Hintergrund

«Das brutalste Business»

Ruinöser Preiskampf und hausgemachte Probleme: Die Fernsehhersteller haben im letzten Jahr Milliarden verloren. Die Hoffnungen ruhen nun auf Ultra-HD. Doch Sony und Co. könnte der Mobiletrend zum Verhängnis werden.

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Wer vor Weihnachten einen Fernseher gekauft hat, dürfte sich gehörig ärgern. Die Unterhaltungselektronikhändler überbieten sich derzeit mit Tiefstpreisangeboten. Mediamarkt etwa verkauft derzeit einen LED-46-Zöller mit Full-HD-Auflösung für 777 Franken – inklusive vier Shutter-Brillen für 3-D-Inhalte. Ebenfalls mit Toppreisen aufwarten kann Digitec. Beim Onlinehändler ist ein 50-Zoll Full-HD-Plasma-TV für unter 700 Franken zu haben.

Michael Zöller, Senior Director für Sales & Marketing bei Samsung, beobachtet die Entwiclung mit Sorge: «Vor zehn Jahren hat ein 40-Zoll-Flachbildfernseher mit einer Bildschirmauflösung von 1280 mal 768 (also HD, nicht Full-HD) noch 8000 Euro gekostet.» Wie dramatisch der Preiszerfall in der Fernsehbranche ist, hat kürzlich an einer von der IFA organisierten Tagung auch Hans-Joachim Kamp vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie (ZVEI) skizziert: 2007 habe ein Fernseher durchschnittlich 789 Euro gekostet, 2012 waren es noch 593 Euro. Im vergangenen Jahr habe die weltweite TV-Industrie zwölf Milliarden Euro in den Sand gesetzt. «Das brutalste Business», folgert Kamp, «ist das TV-Business.»

Mitziehen mit den Kampfpreisen

Wie ist die für die Konsumenten segensreiche und für die Hersteller katastrophale Preisentwicklung zu erklären? «Dass die Preise für Flachbildschirme dermassen dramatisch zusammengebrochen sind, hat nicht nur einen Grund», weiss der weltweit anerkannte Fernsehexperte Albrecht Gasteiner vom HDTV-Forum Schweiz.

Der harte Wettbewerb habe auf die Preise gedrückt, gleichzeitig aber könnten manche Hersteller auf älteren, eigentlich schon abgeschriebenen Fabrikationsanlagen günstig weiter produzieren. «Dass diese Geräte meist nicht dem neuesten Stand der Technik entsprechen, ist vielen Leuten egal, ihnen geht es nur um den niedrigsten Preis. Das hat die anderen Firmen gezwungen, mit diesen Kampfpreisen mitzuziehen – oft mit defizitärem Ergebnis.»

Qualität spielt in der Werbung nur untergeordnete Rolle

«Dass der Preiskampf viele Hersteller an die Grenze zum Ruin getrieben hat, lässt sich nicht wegdiskutieren», so Gasteiner weiter. Jammern aber sei fehl am Platz: «Manche Hersteller sind an dieser Entwicklung mitschuldig. Denn über viele Jahr hinweg haben sie weniger mit den herausragenden Qualitäten ihrer Produkte geworben als mit dem Argument: ‹Meine Geräte sind billiger als die der Konkurrenz.›» Um wie viel besser, vielseitiger und auch dauerhafter ein Modell von hoher Qualität sei, habe in der Werbung oft nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Innovation, so das einhellige Urteil der Experten an der IFA-Tagung, ist die Grundvoraussetzung für höhere Umsätze. Dafür aber muss erst mal Geld verdient werden – ein Teufelskreis. «Wo die Profite wegbrechen, fehlt das Geld für Forschung und Entwicklung, zum Beispiel für wichtige Investitionen in neue Techniken wie etwa Oled», beobachtet Gasteiner.

Ungeliebtes Klumpenrisiko

Als Folge davon versuchen nun praktisch alle grossen Hersteller vom ungeliebten Klumpenrisiko Fernsehen wegzukommen. Sie suchen nach neuen, profitablen Geschäftsfeldern. Dazu gehören Batterien für Elektroautos, Haushaltgeräte (vom Lockenwickler bis zu Kühlschrank und Waschmaschine), Haustechniksteuerungen (von der Energiegewinnung bis zur Heizung und Lüftung). Auch die Medizinaltechnik soll zum lohnenden Engagement werden.

Natürlich halten Sony, Samsung, Panasonic und Co. an der TV-Herstellung fest. «Praktisch alle grossen Firmen suchen ihr Heil zugleich auch in der Flucht nach vorne», so Albrecht Gasteiner. Konkret bauen alle Produzenten die neue 4-K-Technik (3840 mal 2160 Pixel) aus. «Ultra-HD bringt Bilder von nie vorher gesehener Klarheit und Detailgenauigkeit ins Wohnzimmer – und die Hersteller hoffen, dieses zweifellos zukunftsweisende Konzept werde den Kunden auch den Aufpreis wert sein.»

Mehr Tablets als Fernseher

Doch auch die 4-K-Technik ist keine Garantie für den Erfolg: Ungemach droht von viel kleineren Bildschirmen: Elektronikfachmann Jürgen Boyny vom Marktforschungsunternehmen GFK prognostiziert, dass bereits nächstes Jahr weltweit mehr Tablets als Fernseher über die Ladentische gehen werden (siehe Bildstrecke).

So ist kaum absehbar, wie und ob die Fernsehbranche mit den Fernsehtechniken Oled und 4-K einen Weg aus der Krise findet – zumal Inhalte (sprich Filme) mit 4-K-Auflösung Mangelware sind.

50 Zoll und Ultra-HD für 1300 Dollar

Spätestens an der am 6. September beginnenden IFA in Berlin, wo 4-K-Geräte mit bis zu 80-Zoll-Diagonalen zu sehen sein werden, müssen die Hersteller in die Offensive gehen.

Werden die Konsumenten sich auf 4-K-Fernseher stürzen? Sonys 84-Zoll-TV XBR 84X900 taugt mit einem Preis von umgerechnet knapp 24'000 Franken nicht wirklich zum Massenprodukt, budgetfreundlicher sind die Bravia-Geräte XBR-55X900A und XBR 65X900A für umgerechnet 3800 Franken (55 Zoll) respektive 6600 Franken (65 Zoll) . Beide Ultra-HD-Fernseher sollen dieser Tage in den USA in den Verkauf kommen.

Wem auch dies zu teuer ist: Seiki aus China verkauft (derzeit nur in den USA) einen 50-Zöller mit Ultra-HD-Auflösung für umgerechnet 1200 Franken. Bei diesem Preis dürfte es der Käufer verschmerzen, dass der SE50UY04 ohne jeglichen Schnickschnack daherkommt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2013, 10:23 Uhr

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