Die Internet-Bescherung ab Satellit

Google und Facebook sind in einem Wettlauf um die Erschliessung der Dritten Welt mit Internetzugang. Das Jungunternehmen Outernet will ihnen bei der digitalen Grundversorgung zuvorkommen.

Der Outernet-Empfänger empfängt Informationen aus der «öffentlichen Bibliothek der Menschheit». Foto: Outernet

Der Outernet-Empfänger empfängt Informationen aus der «öffentlichen Bibliothek der Menschheit». Foto: Outernet

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit einem Kistchen in der Grösse einer Getränkedose will ein amerikanisches Jungunternehmen Google und Facebook überrunden. Das Kommunikationsgerät kommt vom Start-up Outernet. Es heisst Lantern, lässt sich aus Standardkomponenten selbst bauen, und es funktioniert wie ein Transistorradio fürs Informationszeitalter. Thane Richard von Outernet: «Vorstellen kann man es sich wie ein Radio, das Daten anstelle von Musik empfängt. Anstelle von Ton spielt es ein Wi-Fi-Signal.» Über dieses Signal greifen Laptops und Mobiltelefone auf die gesendeten Daten zu.

Die Idee kommt zu einer Zeit, in der sich die grössten Internetkonzerne mit Ankündigungen überbieten: Sie versprechen die komplette Internetisierung des Planeten während der nächsten fünf bis sieben Jahre. Dahinter steckt keine blosse Philanthropie, sondern ein Wettlauf um neue Märkte – vier Milliarden Menschen haben bis jetzt noch keinen Zugang zum Internet. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg selbst sagt: «Unser Ziel ist günstiger Zugang zu grundlegenden Internetdiensten für jede Person auf der Welt.» Das soziale Netzwerk kooperiert mit Unternehmen wie Samsung, Nokia und Ericsson bei Internet.org.

Das Projekt nutzt sogenanntes Zero-Rating: Kostenloses Internet über bestehende Mobiltelefonnetze, zumindest für ein Teilangebot. Zugänglich sind auf ­diesem Weg Wetterberichte, Facebooks Messenger oder Online-Nachschlagewerke. 2014 wurde Mark Zuckerbergs Spar-Internet in mehreren afrikanischen Staaten eingeführt. Der jüngste Neuzugang ist Indien. Wer ein internetfähiges Mobiltelefon besitzt, greift gratis auf Facebook, Wikipedia und andere ausgewählte Seiten zu, bleibt aber vom freien Web ausgesperrt.

Ballone und Drohnen

Breites Medieninteresse erhielten in den letzten Monaten andere Vorhaben, obwohl sie blosse Zukunftsmusik sind. Google testet mit Loon ferngesteuerte Ballone, die in der oberen Atmosphäre stationiert sind und grosse Areale mit drahtlosem Netzzugang abdecken. Auch Facebook-Gründer Zuckerberg plant einen Internetzugang unabhängig von der Infrastruktur am Boden. Solargetriebene Drohnen sollen dereinst abgelegene Gegenden ans Netz bringen.

Outernets Pläne sind bescheidener, dafür aber schon weit gediehen. Gründer Syed Karims «Piratenradio für das Internetzeitalter» sendet bereits jetzt digitale Informationen aus dem Internet. Outernet will den Rest der Welt schneller und billiger als die Konkurrenz erschliessen. Dafür setzt das Start-up mit Satelliteninternet auf eine bewährte Technologie. Sie erschliesst beispielsweise in der Schweiz abgelegene Orte. Die Satelliten für Outernet sind bereits im Orbit, neue milliardenteure Flotten von Drohnen und Hightechballonen nicht nötig.

Outernet verbreitet eine kostenlose, werbefinanzierte Netzbibliothek für den ganzen Globus. Die günstige, einfache Empfangstechnik macht das Internet jedoch zur Einbahnstrasse. Wie im Radio gibt es ein Programm, in dem zu einer bestimmten Zeit bestimmte Inhalte empfangbar sind. Bei Outernet sind es Netzressourcen wie Wikipedia-Artikel. Der lokale Empfänger speichert sie kontinuierlich ab, sodass sie anschliessend wie eine Onlinebibliothek nutzbar sind. «Die öffentliche Bibliothek der Menschheit», wie das Projekt sich selbst nennt.

Da die komplexe Sendetechnik am Boden eingespart wird, ist die Kommunikation via E-Mail oder das Aufrufen beliebiger Webseiten nicht möglich. Auf dem Menü steht nur, was zum Outernet-Sendeprogramm gehört.

Globales Datenradio

Bis jetzt erreicht Outernet neben Nordamerika Europa, den Nahen Osten und Afrika. Ein schneller Ausbau steht aber auf dem Plan: Mit dem Lantern-Empfangsgerät sollen sich Outernet-Datenpakete bis Ende 2015 überall auf der Welt empfangen lassen. Wer seine Satellitenschüssel mit einem passenden Empfänger aufrüstet, wird dereinst sogar gigabyteweise Daten empfangen können.

Welche Inhalte das genau sein werden, ist noch nicht ganz klar. Thane Richard kümmert sich bei Outernet um das Programm und spricht von E-Books, Wetterkarten, ausgewählten Nachrichten und eben: Wikipedia-Artikeln. Einen Teil des Programms stellt Outernet selbst zusammen. Einen Teil steuern die Nutzer bei, die ähnlich wie bei Community-Webseiten über Themen abstimmen sollen.

Outernet zielt laut Richard auf eine kostenlose Grundversorgung mit dem digital Nötigsten. Ziel sei das Ende der Informationsarmut in der Dritten Welt, so das Unternehmen. Outernet will alles gleichzeitig sein: Bildungsprogramm ebenso wie Katastrophenhilfe. Dieser Absicht kommt zugute, dass man unabhängig von irdischer Infrastruktur auch naturkatastrophen- und krisensicher operieren kann.

Die Zensur unterlaufen

Der Satellitenansatz stützt auch das andere grosse Versprechen von Outernet: jeglicher lokalen Zensur zu entgehen. Darauf ist die Gruppe junger Amerikaner, die hinter dem Projekt steht, besonders stolz. Zurzeit sammelt das Jungunternehmen Geld via eine Crowdfunding-Kampagne. Freiwillige können Outernet mit einem Beitrag unterstützen oder einen Empfänger kaufen.

Erstellt: 17.02.2015, 19:15 Uhr

Netzzugang als Entwicklungshilfe

«Wissen allein reicht nicht»

Im Interview erklärt Daniel Künzler, warum in Afrika die guten Voraussetzungen für eine internetbasierte Wissensvermittlung kaum vorhanden sind.

Was kann ein Angebot wie Outernet bringen?
Es ist sicher kein schlechtes Vorhaben, Wissen in entlegene Regionen zu bringen. Ich würde aber davor warnen, das als demokratischen oder ökonomischen Heilsbringer zu sehen. Das Problem ist allein schon, dass oftmals keine Infrastruktur vorhanden ist, etwa kein Strom.

Aber grundsätzlich: Kann Wikipedia und Ähnliches Menschen in ­Entwicklungsländern helfen?
Ich frage mich hierbei: Um welches Wissen geht es, und in welcher Sprache liegt es vor? Auf Wikipedia haben Sie sehr viele Sprachen, aber in Afrika gibt es knapp 2000 Sprachen, von denen die wenigsten auf Wikipedia verfügbar sind. Vielfach können die Menschen in entlegenen Gebieten schlecht oder gar nicht lesen und vermitteln Wissen nicht unbedingt schriftlich, sondern mündlich. Das sind kaum gute Voraussetzungen für eine internetbasierte Wissensvermittlung.

Bildung gilt aber doch als Schlüssel, um die Armut zu lindern.
Es hilft, aber Wissen allein reicht nicht für Veränderung. Geld und andere Ressourcen sind nötig, um Wissen umzusetzen. Gleichzeitig müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen.

Zum Beispiel?
Wenn Sie sich in einem Gebiet befinden, in dem Boko Haram aktiv ist, helfen Bildungsangebote allein nicht weiter.

Ist es ein Problem, dass Outernet kommerzielle Ziele verfolgt?
Interessengebundene Angebote sind nicht per se schlecht. Diese Firmen wollen möglichst viele Menschen versorgen. Auf der anderen Seite haben sie ­natürlich ein Interesse, dass gewisse ­Inhalte konsumiert werden.

Sind Wissensangebote für ­Entwicklungsländer von Nutzen?
Sie sind wohl für einen Teil der Bevölkerung nützlich. Das Problem ist, dass der grösste Teil des Wissens zentriert auf Europa und Nordamerika ist. Lokale Arten von Wissen fehlen dagegen.

Können Sie ein Beispiel machen?
Zum Beispiel möchte ich als Bauer oder Fischer herausfinden, auf welchem Markt ich meine Waren am besten anbiete oder welche Pflanze gegen Schädlinge hilft. Aber das ist etwas, das Sie kaum bei Wikipedia finden werden.

Ist unser Wissensexport naiv?
Der Nutzen von Hilfe hängt immer vom Kontext ab. In der Entwicklungszusammenarbeit ist das ein bekanntes Problem. Früher neigte man dazu, den Menschen etwa einen hiesigen Traktor hinzustellen, auch wenn sich dieser gar nicht für den dortigen Boden eignete. Wissenstransfer nach diesem Muster ist gefährlich.

Mit Daniel Künzler sprach Jan Rothenberger

Daniel Künzler
Der Soziologe forscht an der Universität Freiburg unter anderem zu Bildung und Entwicklung, insbesondere in Afrika.

Artikel zum Thema

Schöne neue Welt

Der Durchbruch der virtuellen Realität zum Massenmarkt steht bevor. Ein Selbstversuch im Forschungslabor zeigt, was auf die Konsumenten zukommt. Mehr...

Daten rasen über fragile Autobahnen

300'000 Kilometer lange Glasfaserleitungen am Meeresgrund übertragen den weltweiten Datenstrom. Die Internet-Infrastruktur ist teuer und verletzlich. Jetzt lässt sogar Google eigene Unterseekabel verlegen. Mehr...

Google vergleicht jetzt auch Flüge

Der Internetgigant baut seinen Service aus: Die Flugsuche Google Flights ist seit heute für die Schweiz verfügbar. Ein Konkurrent hat bereits reagiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn Kinder sich selbst im Weg stehen

Sweet Home Die neue Moderne

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...