EU tobt – Microsoft gesteht Fehler ein

Nächste Runde im jahrelangen Streit mit dem US-Softwarekonzern. Die EU-Kommission droht Microsoft erneut mit einer harten Strafe. Grund: Der Auswahl-Bildschirm für alternative Webbrowser sei verschwunden.

Soll die Software nicht geändert haben: Microsoft-Chef Steve Ballmer.

Soll die Software nicht geändert haben: Microsoft-Chef Steve Ballmer. Bild: Reuters

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Die EU-Wettbewerbshüter drohen Microsoft mit einer neuen Millionenstrafe. Der Grund diesmal: Der Softwaregigant hat die Brüsseler Auflage zur freien Browser-Wahl für Millionen Windows-Nutzer gebrochen, und das seit mehr als anderthalb Jahren. Das Unternehmen spricht von einem «technischen Fehler» und verspricht Wiedergutmachung. Doch EU-Kommissar Joaquín Almunia tobt und kündigt «ernste Konsequenzen» an. Er fühlt sich an der Nase herumgeführt und könnte dem US-Konzern eine weitere Busse von bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes aufbrummen.

Microsoft ist seit 2009 verpflichtet, auf neuen PCs oder in neuen Windows-Paketen eine automatische Browser-Auswahl einzubauen. Das Ziel: Die Firma sollte ihre marktbeherrschende Stellung nicht länger ausnutzen können, um den hauseigenen Internet Explorer gegen Konkurrenten abzuschotten. Seit März 2010 öffnet sich deswegen auf allen neuen Windows-Geräten in der EU ein Auswahl-Fenster, auf dem auch Mozilla Firefox, Google Chrome, Apple Safari, Opera und sieben unbekanntere Navigatoren auftauchen und heruntergeladen werden können. Der Internet Explorer wurde nicht mehr automatisch installiert. Das zeigte Wirkung: So schoss schon kurz darauf der Verkauf von Opera 130 Prozent in die Höhe.

Bis zum Februar 2011 lief alles glatt. Dann lieferte Microsoft PCs mit dem Service Pack 1 für Windows 7 aus. Und durch einen «technischen Fehler» sei das Auswahl-Fenster dabei verschwunden, bestätigte die Firma am Dienstag. Die Zahl der Betroffenen PCs: 28 Millionen. Schuld sei ein Team von Technikern, die ein notwendiges Update verschlafen hätten.

«Darauf hab ich vertraut»

«Wir haben unsere Verantwortung nicht erfüllt», gestand Microsoft ein: «Wir bedauern den Fehler sehr und entschuldigen uns dafür.» Erst am 1. Juli will der Konzern über die vermeintliche Panne informiert worden sein, dann aber umgehend gehandelt haben. Um den Schaden wiedergutzumachen, will das Unternehmen nicht nur bis Ende der Woche alle PCs updaten. Die automatische Browser-Auswahl soll es dann auch 15 Monate länger geben, als die von Brüssel verordneten fünf Jahre bis 2014.

Ob Almunia das reicht, ist mehr als fraglich. Denn erschwerend kommt hinzu, dass Microsoft erst im Dezember zugesichert hatte, alle Auflagen korrekt zu erfüllen. «Darauf hab ich vertraut, doch das scheint nicht der Fall gewesen zu sein», zürnte der Kommissar. «Wenn sich der Verstoss in den Ermittlungen bestätigt, sollte Microsoft mit Sanktionen rechnen.» Denn offenbar vermutet der Wettbewerbshüter Absicht, und keinen Irrtum. Er nehme die Befolgung der Kommissionsentscheidungen «sehr ernst», fügte er unmissverständlich hinzu.

Schliesslich fällt der Streit nicht vom Himmel. Die EU kämpft schon seit mehr als einem Jahrzehnt gegen den Missbrauch von Microsofts Marktmacht - die Amerikaner sind der spektakulärste Widersacher der europäischen Wettbewerbshüter. 2004 verhängte Brüssel eine erste Strafe von 500 Millionen Euro: wegen zu hoher Lizenzgebühren für technische Informationen, und weil der Konzern seinen Kunden mit Windows-PCs zugleich auch den Media Player aufdrängte. Zwei Jahre später folgte eine Busse von 280 Millionen Euro, weil nicht alle Auflagen korrekt umgesetzt worden waren. 2008 wurde die Strafe um 900 Millionen Euro erhöht. Erst vor wenigen Wochen erklärte der Europäische Gerichtshof die Strafe im Grundsatz für rechtens, reduzierte sie lediglich um 40 Millionen Euro.

Explorer in Europa unter Druck

Dass es im neuen Fall um mehr geht als ein Versehen, darauf könnte auch der steigende Konkurrenzdruck für den Internet Explorer hindeuten. Nach einer Langzeitstudie des Marktforschungsunternehmens Webtrekk brach der Marktanteil in Deutschland von 2008 bis Ende 2011 von 56,6 auf 30,1 Prozent ein.

Zum populärsten Browser wurde Mozilla Firefox, der auf 39 Prozent zulegen konnte, aber auch Safari und Google Chrome legten stark zu. Den Weltmarkt beherrscht dagegen nach wie vor der Explorer, laut einer Studie von Net Applications mit 54 Prozent vor Firefox mit 20 Prozent und Chrome mit 19 Prozent. Microsoft will übrigens am Donnerstag seine Geschäftszahlen für das vierte Quartal vorlegen. (bru/sda/dapd)

Erstellt: 17.07.2012, 17:08 Uhr

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