Hintergrund

«Das elitärere Facebook»

Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter des Datenstriptease: Gerald Reischl über den Kampf um die Vorherrschaft der sozialen Netzwerke, Kinderbilder im Netz und die Vorteile von Google+.

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Gerald Reischl, Sie haben 2008 das Buch «Die Google-Falle» geschrieben. Hat sich der Konzern Ihre Kritik zu Herzen genommen?
Ja. Der Konzern versucht, die Privatsphäre der Nutzer besser zu achten. Allerdings passieren immer wieder Fehler. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Google die Standorte von PCs und Handys speichert. Googles Kapital ist die riesige Datensammlung der Internet-Nutzer. Jeder Bürger kann sich vorstellen, dass dieses Wissen – wer sind die Nutzer, was interessiert sie, was kaufen sie – viel Geld wert ist.

Wer ist denn im Jahr 2011 die grösste Datenkrake?
Google, Facebook, Apple – jeder sammelt auf seine Art Daten. Facebook hat es geschafft, dass die Nutzer freiwillig (zu) viel von sich preisgeben. Ich nenne dies das Datenstriptease-Phänomen: User liefern freizügig Informationen und pfeifen vordergründig auf ihre Privatsphäre. Nach dem Motto: «Ich habe nichts zu verbergen, was soll mir schon passieren.» Sie stellen das Recht der Freiheit, alles über sich verraten zu dürfen, vor den Schutz ihrer Daten.

Hinzu kommen die Facebook-Like-Buttons...
...die im ganzen Web verteilt sind und dem Unternehmen ebenfalls wichtige Informationen liefern. Nämlich, wer sich ausserhalb der Facebook-Weltsicht für was interessiert. Aber: Google ist nach wie vor die grösste Datenkrake, weil das Unternehmen seit über einem Jahrzehnt Daten sammelt und diese nun mit den Daten, welche die User bei Google+ online stellen, komplettiert. Und bald wird das Web auch mit Google+-Buttons voll sein. Schliesslich hat Google seit dem Siegeszug der Android-Smartphones ein weiteres Ass im Ärmel.

Auch Apples Datenhunger ist enorm.
Natürlich müssen Nutzer aufpassen. Allerdings wird – iPad- und iPhone-Hype hin oder her – Apple nie an die Datenmengen von Facebook oder Google herankommen.

Nutzen Sie eigentlich soziale Netzwerke?
Sowohl Facebook als auch Google+ und Twitter. Allerdings vor allem deshalb, um meine berufliche Tätigkeit, sprich Artikel, zu promoten. Wenn ich Privates über mich verbreite, sind es Informationen, die – für mich – harmlos sind und meine Privatsphäre nicht stören. Ich verbreite ganz wenig aus meinem Privatleben. Von meinen Kindern gibt es kein Bild im Web.

Tatsächlich?
Wenn, dann nur Fotos, auf denen sie nicht eindeutig erkennbar sind. Sie sollen selbst einmal entscheiden, was sie ins Web stellen wollen – freilich werde ich ihnen in einigen Jahren sagen, was gescheit und was weniger gescheit ist.

Welches Netzwerk ist aus Ihrer Sicht das Beste?
Beruflich nutze ich derzeit vor allem Facebook. Aber ich weiss nicht, ob Google+ künftig spannender wird. Vordergründig achtet Google+ mehr auf die Privatsphäre, obwohl es auch hier einige Bugs gibt, die eher kritisch zu sehen sind. Etwa das sogenannte Disable Reshare, über das man das Weiterverbreiten der Postings unterbinden kann, welches in der Kommentarfunktion nicht funktioniert.

Wer mehr Privatsphäre will, soll also von Facebook zu Google wechseln.
Ein Wechsel ist Geschmacksache, weil da wie dort fleissig Daten gesammelt und Profile erstellt werden. Der Nutzer muss sich überall datenhygienisch verhalten.

Facebook nähert sich der 800-Millionen-Mitglieder-Marke. Google+ sollen derzeit etwa 20 Millionen nutzen. Hat Google eine Chance gegen den Vorreiter?
Ich denke schon, weil es eine Kombination von FB- und Twitter-Funktionen liefert. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Google+ so was wie ein elitäreres Facebook wird.

Elitärer weshalb?
Weil es auf Facebook zu viele Spam-Probleme gibt und auch die Integration von Werbung mitunter sehr tollpatschig ist.

Facebook hat 750 Millionen Nutzer. Lässt dies darauf schliessen, dass die Datenschutz-Thematik nur ein Expertenproblem ist?
Privatsphäre ist jedem wichtig, egal ob Jugendlicher oder Erwachsener. Aber die Jüngeren sehen meiner Meinung nach ihre Statusmeldungen (ob mit oder ohne Bild) als Äquivalent zum gesprochenen Wort – und das verschwindet ja wieder. Privatsphäre und Datenschutz ist niemandem egal, das Dilemma ist, dass es den meisten nicht bewusst ist, dass sie ihre eigene Privatsphäre untergraben oder zerstören.

Der Vorgänger Google Buzz war ein Flop. Was ist bei Google+ besser?
Es ist besser durchdacht. Man hat zwei Erfolgskonzepte (Facebook und Twitter) kopiert und um einige Funktionen erweitert. Was bei 750 Millionen Nutzern ankommt, kann nicht schlecht sein. Trotzdem ist Google+ nur ein Puzzlestein. Das Ziel von Google ist es, das Web zu dominieren – noch stärker zu dominieren. Man muss die Google-Welt jetzt nicht mehr verlassen, weil man die Web-Welt zu sich ins Google+-Reich holen kann.

Jeff Weiner ist viel kritischer als Sie: «Niemand hat Zeit für Google+», hat der Chef des Facebook- und Google+-Konkurrenten Linkedin kürzlich gesagt.
Wenn niemand Zeit für Google+ hätte, hätte auch niemand Zeit für Facebook. Soziale Netzwerke werden noch grösser, sie werden das Web noch stärker dominieren.

Weiner meint: Es gibt Facebook für den privaten und Linkedin für den beruflichen Bereich.
Das würde bedeuten, dass diese beiden Portale einzementiert wären im Web. Das ist aber nicht der Fall: Das Bessere wird siegen. Das ist vielleicht Facebook, das könnte aber auch Google+ sein.

Erstellt: 28.07.2011, 12:45 Uhr

Umfrage

Hat Google+ eine Chance gegen Facebook?

Ja

 
78.8%

Nein

 
21.2%

1353 Stimmen


Gerald Reischl ist Chefredaktor des österreichischen Technologieportals Futurezone.at und Autor diverser Bücher, darunter Im «Visier der Datenjäger», «Der Internet-Insider» und «Die Google-Falle».

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Kern von Google+ sind sogenannte Circles, in denen Nutzer ihre Onlinefreunde sortieren können. Dazu genügt es, die Freunde mit einem Mausklick in einen oder mehrere Kreise zu ziehen. Darin sehen viele Beobachter den grossen Vorteil von Google+: Die Nutzer können so genau festlegen, welche Informationen für welche ihrer Freunde zugänglich sind. Beim Konkurrenten Facebook ist es sehr viel komplizierter, etwa Statusmeldungen oder Fotos für einzelne Onlinefreunde wie entfernte Bekannte oder Vorgesetzte unsichtbar zu machen. (rek/afp)

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