Die Debatten-Terroristen

Derailing, also eine Diskussion gezielt entgleisen zu lassen, macht sich im Netz breit.

Im Netz treffen viele Meinungen aufeinander – und können manipuliert werden. Foto: Pogonici

Im Netz treffen viele Meinungen aufeinander – und können manipuliert werden. Foto: Pogonici

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Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es mehr Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und zu diskutieren. Und noch nie gab es wohl mehr Geschwätz, denn leider kann die Diskussionskultur mit den technischen Möglichkeiten nicht Schritt halten. Die früh aufgekeimten Hoffnungen auf demokratischere Informationsflüsse haben heute der Ernüchterung Platz gemacht. Denn letztlich ist das Netz auch nichts anderes als ein Pausenplatz: Da wird nicht nur gespielt, da werden vor allem Hackordnungen etabliert.

Das Stichwort der Stunde dazu lautet Derailing, zu Deutsch entgleisen. Darunter versteht man das bewusste Manipulieren einer Diskussion durch Beiträge, die mit dem ursprünglichen Sachverhalt nichts zu tun haben.

Das Netz ist wie ein Pausenplatz. Es geht um Hackordnungen.

Die Strategie ist in den Online- und den sozialen Medien weit verbreitet: Ein Mann dreht durch und tötet seine Familie, was eine Diskussion über Armeewaffen zu Hause auslöst – und ein Diskussionsteilnehmer argumentiert vehement und immer wieder dahin gehend, dass auch Männer von der Gesellschaft benachteiligt werden.

Ein Artikel schildert, wie Schlepper das Leiden und Sterben von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa bewusst in Kauf nehmen – und ein Kommentator will unbedingt darüber diskutieren, dass die meisten Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien ohnehin Wirtschaftsflüchtlinge seien.

Oder das Bild eines toten Knaben am Strand löst weltweit Solidarität mit den Flüchtenden aus – und ein SVP-Politiker will plötzlich wissen, dass das Bild inszeniert wurde.

Der Unterschied zum Troll

Anders als der Troll gibt sich der Derailer interessiert und liefert oft auch Fakten zu seinen Behauptungen. Leider aber haben die mit dem Ursprungsthema meistens nichts zu tun. Und so ist Derailing eine oft gezielt und von bezahlten Agents Provocateurs angewendete Strategie mit dem Zweck, die ursprüngliche Diskussion zu unterbinden, in eine von ihnen gewünschte Richtung zu lenken und die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Auch wenn viele Kommentare im Netz eher semibewussten Lautäusserungen wie Rülpsen ähneln als artikulierten Argumenten: Letztlich geht es hier um Kommunikation und damit um Rhetorik. Derailing ist keine neue, sondern eine bekannte und in der Politik gern benutzte rhetorische Strategie. Es handelt sich dabei um das Ablenkungsmanöver – gern in politischen Debatten angewendet, um die Diskussion von heiklen Themen auf solche zu lenken, mit denen sich besser punkten lässt.

Beliebte rhetorische Taktiken

Seit der Begriff Derailing im Netz aufgetaucht ist, wird er kontrovers diskutiert. Die Gegner argumentieren, es handle sich dabei um einen Kampfbegriff von Emanzen und linken Gutmenschen, um andere Positionen als ihre eigenen zu diffamieren. Doch das ist Unfug. Diskussionen entgleisen nicht dann, wenn es kontroverse Meinungen zu einem Thema gibt. Sondern wenn unlauter und unlogisch argumentiert wird.

Die Strategie steht in einer Reihe mit anderen rhetorischen Taktiken, die ebenfalls gern in Netzdiskussionen zum Zug kommen: das Argument ad hominem, also die Person anstatt den Inhalt anzugreifen. Das Argument ad populum, also die Mehrheit als Kronzeugen aufzurufen. Oder das Strohmann-Argument: Dem Diskussionsgegner eine Position zu unterstellen, die er nie eingenommen hat, und diese Position zu attackieren. Der Gegner wird so in die Verteidigung gezwungen und entfernt sich damit vom ursprünglichen Diskussionsthema.

Ein Moderator ist notwendig

Anders als der Troll geht der Derailer nicht grob und unkontrolliert vor. Vielmehr gibt er sich interessiert und belesen, liefert auch gerne Fakten und Zahlen zum Thema, das er eingebracht hat – nur, dass er konsequent vom Ursprungsthema ablenkt.

Eigentlich hilft nur etwas gegen diese Derail-Strategien: Wie in einer politischen Debatte braucht es einen geschulten Moderator, der die Ablenkungsmanöver erkennen und unterbinden kann. Fehlt ein solcher, folgt die Diskussion ihrer eigenen Dynamik und jeder Debatten-Terrorist kann sie leicht entgleisen lassen. Und so stehen wir in Sachen Kommunikation wieder vor dem alten Sandkastendilemma: So viele Möglichkeiten, schöne Schlösser zu bauen – und leider auch genau so viele Idioten, die sie kaputt machen wollen. Dann verbringen wir den Nachmittag vielleicht doch lieber auf der Schaukel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2015, 17:57 Uhr

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