«Es braucht eine Cyberpolizei in Spielen»

Der befreite Paul (12) hat seinen mutmasslichen Entführer in einem Internetspiel kennen gelernt. Digital-Experte Philippe Wampfler über die Gefahren des Online-Gaming.

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Paul hat offenbar seinen mutmasslichen Entführer über das Internetspiel Minecraft kennen gelernt. Wie funktioniert der Kontakt unter Spielern?
Minecraft ist das Spiel, das auf Primarschüler im Moment die grösste Faszination ausübt. Das erschaffen von eigenen Welten – Hauptinhalt des Spiels – erfordert einen regen Austausch unter den Spielern. Gerade jüngere Spieler sind oft auf Hilfestellung angewiesen. Das passiert über Foren oder über Teamspeak, also über den Austausch mit Kopfhörer und Mikrofon.

Wer spielt Minecraft?
Das sind hauptsächlich Kinder und Jugendliche. Aber auch Väter und Mütter, die sich für das Spiel interessieren.

Wie sind die Spieler in Minecraft repräsentiert?
Der Spieler ist durch einen Avatar vertreten, also durch eine Figur, die mit der Spielwelt interagiert. Die Avatare tragen meist Fantasienamen, die Spieler sind also anonym. Im Fall von Paul überrascht, dass er im Minecraft-Forum mit seinem richtigen Namen aufgetreten ist und präzise Angaben zu Alter und Wohnort gemacht hat.

Ist das ratsam?
Nein. Es gehört zum Einmaleins des Internets, dass sich Minderjährige nicht mit Klarnamen und Altersangabe bewegen sollen. Es gibt Erwachsene, die versuchen, Kinder im Netz anzusprechen und über gemeinsame Interessen eine Beziehung herzustellen. Wenn sie wissen, aus welcher Region man kommt und wie alt man ist, liefert man ihnen Anhaltspunkte und erleichtert ihnen die Kontaktaufnahme.

Bisher war vom «Grooming», also von der Kontaktaufnahme zwischen Kindern und Erwachsenen im Internet, hauptsächlich im Zusammenhang mit Chatportalen die Rede. Geraten jetzt Spiele in den Fokus?
Fachleute der Polizei warnen vor Begegnungsmöglichkeiten zwischen Kindern und Erwachsenen in Internetspielen oder in deren Umfeld. Es braucht daher eine Art Cyberpolizei, die in Spielen Präsenz zeigt und als Ansprechspartner fungieren kann. Gerade weil die Prävention im grenzüberschreitenden Netz so schwierig ist. Minderjährige könnten so bei Unsicherheiten im Spiel selber Hilfe beanspruchen. Man muss aber auch sehen: Bei Minecraft und anderen Internetspielen gibt es eine Unmenge an Interaktion zwischen Kindern und Erwachsenen, die sehr konstruktiv verläuft.

Was empfehlen Sie den Eltern?
Grundsätzlich gilt, dass Kinder bis zur Oberstufe bei ihrem Umgang im Netz begleitet werden sollen. Das heisst, dass die Eltern mit den Kindern zusammen vor dem Computer oder dem Smartphone sitzen und gemeinsam anschauen, wo und wie sie sich im Netz bewegen. Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern ein paar Grundregeln vermitteln – keine Klarnamen, keine Altersangabe, Vorsicht bei Profilbildern – bevor sie dann eigenständig im Internet unterwegs sind. Absolute Kontrolle ist aber eine Illusion. Im Alter von Paul haben die meisten ein Smartphone, mit dem sie jederzeit spielen oder chatten können. Umso wichtiger ist es, dass Eltern regelmässig mit ihren Kindern darüber sprechen, welche Apps und Portale sie nutzen.

Sie sind Medienpädagoge und Schulen Kinder und Jugendliche im Umgang mit der digitalen Welt. Ist der Fall Paul für Sie ein Lehrstück?
Ja, definitiv. Er steht exemplarisch für Herausforderungen, die sich für junge Menschen im anonymen Netz stellen. Die Interaktion zwischen Minderjährigen und Erwachsenen birgt Gefahren, die gerade Kinder oft nicht abschätzen können. Im Zweifelsfall sollten sie mit jemandem reden, wenn sie sich unwohl fühlen, wenn ihnen jemand sagt, sie sollen niemandem davon erzählen, oder bevor sie sich mit jemandem aus dem Netz verabreden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 17:20 Uhr

Philippe Wampfler ist Lehrer an der Kantonsschule Wettingen und Experte für digitale Kommunikation. Er hat ein Buch geschrieben – «Facebook, Blogs und Wikis in der Schule», Vandenhoeck & Ruprecht, 2013 – und publiziert regelmässig auf Schulesocialmedia.com

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