Ein Klick, und es ist passiert

Mädchen beleidigt Lehrerin, weg ist die Lehrstelle: Von den Gefahren des neuen Mediums Facebook, das wir erst erproben.

Gefahr Facebook: Mit der Computertastatur ist schnell ein realer Mensch verunglimpft.

Gefahr Facebook: Mit der Computertastatur ist schnell ein realer Mensch verunglimpft. Bild: Keystone

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Jugend und Jungmedium: eine heikle Paarung. In Freienbach verlor eine 15-Jährige ihre Lehrstelle schon vor Lehrbeginn. Sie hatte auf Facebook über den «fetten Arsch» einer Lehrerin gefrotzelt.

Typisch Teenie! Die sind alle unzurechnungsfähig! Forscher haben nachgewiesen, dass in der Pubertät das Hirn umgebaut wird. Die Hirnregionen werden verschieden schnell nachgerüstet; just jene Nervenbahnen, die die Impulsivität und Emotion kontrollieren, erhalten erst gegen das Erwachsenenalter zu eine elektrische Isolierung, die Myelinhüllen.Anderseits ist da Facebook. In der Schweiz tun 2,4 Millionen Menschen mit, 14- bis 19-Jährige stellen ein Viertel der Mitglieder. So mancher User, ob Kind oder erwachsener Kindskopf, zieht sich mit der seit 2008 auch auf Deutsch betriebenen Internetplattform irgendwann ein Problem zu. Nur schon, weil er die Grenzen virtueller Freundschaft nicht begreift.

Falsche Freunde

Auf Facebook hat man schnell ein paar 100 «Freunde». Darunter sind stets ein paar Anheizer, Aufmischer, Spitzel, Klatschmäuler. Die 750 «Freunde» von Tanja aus Freienbach bilden eine Kleinöffentlichkeit. Was hier gesagt wird, bleibt nicht hier. Es sickert durch, kann kopiert, vermailt, via Screenshot verbreitet werden.

Und peinlicher Stoff fällt in Hülle und Fülle an. Fatal an Facebook ist die schriftliche Mündlichkeit. Tempo und Temperament der Kommunikation sind oral. Man redet, blödelt, pöbelt wie auf dem Pausenplatz oder am Stammtisch. Aber die eigene Äusserung ist dauerhaft niedergetippt. Zwar kann man sie löschen, doch ist man meist schon eine Diskussion weiter.

Das halbe Dorf liest mit

Kommt hinzu, dass die meisten Facebook-Benutzer zwar viel Zeit für die Plattform, aber kaum Zeit für die Justierung der Plattform-Einstellungen aufwenden. Gerade Teenager gehen locker mit der Frage um, wer die eigenen Seite sehen darf. Das halbe Dorf kann dann mitlesen, wenn man die Lehrerin oder den Chef basht. Auch Erwachsene sind der eigenen Geschwätzigkeit nicht gewachsen, die Facebook durch die mitreissende Leichtigkeit seiner Technik stimuliert.

Man hört viel von den grossen Gefahren Facebooks für Junge. Von Pädophilen vor allem. Oft sind die Gefährdeten aber ihre eigene Gefahr. Facebook birgt Nebenrisiken wie jenes, dass man einen Mitmenschen beleidigt oder gar mobbt. Und zwar in geschriebener, nachweisbarer Form.

Früh übt sich . . .

Facebook ist in wenigen Jahren mit gewaltigem Tempo aufgeschossen. Alle Beteiligten sind erst daran, es zu erproben – sie sind auf digitaler Abenteuerreise. Dass die soziale Plattform bald wieder verschwindet, ist nicht zu erwarten. Allenfalls kommt irgendwann eine neue, ähnliche in Mode und löst die Pionierin ab.

Was kann man also lernen aus Fällen wie dem von Tanja, die sich eine neue Lehrstelle suchen muss. Respektive: Wer kann aus solchen Fällen lernen? Die Teenager selber sind wohl dauerhaft überfordert. Jugend wird immer ein überschäumendes Lebensalter bleiben. Eltern hingegen sind gut beraten, ihre Kinder in aller Penetranz vor den Fallen der Cyberwelt zu warnen. Gut ist auch, wenn darüber in der Schule regelmässig geredet wird. Und zwar rechtzeitig. Früh übt sich, wer ein Facebook-Meister werden will. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2011, 22:56 Uhr

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