Daten von Millionen Facebook-Nutzern missbraucht

Cambridge Analytica hat mit Facebook-Daten womöglich die US-Wahl beeinflusst. Facebook verschwieg das Datenleck zwei Jahre lang und muss sich jetzt erklären.

Facebook erfuhr schon 2015 von den Aktivitäten von Cambridge Analytica, informierte seine Nutzer aber nicht über das Datenleck. (Foto: AP)

Facebook erfuhr schon 2015 von den Aktivitäten von Cambridge Analytica, informierte seine Nutzer aber nicht über das Datenleck. (Foto: AP)

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Es ist eine dystopische Vorstellung: Ein paar mehr oder weniger achtsam auf Facebook verstreute Likes können Auskunft geben über das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, die politische Einstellung. Zumindest, wenn man den Algorithmus von Cambridge Analytica benutzt. Der Algorithmus, mit dem die britische Datenanalyse-Firma das Ergebnis der US-Wahl 2016 beeinflussen wollte. Cambridge Analytica hat die Daten von Millionen US-amerikanischen Facebook-Nutzern gesammelt, um daraus eine Software zu bauen, die Wahlverhalten vorhersagen und beeinflussen kann. Im vergangenen US-Wahlkampf hatte Cambridge Analytica eng mit dem Team von Donald Trump zusammengearbeitet. Die britische Firma hatte ausserdem die Pro-Brexit-Kampagne unterstützt.

Cambridge Analytica sammelt Daten, um damit Persönlichkeits-Profile zu erstellen. Mit deren Hilfe lassen sich Nutzer besonders effektiv mit politischen Botschaften ansprechen – bislang ist allerdings unklar, inwieweit solche zielgerichtete Ansprache tatsächlich Wahlentscheidungen beeinflussen kann. Die Firma wurde von Trump-Unterstützer und Hedgefonds-Milliardär Robert Mercer gegründet. Stephen Bannon, der ehemalige Chefberater des US-Präsidenten, sass im Aufsichtsrat der Firma.

Eine Recherche der New York Times und des britischen Observers legt nun offen, dass Cambridge Analytica die Daten, die sich die Firma in unlauterer Weise angeeignet hatte, trotz Aufforderung von Facebook nicht gelöscht hat.

Der Datenpool enthielt mehrere Millionen Profile

Der britischen Sonntagszeitung The Observer verriet Christopher Wylie, der Cambridge Analytica bei der Datenakquise unterstützte, wie genau die Firma dabei vorging: «Wir haben Facebook ausgenutzt, um Millionen von Nutzerprofilen 'abzuernten'. Wir haben dann Modelle gebaut, basierend darauf, was wir über diese Menschen wussten, und ihre inneren Dämonen ins Visier genommen. Das war die Grundlage, auf der das ganze Unternehmen aufgebaut war.»

Wylies Kollege Aleksandr Kogan hatte den Zugang zu persönlichen Daten von 270'000 Facebook-Mitgliedern über eine App gewonnen, die Nutzer herunterladen konnten. Die App mit dem Namen «thisisyourdigitallife» versprach einen Persönlichkeitstest und bezeichnete sich selbst auf Facebook als «Research-App, die von Psychologen benutzt wird». Die Nutzer der App gaben Kogan die Zustimmung, auf Informationen wie Wohnort und Likes zuzugreifen. Die App sammelte jedoch noch weitere Daten, zum Beispiel über Facebook-Freunde und Kontakte. Daraus resultierte ein Datenpool mit mehreren Millionen Profilen, die Kogan an Cambridge Analytica und Christopher Wylie weitergab. Damit aber brach Kogan die Nutzungsbestimmungen von Facebook, die das Sammeln von Freundes-Daten nur erlauben, wenn es zur Verbesserung der Nutzererfahrung dient – und nicht zum Verkauf.

Dokumente, die dem Observer vorliegen, beweisen offenbar, dass Facebook bereits im Jahr 2015 von den Aktivitäten der Firma erfahren, seine Nutzer aber nicht ausreichend über dieses Datenleck informiert hatte. Von Cambridge Analytica, Wylie und Kogan verlangte Facebook demnach, dass die gesammelten Daten unverzüglich zerstört werden. Alle drei bestätigten dies damals, wie New York Times und Observer berichten. Doch den Recherchen der Medien zufolge wurden die Daten nicht gelöscht.

In einem ersten Schritt hat Facebook den Account von Strategic Communication Laboratories, der Mutterfirma von Cambridge Analytica, sowie die Profile der Cambridge-Psychologen Aleksandr Kogan und Christopher Wylie von der Firma Eunoia Technologies gesperrt.

US-Politiker fordern strengere Regeln für soziale Netzwerke

Im US-Kongress wurden nach Bekanntwerden der Affäre Forderungen nach strengeren Auflagen für Facebook laut. Es sei deutlich geworden, dass die Internetdienste sich nicht selbst regulieren könnten, schrieb die Senatorin Amy Klobuchar am Samstag auf Twitter. «Sie haben gesagt, 'vertraut uns'. Mark Zuckerberg muss vor dem Justizausschuss des Senats aussagen», sagte die Demokratin, die selbst im Ausschuss sitzt, über den Facebook-Chef.

Ihr Parteikollege Mark Warner verglich die Lage in der Online-Werbebranche mit dem Wilden Westen. Es sei klar, dass «dieser Markt weiter anfällig für Betrug und durch mangelhafte Transparenz geprägt sein wird, wenn er unreguliert bleibt».

Die Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Massachusetts nahm am Samstag Ermittlungen in dem Fall auf. Auch die britischen Datenschutzbehörden kündigten eine Untersuchung darüber an, wie Facebook mit Daten seiner Kunden umgeht. Das grösste soziale Netzwerk steht bereits im Zusammenhang mit der Russland-Affäre unter Druck. Facebook hatte im September eingeräumt, dass in den Monaten vor und nach der US-Wahl etwa 3000 Anzeigen mit polarisierenden Inhalten geschaltet worden seien. Die Auftraggeber sässen vermutlich in Russland. Schon damals waren in den USA Forderungen aufgekommen, Konzerne wie Facebook strenger zu regulieren.

Erstellt: 18.03.2018, 13:27 Uhr

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