«Die grossen Internetfirmen lügen»

Grosskonzerne wie Apple oder Google arbeiten seit Jahren Hand in Hand mit der NSA, sagt Guido Rudolphi, Experte für Sicherheit im Internet. Er rät dringend davon ab, ihre Geräte zu benützen.

«In den Apple-Geräten ist eine Schnittstelle für die US-Regierung»: Ein iPhone 4 vor dem Logo von Facebook. (Archivbild)

«In den Apple-Geräten ist eine Schnittstelle für die US-Regierung»: Ein iPhone 4 vor dem Logo von Facebook. (Archivbild) Bild: Keystone

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Hat Sie die Nachricht überrascht, dass der amerikanische Geheimdienst NSA, die National Security Agency, weltweit Telefone abhört und E-Mails mitliest?
Nicht im Geringsten. Das weiss man seit 1994, als die globale Überwachung der NSA begann. Wer das bisher nicht wusste, hat sich einfach nicht mit der Materie beschäftigt.

Weshalb ist die Aufregung trotzdem so gross?
Wahrscheinlich, weil jetzt erstmals gross bekannt wurde, wie eng die Internet- und Computerbranche seit Jahren Hand in Hand mit der NSA zusammenarbeitet. Aber auch das war bekannt.

Sind die Praktiken der NSA illegal?
Absolut, diese Abhör- und Mitleseoperationen sind weder in den USA noch im Ausland erlaubt. Für den amerikanischen Kongress ist es hochnotpeinlich, dass er nun zugeben muss, Hand geboten zu haben dafür, dass Hunderte Millionen Menschen bespitzelt werden konnten. Im Vergleich dazu war die Stasi ein Wassertropfen im Meer.

Hört die NSA auch gerade jetzt mit, wenn wir miteinander telefonieren?
Das kann ich nicht ausschliessen, hängt aber von Ihrem Telefon ab. Die NSA kann nicht nur auf die Server einzelner Computerkonzerne zugreifen, sondern auf die Infrastruktur generell, auch hier in der Schweiz. Wenn Ihr Telefon technische Bestandteile aus den Vereinigten Staaten enthält, kann die NSA mithören. Denn ein amerikanisches Gesetz von 2008 schreibt vor, dass jedes Gerät aus den USA eine Schnittstelle enthalten muss, die die NSA anzapfen kann. Das Problem ist, dass die Konzerne oft so lausig arbeiten, dass auch Hacker zugreifen können.

Vorausgesetzt, die NSA hört jetzt mit: Versteht sie uns auch, wenn wir miteinander Schweizerdeutsch reden?
Per Computer kann man heute fast jeden Dialekt entschlüsseln.

Die Internetkonzerne Microsoft, Yahoo, Google, Facebook und Apple bestreiten, dass sie Geheimdiensten erlauben, auf ihre Server zuzugreifen. Glauben Sie das?
Keine Sekunde. Und es gibt Beweise, dass das Gegenteil der Fall ist. Wenn zum Beispiel die Regierung in Delhi möchte, dass der indische Geheimdienst auf alle iPhones zugreifen kann, ist es für Apple ein Klacks, dies zu ermöglichen. Die genannten grossen Internetfirmen lügen.

Ausserdem schöpfen sie selbst systematisch Daten ab, um diese gewinnbringend zu verwerten. Ist die Kritik dieser Internetfirmen an der NSA nicht scheinheilig?
Doch, selbstverständlich. Apple, Google oder Microsoft haben zwar bestritten, dass die NSA direkten Zugriff auf ihre Server habe. Aber sie können die Daten ohne Probleme auf einen anderen Server verlagert haben. Und die Kooperation wird immer enger. So hat Amazon kürzlich einen 500-Millionen-Vertrag mit der CIA abgeschlossen. Demnach werden sämtliche CIA-Daten neu in der Amazon-Cloud gespeichert. Es wäre naiv, zu glauben, dass die CIA nicht auch Zugriff auf die Amazon-Daten hätte.

Vor allem die Benutzer von Facebook verbreiten ihre Daten und Intimitäten im Internet. Ist das, was die NSA macht, im Vergleich dazu nicht vernachlässigbar?
Überhaupt nicht. Kleinste Datenmengen reichen aus, um jemanden in eine unerfreuliche Situation zu bringen. Zudem arbeiten die Geheimdienste oft schlampig. Das erleben wir ja, wenn ein Fünfjähriger nicht in ein Passagierflugzeug einsteigen kann, weil er per Zufall denselben Namen hat wie ein Terrorverdächtiger. Ausserdem haben die USA kein Datenschutzgesetz, wie wir es kennen. Sie können also machen, was sie wollen, obwohl das Internet nicht den Amerikanern gehört.

Ich habe kürzlich einen neuen Computer gekauft und musste mich an zahllosen Orten registrieren lassen, bevor das Gerät lief. Muss ich der Computerfirma meine Daten liefern, obwohl ich bereits viel Geld bezahlt habe?
Ja, die Firmen verlangen das. Wenn ich ein Auto kaufe, erhalte ich einen Vertrag von etwa zwei Seiten, und die Sache ist klar. Wenn ich aber ein iPhone kaufe, muss ich mich durch einen Vertrag von 3683 Seiten durchklicken. Die Firmen machen es einem Benützer unmöglich, alles zu wissen, was man unterschreibt. Damit gibt man seine Daten preis. Auch in den Apple-Geräten ist eine Schnittstelle für die US-Regierung. Und das ist niederträchtig und verwerflich.

Wie kann man sich als Bürger und Konsument schützen?
Zunächst mit der Wahl des Geräts. Also kaufe ich sicher kein iPhone, nur weil es chic ist, auch kein Google-Handy. Es gibt kleinere Firmen, die Material liefern, das überprüfbar und sicher ist. Etwa Jolla aus Finnland bringt nun ein neues Handy. Bei den E-Mails ist die Verschlüsselung wichtig, und dafür gibt es Gratisprogramme, die gut sind. Auch die Festplatte sollte man codieren. Oder mit dem Tor-Browser surfen. So kann man sicherstellen, dass die Geheimdienste dieser Welt nicht alles erfahren. Wer es aber wichtig findet, auf Facebook zu schreiben, in welcher Beiz er um 5 Uhr einen Kaffee trinkt, ist selber schuld. Damit gibt man enorm viel preis.

Sind Sie auf Facebook?
Nein. Ich habe circa 30 Profile, aber keines mit meinem richtigen Namen und keines mit richtigen Daten. Dasselbe mit Twitter, wo ich 10 Accounts habe, aber keines mit meinem Namen.

Erstellt: 08.06.2013, 11:15 Uhr

Bespitzelungen sollen Terroranschläge verhindert haben

Die geheime Sammlung von mehreren Hundert Millionen Telefondaten in den USA hat nach Angaben der Geheimdienste konkret dabei geholfen, Terroranschläge zu vereiteln. So sei etwa 2009 ein geplanter Bombenanschlag auf die New Yorker U-Bahn rechtzeitig aufgedeckt und verhindert worden, sagte ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter der Nachrichtenagentur AP in Washington.

Wegen der Anschlagspläne wurde später der aus Afghanistan stammende US-Bürger Nadschibulla Sasi angeklagt. Er bekannte sich schuldig im Sinne der Anklage und berichtete, er sei von der Terrororganisation Al-Kaida in Pakistan angeworben worden.

Kongress billigte Datensammlung

Auch US-Präsident Barack Obama hatte zuvor die massive Internet- und Telefonüberwachung durch US-Geheimdienste verteidigt. Beides sei notwendig, um Terroranschläge zu verhindern. Die US-Bürger könnten nicht «100 Prozent Sicherheit und gleichzeitig 100 Prozent Privatsphäre und null Unannehmlichkeiten haben». Zudem sei die geheime Sammlung der Daten mehrfach vom Kongress gebilligt worden.

Obama versicherte zugleich den US-Bürgern, dass niemand ihre Gespräche mithöre. Es würden lediglich Nummern und die Dauer der Verbindungen erfasst. Und das Programm zur Überwachung des Internets beziehe sich zudem nur auf Nutzer im Ausland, nicht auf Einwohner der USA.

Google-Chef: Kein Zugang zu Servern

Der US-Internetriese Google hat sich besorgt gezeigt über Berichte über ein riesiges Überwachungsprogramm der US-Geheimdienste für Internet-Daten. Es müsse mehr Transparenz geben.

«Wir verstehen, dass die Regierungen der USA oder anderer Länder Massnahmen ergreifen müssen, um die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten», schrieb Google-Chef Larry Page am Freitag (Ortszeit) im offiziellen Unternehmensblog. Zu diesen Massnahmen zählten auch manchmal Überwachungsmassnahmen.

«Aber der Grad der Geheimhaltung um diese legalen Massnahmen untergräbt die Freiheiten, die wir alle ehren und schätzen.» Page versicherte zudem, dass sein Unternehmen den US-Geheimdiensten das Abgreifen von Daten nicht bewusst ermöglicht habe.

«Wir sind keinerlei Programm beigetreten, das der US-Regierung oder einer anderen Regierung direkten Zugang zu unseren Severn ermöglicht», schrieb der Google-Chef. (sda)

Der Internet-Forensiker Guido Rudolphi (51) war früher Hacker. Heute führt er in Zürich eine Firma für Computersicherheit.

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