Die Swisscom macht ernst mit dem Turbo-Mobilfunk

EDGE, UMTS und nun LTE – wieder steht eine neue Generation des Mobilfunkstandards vor der Einführung. Was kann die Technik? Was bedeutet sie für die Kunden?

Apple hält sich beim neuen Mobilfunkstandard deutlich zurück, nicht aber Samsung: Der ewige Konkurrent hat schon auf der IFA sowohl ein Smartphone (Galaxy S2 LTE, Bild)als auch ein Tablet aus der Galaxy-Reihe vorgestellt, die LTE-fähig sind. Wann sie in Europa auf den Markt kommen, ist noch ungewiss.

Apple hält sich beim neuen Mobilfunkstandard deutlich zurück, nicht aber Samsung: Der ewige Konkurrent hat schon auf der IFA sowohl ein Smartphone (Galaxy S2 LTE, Bild)als auch ein Tablet aus der Galaxy-Reihe vorgestellt, die LTE-fähig sind. Wann sie in Europa auf den Markt kommen, ist noch ungewiss. Bild: Keystone

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Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 100 Megabit in der Sekunde verspricht LTE (Long-Term-Evolution). Das ist deutlich mehr als die meisten derzeit verfügbaren Varianten des derzeitigen Hochleistungsstandards UMTS (3G) bieten. «Normale» Telefonate erfordern diese Datenübertragungsraten längst nicht; benötigt wird LTE, um jederzeit und überall Funktionen wie etwa Videotelefonie via Instant Messenger zu erlauben.

Dies ist aber nur eine der Möglichkeiten, die LTE den Nutzern bietet. Multimedia Messaging Services (MMS), Video-Chat, HD (High Definition)-Radio und –TV und DVB-Empfang sollen ebenfalls zu alltäglich nutzbaren mobilen Diensten werden, ohne dass der zunehmende Datenverkehr zu einer Überlastung der Netze führt.

LTE kommt ins Auto

Was LTE in der Praxis bedeuten kann, haben Automobilhersteller Toyota und Telekommunikationshersteller Alcatel im Oktober auf der Veranstaltung Communication World in München gezeigt. Ein Toyota Prius wurde mit Flachbildschirmen für Beifahrer und Rücksitze und einem LTE-Router ausgerüstet – das ermöglichte gleichzeitig die Teilnahme an einer Videokonferenz, während über die anderen Displays parallel diverse datenintensive Internetangebote wie etwa Youtube aufgerufen werden konnten. Das soll die LTE-Funkverbindung bis zu Fahrgeschwindigkeiten von 300 Stundenkilometern ermöglichen.

Hervorragende Aussichten also für alle, die auf mobiles Internet setzen – aber wie schnell wird LTE Realität werden? In der Schweiz haben sich die Telekommunikationsunternehmen bereits mit Feldtests beschäftigt und sind mit deren Resultaten zufrieden, so dass die technische Umsetzung kein Problem sein sollte. Wie gut LTE wirklich funktioniert, wird sich in Davos zeigen, wo die Swisscom LTE im Dezember in Betrieb nehmen wird. Später sollen weitere Tourismusgebiete hinzukommen (siehe Infobox).

Die Comcom gibt sich bedeckt

Allerdings ist die Auktion der Frequenzblöcke, die für LTE im Wesentlichen genutzt werden sollen, erst für das erste Quartal 2012 geplant. Die Eidgenössische Kommunikationskommission (Comcom), die dabei federführend ist, achtet auf strenge Vertraulichkeit, um Absprachen zu verhindern. Erst nach Abschluss der Auktion will die Comcom neben der Bekanntgabe des erfolgreichen Bieters überhaupt verlauten lassen, wer sich beworben hat, welche Frequenzen vergeben wurden und welcher Preis gezahlt wurde. Entsprechend zurückhaltend äussern sich auch die Schweizer Telekommunikationsgesellschaften als mögliche Bieter.

Was aber kommt auf den Kunden konkret zu? Die schlechte Nachricht ist, dass LTE eigene Hardware erfordert und dass diese derzeit erst in überschaubarem Umfang erhältlich ist.

Am einfachsten dürfte es dort werden, wo LTE, obwohl eigentlich für den Mobileinsatz gedacht, stationär genutzt wird. In diesem Fall nämlich bedarf es nur eines LTE-Routers, der auf den nächstgelegenen Funkturm zugreift, der die schnelle Verbindung ermöglicht, und anschliessend wie ein herkömmlicher WLAN-Router allen Digitalgeräten im heimischen Netz Zugang gibt – eine Umrüstung ist für sie nicht erforderlich.

Es braucht neue Hardware: Die Übersicht

Diese Vorgehensweise bietet die Möglichkeit, auch Regionen, die bislang beim Ausbau von Breitband-Internet vernachlässigt wurden, schnell und unkompliziert mit Hochgeschwindigkeitsverbindungen zu versehen. Das wird etwa in Deutschland explizit als Strategie betrieben; in den Teilnahmebedingungen für die Schweizer Auktion ist gefordert, dass Lizenznehmer für Frequenzen unter 1GHz sicherstellen müssen, dass bis zum 31. Dezember 2018 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung darauf zugreifen können.

Wer LTE allerdings rein für mobile Kommunikation nutzen möchte, stellt schnell fest, dass es derzeit noch einige Hürden gibt. So findet man bei der Hardware keine allzu üppige Auswahl. Die GSA (Global Mobile Suppliers Association) meldete Ende Oktober, dass es 197 LTE-Endgeräte gebe, die von 48 Herstellern angeboten werden. Das Gros davon sind Router und Dongles (USB-Sticks, über die die Funkverbindung hergestellt wird). Im Bereich Tablets sind 11 Geräte auf dem Markt, bei den Notebooks sind es 10 und im Bereich Smartphones immerhin 27.

Samsung macht vorwärts, Apple hält sich zurück

Apple etwa hält sich hier deutlich zurück; erste iPhones und iPads mit LTE-Chips werden erst 2012 erwartet. Der ewige Konkurrent Samsung dagegen hat schon auf der IFA sowohl ein Smartphone als auch ein Tablet aus der Galaxy-Reihe vorgestellt, die LTE-fähig sind.

Die entscheidende Rolle für die Geschwindigkeit der Einführung von LTE-Mobilgeräten spielen derzeit die Chip-Hersteller. Sie müssen Lösungen entwickeln, die in den immer dünner werdenden Endgeräten Platz finden und zugleich deren Stromverbrauch nicht nach oben katapultieren. Unternehmen wie Qualcomm arbeiten an derartigen Chips und sollen auch bereits erste Modelle an die Endgeräte-Produzenten ausgeliefert haben, so dass hier ab Frühjahr 2012 das Angebot deutlich grösser werden dürfte.

Der LTE-Nachfolger ist schon in Vorbereitung

Und da die Umstellung auf LTE relativ wenig Aufwand erfordert (weil die Telekommunikationsunternehmen auf die vorhandene UMTS-Infrastruktur zurückgreifen können) darf man bei der Mobilkommunikation für 2012 einen deutlichen Sprung nach vorne erwarten.

Wobei bereits klar ist, dass die nächste Innovation schon in Vorbereitung ist: Der Nachfolger von LTE heisst LTE-Advanced und wurde im Frühjahr auf dem GSMA Mobile World Congress 2011 in Barcelona präsentiert.

Erstellt: 07.11.2011, 10:44 Uhr

Tourismusregionen werden zuerst bedient

Davos ist das erste von sieben Tourismusgebieten der Schweiz, das mit der neuesten Mobilfunktechnologie LTE (Long Term Evolution) versorgt wird. Dies schreibt die Swisscom in einer Medienmitteilung.

Bis Anfang Dezember folgen weitere sechs Regionen. «Swisscom will mit diesen Inbetriebnahmen Erfahrungen sammeln, wie LTE in der Schweiz optimal eingesetzt werden kann. LTE ergänzt das bestehende Mobilfunknetz von Swisscom und bietet massiv höhere Bandbreiten als herkömmliche Technologien», schreibt das Unternehmen.

Rund 60 Prozent der verkauften Handys seien Smartphones. Der Einsatz von Tablets-PCs gewinne an Bedeutung und es sei zunehmend selbstverständlich, dass das Notebook auch unterwegs immer online sei. Das führe zu einem rasch wachsenden Datenvolumen auf dem Mobilfunknetz: Es verdoppelt sich laut Swisscom derzeit alle zwölf Monate. Um eine hohe Netzqualität gewährleisten zu können, verbessere Swisscom laufend die Mobilfunkstandorte für das mobile Internet. «Mit Blick in die Zukunft ist aber klar: Die Leistungsfähigkeit vorhandener Mobilfunktechnologien reicht künftig nicht aus, um die Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen.»

Von Anfang Dezember 2011 bis voraussichtlich Mitte 2012 findet das LTE-Pilotprojekt in verschiedenen Schweizer Tourismusregionen statt. Dazu erschliesst die Swisscom folgende Gebiete: Davos, Grindelwald, Gstaad, Leukerbad, Montana, Saas Fee und St. Moritz/Celerina.

Die Swisscom werde bereits 2012 mit dem weiteren Ausbau von LTE beginnen und sich dabei zunächst auf stark frequentierte Orte konzentrieren. (rek)

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