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Der «Kill-Switch» lockt

Nicht nur autoritäre Regimes, auch westliche Demokratien möchten das Netz der Netze «im Notfall» ausschalten können.

Kaum zu stoppen: Der Informationsfluss sucht und findet immer einen Weg – auch nach Kairo und aus Kairo heraus.

Kaum zu stoppen: Der Informationsfluss sucht und findet immer einen Weg – auch nach Kairo und aus Kairo heraus. Bild: Keystone

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Ägypten ist draussen. Am letztem Freitag hat sich das Land am Nil aus dem Internet verabschiedet: ägyptische Websites (mit der Adresse «.eg») sind seither weitgehend lahmgelegt und, für die Leute im Land viel schwerwiegender, kaum jemand kommt mehr via einen ägyptischen Provider ins Internet.

Fehlendes Durchgriffsrecht in der Schweiz

Dass dies so einfach – scheinbar auf Knopfdruck – möglich war, hat mehrere Gründe. Einerseits befinden sich die für die Auflösung der ägyptischen Internet-Adressen zuständigen Server (sogenannte DNS-Server) offenbar allesamt physisch in Ägypten und sind somit dem Zugriff durch regierungstreue Administratoren ausgeliefert. Andererseits hat das Regime in Kairo hinreichend Einfluss auf die – gehorsamen – Internet-Provider, um denen die Abnabelung schlicht zu verordnen.

In der Schweiz wäre das nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen. Denn die DNS-Server, die für die Erreichbarkeit der «.ch»-Websites sorgen, stehen nicht alle in der Schweiz. Würden bei uns alle abgeschaltet, würden einfach die DNS-Server im Ausland übernehmen. Viel wichtiger aber ist, dass bei uns niemand in der Regierung ein Durchgriffsrecht à la Mubarak hat und den hiesigen Providern eine Abschaltung einfach befehlen könnte. Würde die Bundespräsidentin mitten in der Nacht bei Sunrise, Swisscom & Co. anrufen und die Abschaltung des gesamten Internets fordern, würde man das wohl für einen Jux-Anruf halten – und das ist gut so.

Massive Kollateralschäden

Dennoch kommen auch in der westlichen Welt immer wieder Gelüste auf, dem Internet einen Notausschaltknopf, einen sogenannten Kill-Switch, zu verpassen.Im amerikanischen Parlament etwa wird bereits zum fünften Mal ein Gesetz debattiert, das dem US-Präsidenten genau jene Macht verleihen soll, die sich die Mubaraks der Welt einfach nehmen. Der Internet-Kill-Switch soll, so argumentieren die Befürworter, im Falle eines Cyber-Angriffs auf die strategische Infrastruktur (etwa die Wasser- oder Energieversorgung) das Land vor dem Schlimmsten bewahren – indem sämtliche Verbindungen gekappt werden.

Ob eine solche Massnahme technisch überhaupt machbar wäre, ist fraglich. Sicher ist, dass sie, selbst wenn sie nur von kurzer Dauer wäre, zu massiven ökonomischen Kollateralschäden führen würde. Ginge es nach den Befürwortern, wäre zudem jegliche Haftung von vornherein ausgeschlossen. Und wer garantiert, dass der Präsident dereinst der Versuchung widerstünde, etwa bei sozialen Unruhen oder unliebsamen Demonstrationen im Lande auf den besagten Knopf zu drücken?

Information findet immer einen Weg

Immerhin hat das Gesetz vorerst auch im aktuellen Anlauf keine Chance, angenommen zu werden. Nicht, solange die Regierung offiziell das Vorgehen Ägyptens verurteilt. Insofern hat Mubaraks Internet-Abschaltung immerhin einen positiven Nebeneffekt.

Ausserdem zeigt sich am Fall Ägypten, dass sich Informationen immer ihren Weg suchen und finden. Fällt eine Technologie aus, steigen die Leute rasch auf eine andere um. So kann seit gestern etwa wieder aus Ägypten hinausgetwittert werden, via Telefon. Google nimmt Sprachnachrichten entgegen, wandelt diese automatisch in Text um und twittert sie in die Welt hinaus.

Viel wichtiger für die Ägypter dürften allerdings Lowtech-Kanäle sein – nicht zuletzt die gute alte Mundpropaganda. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2011, 19:43 Uhr

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