Hintergrund

Ein wenig Interessantes und viel Banales

Geheimnis-Apps, die anonymes Geflüster im Netz verbreiten, erfreuen sich wachsender Popularität.

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Sie haben derzeit Hochkonjunktur: Apps, mit denen Nutzer Heimlichkeiten miteinander austauschen können. Das Prinzip ist einfach: Sie funktionieren wie ein grosses Schwarzes Brett. Nutzer teilen mit oder ohne Bild Kurznachrichten mit allen anderen Nutzern, anders als etwa bei Twitter jedoch ohne genannten Urheber.

Vor allem zwei Apps buhlen aktuell um Geheimnisse: Whisper und Secret.

Prinzip Onlinebeichte

Die Apps sind gedacht als Alternative zu bestehenden sozialen Netzwerken, wo laut den Erfindern zunehmende Selbstzensur einkehre. Die amerikanischen Gründer von Secret, David Byttow und Chrys Bader, argumentieren, man befinde sich bei Facebook auf einer Bühne, ausgestellt vor Familie, Freunden und Bekannten. Der Wunsch, sich stets von seiner besten Seite zu zeigen, verunmögliche es zusehends, online authentisch zu sein.

Hier wollen die Apps per Anonymität Abhilfe schaffen. Der Slogan von Secret bewirbt denn auch diese Idee: «speak freely» (äussere dich frei). Die Beiträge, die Nutzer über die Dienste veröffentlichen, ähneln den Kurznachrichten oder Statusupdates anderer Onlineplattformen, sie können auch kommentiert oder geteilt werden. So sollen sich besonders lesenswerte Beiträge innerhalb des Netzwerks verbreiten, analog zu Twitter. Bei Whisper kann der Nutzer sich nach Wahl Beiträge aus seiner Nähe, populäre oder von den Machern ausgewählte Postings anzeigen lassen. Secret dagegen hat den Clou, dem Nutzer Beiträge von Bekannten zu zeigen – einfach anonym. Fragwürdig ist allerdings, dass die App dafür vorgängig Zugriff auf die Daten des Nutzers verlangt. Wie sicher diese bei dem US-Unternehmen sind, lässt sich nicht beantworten.

Flüsterstube für Gerüchte aller Art

Technisch funktionieren die Apps tadellos, die Bedienung geht einfach von der Hand. An den Inhalten jedoch dürften sich die Geister scheiden. Wie immer, wenn Menschen unter dem Schutzmantel der Anonymität agieren, mischt sich hier ein wenig Interessantes und viel Banales. Echte Geständnisse teilen sich den Platz mit Spam, Geschmacklosigkeiten und gezielt gestreuten Falschinformationen. Prominentestes Beispiel für Letzteres: Anfang Februar sorgte das erfundene Gerücht, die Internetfirma Evernote werde verkauft, kurz für Aufsehen auf Twitter.

Der Blick in die Apps zeigt: Diese bauen auf die Mem-Kultur des Internets und kurze, oft humorige Inhalte, die sich zum Teilen mit anderen eignen. Die Apps erinnern mit ihren Text-Bild-Collagen auch an die 4chan-Foren, wo Nutzer ebenfalls ohne Namen auftreten. Allerdings ist das inoffizielle Zuhause des Anonymous-Kollektivs weit anarchischer als Secret oder Whisper. Die Apps wollen die anonyme Masse zähmen und den Nutzern ein geglättetes Leseerlebnis bieten. Damit die Apps nicht für Mobbing herhalten können, haben die Gründer den Anspruch, für Ordnung zu sorgen. Nutzer können Posts melden, die gegen die Richtlinien verstossen. Wie gut diese Mechanismen greifen, muss sich aber noch zeigen. Gerade mit einer wachsenden Nutzerzahl dürfte das Filtern der eingehenden Beiträge zum Problem werden.

Vorgänger mit Briefmarke

Während Whisper bereits länger aktiv, aber erst seit Monatsbeginn kostenlos ist, startete Secret erst Anfang 2014. Beide Apps erfreuen sich zurzeit steigender Popularität. Ganz neu ist die Idee der öffentlichen Geständnisse aber nicht, sondern besitzt einen Papiervorläufer: Der Amerikaner Frank Warren startet 2005 das Kunstprojekt Postsecret. Auf seiner Website rief er dazu auf, selbstgestaltete Postkarten einzusenden, die er anschliessend online veröffentlichte. Das Projekt läuft nach wie vor, ausgewählte Einsendungen erschienen inzwischen in Buchform oder fanden den Weg in Museumsausstellungen. Postsecret besitzt seit 2008 auch einen deutschsprachigen Ableger.

Postsecret kämpfte auch schon mit schlechten Scherzen. Im September 2013 sprach ein Postkarten-Autor doppeldeutig davon, seine Freundin «abserviert» zu haben, eine Landkarte als Beigabe wies auf einen bestimmten Ort in Chicago hin. Nutzer der Site vermuteten daraufhin ein Verbrechen und alarmierten die Polizei, die allerdings keine Hinweise auf eine Straftat fand.

Secret ist für iPhone erhältlich, allerdings bislang nur im amerikanischen App Store. Wer die Applikation herunterladen will, muss zuvor in den Einstellungen den App Store USA auswählen. Whisper ist für iOS und Android verfügbar.

Erstellt: 22.02.2014, 12:58 Uhr

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