«Es ist traurig, dass so wenige Frauen Informatik studieren»

Ruchi Sanghvi, Managerin beim Speicherdienst Dropbox, spricht über Datenschutz und fehlende weibliche Vorbilder in der männerdominierten Computerbranche.

«Worüber sich die Leute wirklich Gedanken machen sollten: Haben sie ein gutes Passwort?»: Dropbox-Managerin Ruchi Sanghvi über die Sicherheit ihrer Datenkiste.

«Worüber sich die Leute wirklich Gedanken machen sollten: Haben sie ein gutes Passwort?»: Dropbox-Managerin Ruchi Sanghvi über die Sicherheit ihrer Datenkiste. Bild: PD

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Microsoft-Chef Steve Ballmer hat nicht viel für Dropbox übrig. «Ein nettes, kleines Start-up» nannte er den 2007 gegründeten Datenspeicherdienst kürzlich. Deutlich mehr gibt Apple-CEO Tim Cook auf die Technik. Doch ein Übernahmeangebot lehnte das US-Start-up 2011 ab. Mittlerweile nutzen 100 Millionen Menschen weltweit Dropbox, sie speichern auf der Website Fotos und Dokumente, die sie mit Freunden oder Kollegen teilen wollen oder auf die sie von überall her zugreifen möchten. Das Internet-Unternehmen hat 250 Mitarbeiter, darunter eine Frau, die dort das Tagesgeschäft verantwortet: Ruchi Sanghvi.

Was finden wir in Ihrer Dropbox?
Ich speichere alles, von medizinischen Daten über Kopien meines Ausweises, meines Führerscheins bis hin zu meiner Greencard. Das ist dort alles verschlüsselt und daher sicher aufgehoben. Worüber sich die Leute wirklich Gedanken machen sollten, ist, ob sie ein gutes Passwort haben.

Der Datenschutz in den Vereinigten Staaten ist allerdings lascher als derjenige in der Schweiz. Ist das ein Problem?
Wir schützen die Privatsphäre unserer Nutzer. Wir verschlüsseln ihre Daten.

In den USA dürfen Behörden aufgrund des Patriot Act ohne Richterbeschluss auf Daten zugreifen. In Europa ist das nicht erlaubt. Wie häufig muss Dropbox persönliche Daten herausgeben?
Im vergangenen Jahr hatten wir weniger als 40 Anfragen von Strafverfolgungsbehörden. Wir prüfen alle Anfragen sehr genau, um festzustellen, ob sie auch den Gesetzesvorschriften entsprechen.

Kritiker empfehlen, Programme wie wie Truecrypt zur Verschlüsselung zu verwenden, damit Behörden oder auch die Dropbox-Mitarbeiter nicht an die Daten gelangen.
Wie gesagt, wir verschlüsseln die Daten unserer Nutzer. Und im Hilfe-Center auf unserer Website gibt es auch Diskussionen und Nutzerberichte darüber, wie Nutzer ihre Daten selbst verschlüsseln können.

Sie kämpfen mit mächtigen Konkurrenten wie Google, Microsoft, Amazon und Apple, die auch Speicherplatz im Internet anbieten. Wie können Sie sich als kleine Firma behaupten?
Wir haben einige Vorteile. Zum einen sind wir die Innovatoren, die mit dieser Idee als Erste auf dem Markt waren, und zum anderen ist unser Dienst für alle Geräte und mit jedem Betriebssystem nutzbar. Apples iCloud oder Microsofts Skydrive werden immer mit Soft- oder Hardware eines Herstellers in Verbindung gebracht. Wir nicht.

Dropbox bietet Ähnliches an wie Megaupload oder die Schweizer Firma Rapidshare: Datenaustausch auf Servern im Internet oder in der Cloud, wie Fachleute dazu sagen. Doch Megaupload von Kim Schmitz wurde zum Piratenparadies, Nutzer tauschten dort Raubkopien. Warum passiert das mit Dropbox nicht?
Wir haben einfach eine gute Nutzergemeinschaft, und wir haben nie illegale Aktivitäten unterstützt. Bei Dropbox speichern Nutzer ihre Arbeitsdokumente oder ihre Fotos. Das sind private Inhalte, und wir unterstützen das öffentliche Teilen nicht.

Was ist für die Zukunft geplant?
In der nächsten Zeit gibt es einige Neuerungen: Es werden neue Fotoalben freigeschaltet, mit denen sich Bilder von Smartphones automatisch bei Dropbox speichern lassen. Zudem sollen Dienste wie Twitter und Facebook besser integriert werden.

Bevor Sie zu Dropbox kamen, haben Sie einige Jahre bei Facebook gearbeitet. Als Sie 2005 bei Facebook anfingen, waren Sie dort die erste weibliche Ingenieurin. Gab das Probleme?
Ja, so war das leider bei mir auch schon im Studium, da war ich eine von fünf weiblichen Studentinnen unter Tausenden Männern. Traurig, dass so wenige Frauen Informatik studieren. Informatikerin zu sein, ist ein toller Job. Zum einen, weil man damit gut Geld verdienen kann, und zum anderen ist der Beruf sehr kreativ. Ich kann Dinge schaffen, die Millionen User nutzen.

Wie ist es Ihnen gelungen, sich in diesem Umfeld durchzusetzen?
Ich habe hart gearbeitet und daran geglaubt, dass ich mich durchsetzen werde. Aber es reicht ja nicht, still lächelnd eine gute Arbeit zu machen. Man muss auch aktiv werden und sich häufig zu Wort melden. Was von vielen gerne vergessen wird, ist, dass mehr als 50 Prozent aller Internetnutzer Frauen sind. Also sollten wir uns auch aktiv einbringen, um für uns selber die passenden Produkte zu entwickeln.

Sie sagten einmal, dass in dieser Branche ein weibliches Vorbild fehle, ein weiblicher Steve Jobs. Was muss sich ändern?
Das muss in der Schule anfangen. Es muss Mädchen erklärt werden, dass Mathematik und Technik tolle Fächer sind. Dass man mit ihnen viel Spass haben und viel erreichen kann.

Gehen Sie auch selbst in Schulen?
Ja, ich mache das. Schauen Sie, warum sucht man sich einen Job? Weil man Geld verdienen will, und warum sollte man sich dann keinen aussuchen, bei dem man viel Geld verdienen kann? Wenn man technische Fächer studiert hat, heisst das nicht, dass man später im Beruf den ganzen Tag am Computer sitzt. Im Gegenteil. Man redet viel, arbeitet viel in Gruppen zusammen, hat Projektmanagement-Aufgaben. Und das Beste daran: Man kann seine Fähigkeiten einsetzen, um wunderschöne Designs und Benutzeroberflächen zu entwickeln.

Sie haben in Start-up-Firmen Karriere gemacht. Was raten Sie jungen Frauen, die es Ihnen gleichtun wollen?
Man sollte das Risiko lieben oder es lieber gleich sein lassen. Bei einem Start-up zu arbeiten, gleicht dem Flug einer Rakete, die ins Weltall geschossen wird. Da fragt man nicht, auf welchem Sitz man Platz genommen hat, man fliegt einfach mit und nutzt alle Möglichkeiten, die sich einem bieten. Und wenn es dann am Ende nicht funktioniert, ist das auch kein Unglück, weil man viel gelernt hat. Wer bei einem Start-up dabei war, weiss, wie man Produkte entwickelt und in Teams schnell und gut zusammenarbeitet. Auch Datenschutz und Recht stehen quasi auf dem Stundenplan. Man lernt, wie man Leute einstellt, aber vor allem, wie man einen Arbeitsplatz schafft, an dem man selber gerne arbeitet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2013, 09:00 Uhr

Ruchi Sanghvi (Bild: PD)

Indische Informatikpionierin

Die 31-jährige Ruchi Sanghvi wuchs in der indischen Industriestadt Pune auf. Sie machte einen Master-Abschluss in Informatik an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh (USA). 2005 wurde sie als erste Frau Informatikingenieurin bei Facebook. 2010 gründete sie das Start-up Cove, das 2012 von Dropbox gekauft wurde. Dort kümmert sie sich nun um das operative Geschäft. (TA)

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