Die Faktenkrise

Es ist schwierig geworden, verlässliche Informationen zu finden. Für fast jede These lassen sich Belege googlen. Gibt es überhaupt eine Wahrheit? Helfen können Fact-Checker.

Die Fact-Checker der «Washington Post» bewerten dubiose Aussagen mit Pinocchios. Foto: Judith Collins (Alamy)

Die Fact-Checker der «Washington Post» bewerten dubiose Aussagen mit Pinocchios. Foto: Judith Collins (Alamy)

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Der Cursor blinkt. Die Finger flitzen über die Tastatur. «Die Schweizer werden immer ärmer», schreiben sie. Eine Information, die nicht stimmt. Verdreht, verzerrt, verrenkt. Doch der Artikel hat Wirkung. Der Pfeil klickt auf «Hochladen». Der falsche Fakt ist im Netz.

Jeder dritte Schweizer informiert sich über die sozialen und nicht über die traditionellen Medien. Dies zeigt eine aktuelle Bevölkerungsumfrage des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich. Auf unserer Facebookwall herrscht ein Tohuwabohu der Information: eine Politanalyse eines renommierten Journalisten, ein Pandavideo, ein Blogartikel über alternatives Reisen, ein Statement der besten Freundin zur nächsten Abstimmung, eine Wutschrift des Bruders gegen die verspäteten SBB. Jeder kann binnen Sekunden Informationen veröffentlichen. Es gibt keinen Filter, kein Türschloss.

Nicht immer ist es einfach, einzuschätzen, was stimmt und was nicht. Die Grenzen zwischen Fakten und Emotionen verschwimmen. Begriffe wie «Menschenverstand» oder «Bauchgefühl» agieren plötzlich auf der gleichen Ebene wie «Wahrheit» und «Ausgewogenheit». Falschmeldungen spuken durchs Netz. Der Fakt ist in der Krise.

Lügen im Dienste des Volkes?

Auch in der Politik. Die USA seien das Land mit den «höchsten Steuern der Welt», behauptete der designierte Präsident Donald Trump im Wahlkampf mehrfach. Dabei belegen die Steuerranglisten von internationalen Beraterfirmen wie KPMG, dass die USA im Mittelfeld liegen, was die Einkommenssteuern angeht. Egal: Trumps Aussage wirkte auf die Wähler. Niemand zahlt gerne Steuern.

Der künftige Präsident Trump gilt seit diesem Jahr als Meister der verzerrten Information. Doch ist er nicht der Einzige. Gefühle wie Angst oder Wut werden im politischen Diskurs immer wichtiger. Auch wichtiger als reine Fakten.

Manchmal sei eine Lüge in der Politik angebracht, schrieb Moritz Leuenberger in einem Essay im «Tages-Anzeiger»: «Wohlverstanden, wenn sie im öffentlichen Interesse geboten ist, nicht im Interesse des Politikers.» Leuenberger gab zu, er habe Deutschland und Italien gelobt, obwohl sie vertragswidrig die Neat-Anschlüsse nicht vorantrieben: «Ich wollte so verhindern, dass die Nachbarn sich total verweigern.» Mit der gleichen Logik verteidigte der ehemalige Bundesrat eine Lüge des Nationalbankpräsidenten Thomas Jordan. Zwei Tage bevor dieser den Franken vom Euro entkoppelte, trat er noch vehement für den Mindestkurs ein. Später erklärte Jordan, dass es – hätte er die Wahrheit gesagt – zu «spekulativen Attacken auf den Mindestkurs» gekommen wäre. Dies leuchte ein, schrieb Leuenberger.

Oder Christoph Blocher: In seiner Neujahrsrede letztes Jahr wollte er betonen, dass die SVP auf weiter Flur alleine für die Schweiz kämpfe. Er dekorierte seine Aussage mit der Behauptung, von der FDP habe niemand für mehr Grenzkontrollen gestimmt. Das Protokoll aber beweist das Gegenteil: Sieben Freisinnige haben ein «Ja» abgegeben. Hätte Blocher dies erwähnt, wäre die Wirkung seiner Aussage verpufft.

Die Zeit des Google-Wissens

«Die Schweizer werden immer ärmer» steht auf dem Post auf der Facebookwall. Der Artikel stimmt traurig und nostalgisch. Der Leser fühlt sich angesprochen. Den Artikel kurz überflogen, gleitet der Pfeil auf das Däumchen am linken Rand des Posts. Klick, geliked. Klick, geshared.

Die Informationen, die täglich durch unsere Kanäle strömen, überfordern. Wer im Netz surft, trifft auf viele Meinungen. Wir werden täglich damit konfrontiert, dass es noch eine andere Sicht gäbe, dass wir noch mehr wissen müssten, dass die Welt doch nicht so simpel ist. Es bleibt nur die Flucht in heimische Welten. Dort, wo wir bestätigt werden. In diesen sogenannten Filterblasen oder Echokammern gelten andere Regeln. Nicht die Wahrheit bestimmt den Wert der Information, sondern die Zustimmung. Wer hier Likes und Shares kriegt, hat Macht.

Heute herrsche ein Kampf um Zustimmung statt eines Kampfes um Wahrheit, sagt der amerikanische Philosoph Michael Lynch. Dieser gefährde unsere Kompetenz, die Welt richtig einzuschätzen. In seinem Buch «The Internet of Us» schreibt Lynch, Google lasse uns vergessen, wie man richtig lerne. Wir würden keine Verantwortung mehr dafür übernehmen, Informationen zu hinterfragen. Oder einzelne Fakten in einen grösseren Kontext zu setzen. Anstatt zu wissen, würden wir heute «Google-wissen», schreibt Lynch.

«I google, therefore I am not»

Beobachtung, Neugier, Vernunft: Diese drei Kompetenzen kommen uns laut Lynch abhanden. Wir würden verlernen zu lernen. Bald würden wir ohne Google gar nichts mehr wissen und auch nicht mehr wissen, wie man sich neues Wissen aneignet. Eine Reporterin des «New Yorker» formuliert es in Anlehnung an den Philosophen René Descartes so: «I google, therefore I am not», ich google, also bin ich nicht.

Mit dem Zeigefinger scrollt sich der Leser die Face­bookwall hinab. Sein Post mit dem falschen Fakt wurde mittlerweile schon 21-mal geliked und 5-mal geteilt. Auch von einem Lokalpolitiker, der darüber schreibt: «Wählt mich, damit es nicht noch schlimmer wird.»

Der Fakt muss gerettet werden. Doch wie? Diese Frage wird in den nächsten Jahren nicht nur Journalisten beschäftigen, sondern auch Wissenschaftler, Lehrer, Politiker. Vor knapp 20 Jahren beschäftigte sich der Nationalrat mit einer Idee, die verdrehten Fakten auf dem Politparkett den Riegel schieben sollte. Die damalige CVP-Nationalrätin Judith Stamm forderte den Aufbau eines Gremiums, das während Abstimmungskampagnen zur Beurteilung zweifelhafter Aussagen in Werbetexten angerufen werden könnte. Es würden bewusst «Falschinformationen» eingesetzt, um die «Bevölkerung irrezuführen». Das Parlament lehnte diese Wahrheitskommission ab. Sie wäre eine «Bevormundung» des Stimmbürgers, der keine «staatlichen Abstimmungskontrolleure» brauche, hiess es.

Aussagen werden hinterfragt

Obwohl Stamms Idee scheiterte, zeigt sie ein Bedürfnis für die Rettung des Fakts im öffentlichen Diskurs. Ein Ansatz mit viel Potenzial sind Formate, die sich auf die Wiederherstellung der Fakten spezialisieren: Faktenchecks, wie sie auch der «TagesAnzeiger» seit einem Jahr regelmässig durchführt. Solche Checks prüfen Aussagen und Behauptungen von Politikern oder anderen Personen der Öffentlichkeit. Was stimmt, was nicht? Wo werden Informationen verzerrt oder aus dem Kontext gerissen?

Faktenchecks können Aussagen einordnen und helfen, die Orientierung im Informations-Tohuwabohu wiederzufinden. Sie hinterfragen, woher Informationen kommen, sie verwenden unabhängige Quellen: Studien und Statistiken von renommierten Universitäten oder Forschungsinstituten und Originaldokumente wie beispielsweise Parlamentsprotokolle oder Rohdaten. Oder sie machen transparent, wenn es diese nicht gibt. Im Zweifelsfall suchen sie eine zweite Quelle.

Bürger spenden für Fact-Checker

In den USA haben sich Faktenchecks schon etabliert. Während den TV-Duellen zwischen Donald Trump und Hillary Clinton prüfte die Organisation Politifact live, was stimmt und was nicht. Auch Gruppen wie Fact-Check haben sich dieser Arbeit ganz verschrieben. Sie werden durch Spenden finanziert und erhalten seit der Wahl Trumps noch mehr Unterstützung. Der «New York Times» zufolge ist seit dem 8. November die Zahl der Spenden an solche Organisationen sprunghaft angestiegen. Faktenchecks boomen auf der ganzen Welt. Gemäss einer Reuters-Studie sind zurzeit 113 Teams aktiv – 50 davon wurden in den letzten zwei Jahren gegründet.

Der «Africa Check» etwa prüft die Richtigkeit von Angaben mit Afrika-Bezug in traditionellen Medien. So haben die Journalisten falsche Prozentzahlen in einem «Economist»-Artikel aufgezeigt. «Africa Check» besteht aus Journalisten, die von Senegal und London aus arbeiten und wird durch Spenden finanziert. Die Gruppe versucht auch, weit verbreitete Mythen in Afrika zu hinterfragen und ihnen Fakten gegenüberzustellen – beispielsweise dem in manchen Gegenden verbreiteten Glauben, Rhinozeroshörner hätten eine enorme Wirkung für die Potenz und gegen Krebs. Eine Unwahrheit, die jährlich Hunderten Tieren das Leben kostet.

Anders in Osteuropa, wo eher Behörden im Fokus stehen. Die «Funky Citizens» in Rumänien sehen sich als Aktivisten, nicht als Journalisten. Sie haben sich einen Namen als «Wachhunde gegen den Bestechungsmarkt» gemacht. Mit wissenschaftlichen Methoden und Datenbanken prüfen sie die Budgetrechnungen der Institutionen und Beamten. In der Ukraine formierte sich 2014 eine Gruppe Studenten, die sich «Stop Fake» nennt. Sie widerlegen Falschmeldungen im Zusammenhang mit der Annexion der Krim-Halbinsel durch Russland. Eine Universität des Landes hat den Faktencheck sogar in den Studienplan integriert.

Unabhängigkeit als Währung

Die Währung des Faktenchecks ist seine Unabhängigkeit. Sie macht ihn glaubwürdig. In den letzten Jahren wurde der Begriff «Faktencheck» von diversen Gruppen missbraucht. Beispiele dafür sind Hillary Clintons Faktencheck-Seite während des Wahlkampfs oder ein Faktencheck vom Verband Swiss­cleantech zur «Grünen Wirtschaft». Sogar Behörden wie die Gemeinde Möhlin AG strapazieren das Prinzip des Faktenchecks, Letztere in Zusammenhang mit einer Unstimmigkeit zum Landverkauf eines alten Sportplatzes. Weil diese Akteure für eine Seite sprechen, können sie keine Faktenchecker sein. Denn ein Faktencheck prüft nur, ob ein Fakt stimmt – sei dies eine Zahl oder die angebliche Aussage einer anderen Person. Er stützt sich auf verlässliche Quellen und nicht auf eine politische oder ideologische Agenda. Doch er kann und soll nicht prüfen, ob ein Argument oder sogar eine Initiative «gut» ist. Das ist die Aufgabe jedes Einzelnen.

«Die Schweizer werden immer ärmer» steht immer noch da. Unter dem Artikel haben zwei Facebook-Freunde kommentiert. Ein Dritter tippt gerade. «Das stimmt gar nicht», schreibt er. Und hängt eine Grafik mit aktuellen Statistiken an. Der Faktencheck kann eine Möglichkeit sein, den Fakt wieder vermehrt ins Zentrum des politischen Diskurses zu bringen – nicht nur für Medien, Aktivisten oder Wissenschaftler.

Wenn sie für eine Seite sprechen, sind sie keine Faktenchecker.

Es braucht auch Politiker, die sich der Sache verschreiben. Damit Macht durch Wahrheit entsteht, nicht durch Zustimmung. Und es braucht Lehrer, die Medienkompetenzen vermitteln, die Schüler und Studenten auf das «Google-Wissen» vorbereiten. Philippe Wampfler, ein Schweizer Experte für das Lernen mit Neuen Medien, empfiehlt beispielsweise, das Handy in den Unterricht zu integrieren. So könne vorgelebt werden, dass es «professionelle Verhaltensweisen im Umgang mit Technologie» gebe. Der Mensch solle eine lebendige «Infosphäre» kreieren können, doch ohne dass «menschliche Schwächen ausgenutzt werden können».

Das Prinzip des Faktenchecks geht aber auch über das Institutionalisierte hinaus. In der Welt des «Google-Wissens» müssen wir es uns einverleiben. Jeder Einzelne. Denn die Technologie hat sich in den Alltag eingenistet. Das sei per se nichts Schlechtes, sagt der Philosoph Lynch, denn sie gebe uns die Basis, so viel zu wissen, wie niemals zuvor: «Es hängt allein davon ab, wie wir uns die Technologie zunutze machen.»

Wir müssen weiter beobachten, neugierig und vernünftig sein – bevor wir auf den «Share-Button» klicken. I factcheck, therefore I am again.

Die gesammelten Faktenchecks des «Tages-Anzeigers» finden Sie hier.

Erstellt: 20.12.2016, 18:31 Uhr

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