«Diese Nachricht zerstört sich selbst»

Bekannt ist das Prinzip kurzlebiger Botschaften aus Spionageklamotten. Privatsphäre-Sorgen bewirken inzwischen, dass die Idee online als Geschäftsmodell immer attraktiver wird.

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Alles Gesprochene ist flüchtig. Die Digitalisierung hat das Schriftliche in den letzten Jahren zusehends haltbarer gemacht: Onlinedokumente in der Cloud, immer mehr Speicherplatz für Bilder, E-Mails, Nachrichten und Notizen. Als G-Mail vor fast genau zehn Jahren startete, war gerade die ewige Aufbewahrung das Werbeargument: Nutzer sollten ihre Nachrichten «ewig» behalten können, versprach Google. Das Unternehmen hielt Wort, Nutzer erhalten seither laufend mehr Speicherplatz. Der Zwang, Nachrichten wegzuwerfen, entfällt. Dieses Prinzip hat sich im Digitalen durchgesetzt. Gerade persönliche Nachrichten lagern auf potenziell unbegrenzte Zeit in Onlinearchiven, lange nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben.

Wir löschen nicht mehr

Die Trendwende kam zeitgleich mit den Snowden-Enthüllungen und passt zur zunehmenden Sorge um digitale Spuren online. Schon bevor der europäische Gerichtshof das Recht auf Vergessen im Internet durchsetzte, machten vor allem junge Nutzer aus heiterem Himmel Apps wie Snapchat oder Wickr zu neuen Stars. Ihr Konzept: die Flüchtigkeit für digitale Daten einführen und ihnen ein Verfallsdatum geben. Nachrichten und Bilder bleiben nur für eine kurze Zeit sichtbar und werden anschliessend automatisch gelöscht.

Investoren sehen darin die Zukunft: Die App Wickr erhielt diese Woche 30 Millionen Dollar, um ihr Angebot auszubauen. Wickr wirbt mit Verschlüsselung und blendet für jede Nachricht sowie jedes gesendete Foto ein Löschdatum ein. Ungeachtet negativer Presse präsentiert Snapchat laufend grössere Wachstumszahlen. Facebook, für das das Versenden von Nachrichten zum Kerngeschäft gehört, traf dieser Erfolg zunächst unvorbereitet. Mittlerweile hat sich das Unternehmen dem Trend angeschlossen. Nach einem erfolglosen Kaufangebot für Snapchat hat es mit Slingshot, das seit gestern auch in der Schweiz verfügbar ist, eine sehr ähnliche App lanciert.

Der Markt entscheidet

Die Idee hat auch den Sektor geschäftlicher Kommunikation erreicht: Die Macher der App Confide wollen die Idee vertraulicher Botschafter für professionelle Nutzer popularisieren und gehen noch mehr auf Nummer sicher bei der Anzeige von Nachrichten. Die Confide-App deckt Worte eines gesendeten Texts nur kurzzeitig auf – während der Empfänger mit dem Finger darüberfährt. Das soll verhindern, dass ein Nutzer mit einem Screenshot die Nachricht unerlaubterweise speichern kann.

Es fragt sich nun, ob das Prinzip Verfallsdatum auch andere Bereiche digitaler Datenaufbewahrung erfasst. Technisch gesehen, ist die Option, Informationsschnipseln eine begrenzte Lebensdauer zu geben, einfach zu realisieren. Entscheidend wird vielmehr sein, ob sich die Idee noch mehr als Vorteil im Wettbewerb um Nutzer entpuppt. Ein Beispiel hierfür ist der Onlinedatenspeicher Younity, der im Kampf gegen Marktführer Dropbox damit punkten will, Dateien nur eine begrenzte Zeit freizugeben. Ziehen solche Ideen am Markt, haben Onlineunternehmen ein wirtschaftliches Interesse, Daten nicht länger unterschiedslos zu horten, sondern den Kunden entscheiden zu lassen.

Erstellt: 27.06.2014, 11:06 Uhr

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