht haben; welche Resultate wir dabei angeklickt, worüber wir in E-Mails geschrieben oder was wir im Kalender gespeichert haben – solange wir dafür Google-Dienste nutzen.
Was genau in den Filter hineinfliesst, weiss allerdings niemand. Auch Facebook zeigt uns die Statusmeldungen unserer Freunde nicht mehr chronologisch, sondern bevorzugt Einträge von Leuten, auf deren Postings wir besonders oft klicken oder denen wir regelmässig schreiben.
Personalisierte Werbung ist längst normal
Selbst beim Einkaufen kommen wir nicht an massgeschneiderten Angeboten vorbei. Der britische Grossverteiler Tesco etwa passt seinen Onlineshop mithilfe der Daten von Kundenkarten und aus dem Internet an die Kaufkraft der Kunden an. Wer teuer einkaufe, sehe als Erstes den Rauchlachs. Wer immer etwas knapp sei, die Aktion mit den gebackenen Bohnen aus der Dose, schreibt die «Daily Mail». Viele Shopping-Websites machen das heute ähnlich. Werden sie von Frauen angesurft, zeigen sie Schuhe und Handtaschen, Männer sehen Elektronik und Sportsachen.
Auch personalisierte Werbung ist nichts Besonderes mehr. Bis zu 100'000-mal in der Sekunde entschieden die Ausliefersysteme von digitaler Werbung basierend auf bestimmten Kriterien, wer gerade welches Inserat zu sehen bekomme, schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Wer darauf achtet, sieht beim Surfen plötzlich überall den Onlineshop, bei dem man zuletzt beinahe etwas gekauft hätte. Das ist kein Zufall.
Die perfekte Überwachung
Neue Phänomene sind das nicht. Amazon gibt seit Jahren Bücherempfehlungen basierend auf früheren Einkäufen ab und schreibt die Nutzer mit spezifischer Werbung an. Mit der zunehmenden Vernetzung und Digitalisierung unseres Alltags nehmen die Möglichkeiten der Firmen jedoch neue Dimensionen an. Heute sind wir in der Lage, einen Grossteil unseres täglichen Bedarfs via Internet zu decken: Wir suchen nicht nur im Internet, wir kaufen auch hier ein, wir treffen unsere Freunde online, wir lesen die Zeitung im Internet. Wir buchen die Ferien im Netz und bewerten danach das Hotel auf einem Webportal. Wir laden unsere Joggingstrecke hoch oder veröffentlichen die Fotos unserer Bergtour. Wir diskutieren unsere Krankheitsgeschichte im Forum oder holen uns Finanztipps via Twitter.
Und es geht noch weiter. Mit dem Smartphone tragen wir inzwischen mehr Sensoren mit uns herum, als einem ganzen Überwachungsstaat noch vor zehn Jahren zur Verfügung standen. Ein Gerät wie das iPhone kennt unsere Position, weiss, wie schnell wir uns bewegen. Und wann wir seine Lage verändern. Die intelligenten Handycomputer wissen, wann wir ein Foto machen und vielleicht sogar wovon.
Alle diese Daten fallen an – und werden fast immer auch irgendwo gesammelt. Kommt hinzu, dass das Handy über eine Seriennummer verfügt, auf die manche Apps zugreifen können – und uns so zweifelsfrei identifizieren. Dasselbe droht uns künftig überall: Mit dem neuen Standard namens IPv6 für das Internetprotokoll bekommen bald sämtliche ans Internet angeschlossenen Geräte eine feste Adresse – und werden damit unverwechselbar.
Das «Öl des 21. Jahrhunderts»
Die Datensätze von und über uns, die so entstehen, sind eine wertvolle Ressource: «Unsere Daten sind das virtuelle Öl des 21. Jahrhunderts, mit dem die IT-Unternehmen und andere unfassbar viel Geld verdienen können», sagt etwa Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Uni St. Gallen. «Wir werden zu Produkten, die zwischen Google, Facebook & Co. und anderen Akteuren der digitalen Wirtschaft vermakelt werden.»
Tatsächlich basiert das Geschäftsmodell vieler Internetfirmen darauf, dass sie den Nutzern im Tausch gegen deren Daten eine kostenlose Dienstleistung anbieten. Die Rechnung geht auf: Google nimmt mit Werbung etwa 100 Millionen Dollar ein – pro Tag. Bei Facebook sind es etwa zehnmal weniger oder rund 3 Milliarden pro Jahr. Und immer neue Unternehmen springen auf den Zug auf. So machte die «Financial Times» letzten Monat bekannt, dass neu auch Mastercard die Daten der Kreditkartennutzer analysiert – und verkauft.
Noch einen Monat zuvor änderte Coop die allgemeinen Geschäftsbedingungen seiner Supercard. Neu stimmen die Kunden explizit zu, dass der Grossverteiler die Daten nutzen darf, um systematische Kundenprofile zu erstellen – die er auch mit Partnern teilen will – zu denen unter anderem die Mastercard-Konkurrentin Visa gehört.
Das Problem ist Intransparenz
Problematisch ist nicht das Geschäftsmodell per se. «Wenn ich weiss, dass ich eine gute Gegenleistung bekomme, stelle ich dafür gern meine Daten zur Verfügung», sagt Meckel. Zwingende Voraussetzung ist für die mehrfache Buchautorin jedoch: «Wir sollten zumindest mitreden dürfen, wer sich unsere Datenassets zunutze macht und wie.» Das Schlagwort ist Transparenz. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wer welche Daten sammelt und an wen und zu welchem Zweck verkauft, sondern auch darum, wie die Verwendung dieser Daten unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Ein Beispiel dafür ist eine Anekdote älteren Datums aus der FAZ. Darin wird beschrieben, wie in Deutschland Werbe-Pop-ups auf den Websites von Qualitätszeitungen eingeführt wurden – unter Umgehung des erbitterten Widerstands der Redaktion, ohne dass diese es bemerkt hätte. Die Werbefenster, die sich über die Website legen, wurden auf den Computern der Journalisten nämlich gar nicht angezeigt. «Angeblich wurden von einigen besonders kritischen Personen sogar die privaten IP-Adressen ermittelt, um auch dort für eine heile Welt zu sorgen», erzählt Internetunternehmer Stephan Noller, der die Interessen der europäischen Internetwirtschaft beim Branchendachverband IAB Europe in Brüssel vertritt.
Neue Datenschutzgesetze
Wie man Transparenz und Datenschutz in dieser neuen Welt regeln soll, ist offen. Wie will man verhindern, dass jemand entscheidet, was wir auf dem Bildschirm sehen, ohne dass wir von diesem Filter und seinen Kriterien wissen?
Die Regulierungsbehörden verschiedener Länder beissen sich derzeit an solchen Fragen die Zähne aus. Bislang gibt es erst vereinzelt Ansätze, die zudem immer nur einen Teil des Problems adressieren. Etwa das Cookie-Gesetz in Grossbritannien und Frankreich, das eigentlich auf einer EU-Richtlinie basiert: Demnach müssen die Nutzer einwilligen, dass ihre Bewegungen im Internet aufgezeichnet werden dürfen.
Oder das Recht auf Vergessen, wie es im Entwurf des neuen Datenschutzgesetzes für die EU erwähnt wird. Demnach sollen Nutzer die Möglichkeit erhalten, ihre Daten zu löschen oder nur befristet zur Verfügung zu stellen. Ein anderer Aspekt des Brüsseler Entwurfs ist die Möglichkeit, Daten mitzunehmen – etwa wenn man von Facebook auf ein anderes soziales Netzwerk zügelt. Gegen diese Bemühungen laufen die Lobbyisten der amerikanischen Internetunternehmen Sturm. Kritiker monieren etwa, dass ein Recht auf Vergessen sich faktisch nicht durchsetzen lässt. Darob ist ein wüster Streit entbrannt.
Strengere Datenschutzeinstellungen gefordert
In der Schweiz steht ebenfalls eine Revision des Datenschutzgesetzes an, allerdings nicht unmittelbar bevor. Der Bundesrat hat dem Bundesamt für Justiz den Auftrag erteilt, bis 2013 zu klären, welche Massnahmen zu einer Verbesserung der Situation führen würden. Offenbar hofft die Regierung darauf, sich den europäischen Regeln anhängen zu können. Die Schweiz hat sogar beantragt, bei den EU-Beratungen dabei zu sein, wurde aber nicht zugelassen.
Der eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür hat seine Vorstellungen schon präsentiert. Er wünscht sich neben dem Recht auf Vergessen, dass neue Technologien von Anfang an auf ihre Schwächen geprüft werden (Privacy by Design). Ausserdem sollen Unternehmen wie Facebook verpflichtet werden, standardmässig die strengsten Datenschutzeinstellungen vorzunehmen.
Erstellt: 03.12.2012, 10:28 Uhr
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