«Die Sender wollen uns draussen halten»

Netflix-Chef Reed Hastings über den deutschsprachigen Markt, Piraten-Apps und den Kampf gegen VPN.

Reed Hastings ist Gründer und CEO der Onlinevideo-Plattform Netflix, die seit 2014 auch in der Schweiz verfügbar ist.

Reed Hastings ist Gründer und CEO der Onlinevideo-Plattform Netflix, die seit 2014 auch in der Schweiz verfügbar ist. Bild: Britta Pedersen/Keystone

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Was sind Ihre nächsten Premieren?
Es kommt eine neue Staffel von «Orange Is the New Black». In sechs Wochen startet «Sense 8», eine Serie von den Wachowskis, die auch «Matrix» gemacht haben. Und mit «Grace and Frankie» haben wir eine neue Comedy-Serie mit Jane Fonda in der Hauptrolle.

Verraten Sie immer noch keine Zahlen zu Schweizer Abos?
Nein, wir sagen nicht, wie viele Kunden wir pro Land haben. Nur so viel: Wir hatten vor dem Start in Europa 15 Millionen Abonnenten ausserhalb der USA. Jetzt sind es 20.

Netflix produziert mehr und mehr eigene Sendungen. Haben Sie schon etwas für den deutschsprachigen Markt in der Mache?
Noch nicht. Wir haben mit «Marseille» gerade in Frankreich eine Serie produziert, aber hier sind wir noch auf der Suche nach Produzenten.

Was sagen Ihre Nutzerdaten, bevorzugen die Schweizer andere Serien als zum Beispiel die Amerikaner?
Insgesamt ist das recht ähnlich. Wir versuchen immer, alle Geschmäcker abzudecken.

Was bedeutet der Start in einem neuen Land für Sie beim Ausbau des Programms?
Der rechtliche Teil beim Lizenzieren von Filmen und Serien ist eher einfach. Aber es geht um ganz schön viel Geld. Wir müssen die Rechte gegen andere Anbieter ersteigern. Wir legen das Geld im Voraus auf den Tisch und müssen jedes Mal hoffen, dass es sich lohnt.

Warum sind die Kataloge von Musikstreamingdiensten so viel vollständiger als das Film- und Serienangebot bei Netflix?
Das liegt an der anderen Industrie. Musik war nie exklusiv und immer auf allen Radiosendern zu hören. Darum haben Spotify und Co. alles. Bei Video ist das anders – Fernsehsender und Produzenten haben stets Exklusivrechte gehandelt und waren im Wettbewerb um die besten Inhalte. Das ist nach wie vor so: Lokale Sender wollen uns draussen halten.

Viele Netflix-Kunden ärgern sich, dass sie je nach Land ein anderes Angebot an Filmen und Serien vorfinden.
Wir wollen mit der Zeit alle Titel überall zeigen, wie mit «Gotham», das wir gerade lizenziert haben. Aber das dauert noch ein paar Jahre.

Ist es ein Problem für Sie, dass man mit Tricks die Ländersperren überlisten kann?
Wir ermuntern die Leute nicht dazu, aber immerhin zahlen sie – und es ist keine Piraterie.

Sie haben kürzlich Ihre Nutzungsbedingungen angepasst mit einem Verbot solcher Tricksereien. Planen Sie, da hart durchzugreifen?
Wir können nicht wirklich etwas gegen sie tun. Dienste wie VPNs sind sehr gut darin, sich zu verbergen.

In den USA ist Netzneutralität ein Riesenthema für Sie – Netflix ist dort für ein Drittel des Internetverkehrs verantwortlich. Wie ist es hier?
In der Schweiz ist es sehr praktisch für uns. Wir haben Kontakt mit den Providern, niemand drosselt uns. Wir profitieren hier von einigen der schnellsten Internetverbindungen, die wir weltweit angetroffen haben.

Dann bezahlen Sie hiesigen Providern nichts?
Richtig.

Sie haben Piraterie als einen Ihrer Hauptkonkurrenten bezeichnet.
Ja, Piraterie ist definitiv eine Konkurrenz für uns. Das merken wir zum Beispiel an den Suchtrends von Google zu Apps wie Popcorn Time. Ich sehe das so: Je eher wir unsere Inhalte günstig breit verfügbar machen, desto weniger Nachfrage nach Piraterie gibt es.

Piraterie entwickelt sich auch weiter, Apps wie gerade Popcorn Time werden ausgeklügelter und benutzerfreundlicher. Wie reagieren Sie darauf?
Dagegen können wir nicht viel tun. Piraterie ist wie die Wirtschaftslage, wir nehmen sie hin.

Dass Filme und Serien nach der Veröffentlichung legal im Netz verfügbar sind, dauert oft lange. Müsste man nicht da ansetzen?
Das würde sicher helfen. Aber nur ein Teil der Piraterie dreht sich um die Verfügbarkeit, ein anderer Teil bleibt, nichts bezahlen zu wollen.

Immer noch werden Filme heruntergereicht vom Kino über die DVD und Pay-TV bis zum Fernsehen. Ändern sich diese Vermarktungsketten?
Das haben sie schon ein wenig. Das alte Modell fällt zusammen. Wir machen das mit unseren selbst produzierten Titeln, die global gleichzeitig zu sehen sind. HBO macht es auch, zum Beispiel mit «Game of Thrones», das jetzt schon in Europa läuft.

Bleibt das Serien vorbehalten?
Wir wollen das nicht nur bei Serien machen. Dieses Jahr kommt «Beast of a Nation» heraus, unser erster eigener Film. Er wird schon beim Kinostart auf Netflix zu sehen sein.

Folgen Ihnen Filmstudios und Produzenten bei dieser Idee der Gleichzeitigkeit?
Sehr langsam – und nur, wenn sie müssen. Aber wir machen so weiter und erhöhen den Druck.

Internetvideo gibt den Machern neue Möglichkeiten für Experimente. Was erwartet uns generell?
Zum Beispiel Serien mit Episoden in verschiedenen Längen – in Romanen sind die Kapitel ja auch unterschiedlich lang. Und wir brauchen keine Cliffhanger mehr am Ende jeder Folge. Das Erzählen wird freier und kreativer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.05.2015, 10:31 Uhr

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