Hintergrund

Der iFrust

Die Nachfrage nach Datenkommunikation via Handy und Notebooks ist 2010 explosionsartig gestiegen. Eine mögliche Folge: Besonders zu Pendlerzeiten kommt das Surfen mit iPhone und Co. ins Stottern.

Immer häufiger offline: Pendlerin mit Smartphone.

Immer häufiger offline: Pendlerin mit Smartphone. Bild: Keystone

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Leser Marco Schnellmann (Name geändert) ist überzeugt: «Früher war es einfacher, mit dem iPhone zu surfen. Vor allem am Morgen ist das mobile Internet sehr langsam.» Ein anderer Nutzer, der täglich von Zürich nach Luzern pendelt, beschreibt das Problem folgendermassen: «Besonders zu Stosszeiten ist Geduld gefragt: Sitzt man beispielsweise im Zürcher HB in einem Zug und will mit dem Smartphone surfen, geht es minutenlang gar nicht oder nur sehr langsam.»

«Dann führt das zu einem Datenstau»

Internetexperte Guido Rudolphi überrascht dies nicht: «Es gibt immer mehr mobile Geräte und die meisten von ihnen können mehrere Programme gleichzeitig laufen lassen. Wenn Nutzer aber parallel Videos herunterladen, ihre Mails checken und im Hintergrund der Browser läuft, führt das zu einem Datenstau.» Der Geschäftsführer des IT-Beratungsunternehmens Netmon beobachtet täglich, dass Nutzer auf Smartphones ihre Browser nicht richtig konfiguriert haben: «Sie surfen etwa auf Sites mit viel Werbung und laden diese gleich mitherunter.»

«Wir schaffen es kaum, die Netzkapazitäten hinzustellen»

Gibt es Probleme mit dem mobilen Internet, wenn zu Pendlerzeiten zehntausende Schweizer mit ihren Gadgets surfen, und wenn ja warum? Swisscom-Sprecher Olaf Schulze relativiert: «Uns sind keine generellen Störungen im UMTS-Netz bekannt. Auch nicht, dass es zu laufenden Engpässen kommt – trotz der rasanten Entwicklung im mobilen Datenverkehr.»

Wie schnell dieser wächst, konkretisierte Swisscom-Chef Carsten Schloter unlängst in einem Interview mit der «Handelszeitung»: «Das Volumen im Mobilfunknetz hat sich bei Swisscom 2010 vervierfacht. Wir schaffen es kaum, die Netzkapazitäten hinzustellen, welche die steigende Nutzung fordert.» Schulze gibt denn auch zu: «Die Versorgung der Bahnwagen ist eine grosse Herausforderung.»

Verdreissigfachung des Datenvolumens bei Orange

Auch Konkurrent Orange kann die Nachfrage nach Datenkommunikation kaum befriedigen: «Wir stellen eine ähnliche Entwicklung bei der Nachfrage nach Datenkommunikation fest wie die Swisscom», so Unternehmenssprecherin Marie-Claude Debons. «Das Datenvolumen, das über unser Netz läuft, hat sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren um das dreissigfache erhöht.» Allein im letzten Jahr habe sich die Anzahl Kunden, die das mobile Breitband von Orange nutzen, beinahe verdoppelt.

«Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen», ist Debons überzeugt. Dass Orange derzeit nur auf einen Mobilfunkanteil von 20 Prozent kommt, ist für den Swisscom-Konkurrenten für einmal positiv. Denn: «Beim Thema Kapazitäten auf dem Netzwerk – und insbesondere bei der mobilen Breitbandkommunikation – ist der kleinere Marktanteil ein Vorteil. Nur rund ein Fünftel der Schweizer Mobilfunkkunden nutzen unsere Angebote während es bei der Ex-Monopolistin drei Fünftel sind.» Da die mobilen Breitbandkapazitäten so genannte «Shared Capacities» seien, könne Orange pro Kunde eine zufriedenstellende Kapazität zu Verfügung stellen und habe darum wenig Qualitätsprobleme.

Sunrise: «Stehen nicht unter Druck»

Und der dritte Anbieter im Schweizer Mobilfunkmarkt? «Unsere Netzauslastung», erklärt Sunrise-Sprecher Roger Schaller, «ist nicht so hoch wie in anderen Schweizer Mobilfunknetzen, wo sich mehr Kunden die gleiche Bandbreite teilen, was zu tieferen Geschwindigkeiten und Netzüberlastungen führen kann. Deshalb steht Sunrise nicht unter Druck.»

Dies könnte sich jedoch schnell ändern: Die Unternehmensberatung A. T. Kearney warnt, dass das Netz zu ersticken droht. Um das wachsende Datenvolumen zu bewältigen, müssten Netzbetreiber in Europa Milliardenbeträge investieren. Gemäss den Kearney-Experten verdoppelt sich der mobile Datenverkehr alle zwölf Monate, im Festnetz müsse hingegen «nur» mit einer Zunahme von jährlich etwa 30 Prozent gerechnet werden.

Auch dem Festnetz droht ein Datenstau. Spätestens 2012, so das Resultat einer Studie von Nemertes Research aus dem Jahr 2009, könne die Bandbreiten-Nachfrage der Internetnutzer nicht mehr gedeckt werden. Online-Dienste, die eine hohe Bandbreite erfordern, beispielsweise das Video-Streaming, würden dann nicht mehr zur Zufriedenheit der Nutzer funktionieren.

Wer viel surft, wird mehr zahlen müssen

A.T. Kearney ist überzeugt, dass das mobile Internet künftig teurer wird. Ein Szenario, das auch der Swisscom-Chef nicht ausschliesst. Wer viel surft, müsse sich auf höhere Preise einstellen, so Schloter gegenüber der «Handelzeitung»: «Solche Modelle gibt es bereits im Festnetz, und sie werden sicherlich auch im Mobilfunk Einzug halten.»

Erstellt: 02.02.2011, 11:45 Uhr

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