Der Publizist als Dampfkochtopf

Chefredaktor Hansi Voigt und sein Team haben «Watson» aufgeschaltet, das neue Medienportal.

«Ich ziehe das Vertrauen vor, erwarte allerdings auch Verantwortung»: «Watson»-Chefredaktor Hansi Voigt.

«Ich ziehe das Vertrauen vor, erwarte allerdings auch Verantwortung»: «Watson»-Chefredaktor Hansi Voigt. Bild: Esther Michel

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Er ist nicht der Messias und sieht auch nicht aus, als würde er in eine Bergpredigt ausbrechen. Bevor man ihn auf die Schlagzeile ansprechen kann, die dem «Schweizer Journalist» als Frage eingefallen ist, dementiert er sie mit Ausdrücken jenseits des Zitierbaren. Er sei ein zutiefst unreligiöser Mensch, sagt er noch, «und wenn man mich schon zur Weihnachtszeit zum Messias erklärt, was bin ich dann an Ostern?».

Wäre er eine Comicfigur, man könnte ihn sich als Gallier bei Asterix vorstellen. Stünde er in der Küche, er zischte als Dampfkochtopf auf glühender Platte. Und als Publizist? Hansi Voigt wird als Chefredaktor beschrieben, der immer noch wie ein Journalist denkt. Und ein Macher ist, der es nicht erwarten kann, endlich wieder loszulegen. Man merkts. Es redet aus ihm, er beschwört und gestikuliert, räumt ein und streitet ab, fragt nach und gibt zu. Ein Einbrocker, ein Aufbrauser, ein Enthusiast. Der vom Ehrgeiz angetrieben wird, beweisen zu können, was er versprochen hat: dass sich der Journalismus noch lohnt.

«Der Klick ist die dümmste Währung»

Seit Mittwochabend treten er und sein 60-köpfiges Team die Beweisführung an: Sie haben von ihrer Zentrale beim Zürcher Schiffbau Watson aufgeschaltet, das neue Onlineportal, das in der Branche seit Monaten zu reden gibt. Die Zeitung verzichtet auf eine Printausgabe, erscheint konsequent multimedial und soll, sagt jedenfalls ihr Chefredaktor, das Schnelle mit dem Gründlichen, die Trendmeldung mit der Recherche, das Gefällige mit dem Seriösen kombinieren. «Wir wollen nicht am meisten Klicks», sagt er, «denn der Klick ist die dümmste mögliche Währung im Online-Journalismus. Wir wollen Stammleser.»

Voigt operiert als erfahrener Chef in einem neuen Umfeld. Der 50-jährige Aargauer arbeitete unter anderem bei «Cash» als Blattmacher, als Textchef des «Beobachters» und führte bei Tamedia «20 Minuten online» zum Erfolg. Jetzt will er mit den 20 Millionen des Aargauer Verlegers Peter Wanner die Zweifler der Branche widerlegen, die seiner papierlosen Zeitung keine zwei Jahre geben. «Ich habe eine grossartige Redaktion, und wir sind hoch motiviert», sagt er, der nichts davon hält, Journalisten Vorschriften zu machen, «ich ziehe das Vertrauen vor, erwarte allerdings auch Verantwortung.»

Qualitätsanspruch nicht immer erfüllt

Stil sei ihm wichtig, schiebt er nach, der als Schreiber nicht aufgefallen ist und nicht als Intellektueller gehandelt wird. Dass er seine Leute entflammen kann, dass er mit Umsicht, Engagement und Humor agiert, dass ihm Hierarchien egal und Argumente wichtig sind, bekommt man von allen Seiten zu hören. Man spürt es auch im Gespräch mit ihm, das in einem kahlen Büro der Redaktion abgehalten wird, während draussen die Tastaturen klappern und obendran einer bohrt.

Hansi Voigts Erfolg bei «20 Minuten online» macht vergessen, dass er den Qualitätsanspruch nicht immer eingehalten hat, dem er nachstrebt. Auch unter ihm wurden aus der Boulevardpresse hastig zusammengeschriebene Artikel veröffentlicht, und mit der überhitzten Verschwörungstheorie zum Fall Natascha Kampusch vermochte sich das Blatt nicht zu empfehlen.

Eine Rubrik namens Yolo

Es gibt übrigens kein Kulturressort bei Watson, die Kultur wird über zwei Rubriken verteilt. «Gesellschaft» heisst die eine, «Yolo» die andere: You only live once. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2014, 22:09 Uhr

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Watson werde rund um die Uhr eine eigenständige Mischung aus Nachrichten, Sport, Unterhaltung und Digital-Berichterstattung bieten, teilte das Zürcher Start-up Fixxpunkt AG mit.

Gegründet wurde die Firma vom ehemaligen 20-Minuten-Online-Chefredaktor Hansi Voigt. Nach seinem Abgang bei Tamedia warb er über 40 ehemalige Kollegen und Kolleginnen für sein Projekt an. Heute zählt das Watson-Team rund 50 Mitarbeitende.

Inhaltlich wird Watson mit der deutschen Nachrichten-Plattform Spiegel online zusammenarbeiten. Wer Watson besucht, hat gemäss Mitteilung Zugriff auf die Artikel der Spiegel-Journalisten.

Grösstenteils finanziert wird das Projekt vom Aargauer Verleger Peter Wanner. Die AZ Medien AG und Wanners private BT Holding AG sind mit je 42,5 Prozent an Voigts Fixxpunkt AG beteiligt. 10 Prozent der Aktien sind für die Gründer reserviert, 5 Prozent für die Mitarbeitenden.

Die Macher von Watson rechnen mit einem Finanzierungsbedarf von 20 Millionen Franken für die nächsten drei bis vier Jahre. (sda)

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