«Fabelhaftes Spiel am Montag»

Amerikaner machen sich auf Internet-Landkarten über die pakistanischen Behörden und den Ort Abbottabat lustig: Hotels, Sportplätze und sogar Friedhöfe werden mit zynischen Kommentaren eingedeckt.

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Täglich kommen Hunderte Besucher, Witzbolde haben es auf Google Maps als «historisches Wahrzeichen» von Abbottabad markiert: Das Anwesen Osama Bin Ladens, in dem der meistgesuchte Terroristenführer von einem US-Elitekommando erschossen wurde, ist schon nach wenigen Tagen zu einer makaberen Attraktion geworden.

Pakistan muss fürchten, dass die Villa, in der sich Bin Laden jahrelang unbehelligt verstecken konnte, zu einer Art Pilgerstätte seiner Anhänger werden könnte. Eine Lösung, dies zu verhindern, könnte es sein, sie einfach zu zerstören. Doch es gibt auch Stimmen dagegen.

«Hey, was ist los, Osama?»

Um zu verhindern, dass Bin Ladens Grab zur Pilgerstätte wird, beschloss das Weisse Haus, seine Leiche im Meer zu bestatten. Um jeden Mythos zu vermeiden, der Al-Qaida-Chef habe sich gar nicht in der Villa aufgehalten, entschied US-Präsident Barack Obama, ihn in einer riskanten Kommando-Aktion zu stellen – statt einfach das Anwesen mit Raketen zu beschiessen. Doch damit hat Pakistan nun ein Problem: Was soll mit dem Anwesen geschehen?

Schon jetzt übt die von einer hohen Mauer umgebene Villa eine morbide Faszination aus. Journalisten aus aller Welt versuchen sich selbst ein Bild darüber zu machen, wie Bin Laden über Jahre hinweg friedlich in einer Garnisonsstadt unweit von Islamabad entfernt leben konnte. Anwohner stehen in Gruppen herum, Jugendliche rufen scherzend jedem Passanten mit Bart zu: «Hey, was ist los, Osama?»

«Zimmer mit dem Terrormotto»

Auf Google Maps schlägt «Osama Bin Ladens Versteck» gleich als erstes «historical landmark» von Abbottabad auf. «Kein Ausblick, dafür aber sind die Abgeschiedenheit und die Zimmer mit dem Terrormotto sehr zu schätzen», heisst es in einem der mehr als tausend angeblichen «Bewertungen».

Mohammed Fayaz kann darüber nicht lachen. «Die Villa ist nun ein Denkmal», sagte der 32-jährige Bauleiter aus Abbottabad nachdenklich. Er liest gerade in einer Lokalzeitung die Details zu Bin Ladens Tod, lange betrachtet er das Foto auf der Titelseite von dem Anwesen. «Die ganze Welt wird kommen, um es sich anzusehen», sagt er und wirkt alles andere als glücklich darüber: Neben den typischen Katastrophentouristen fürchtet Fayaz vor allem radikalislamische Pilger, die seine bisher so friedliche und wohlhabende Heimatstadt heimsuchen könnten. «Das könnte sehr gefährlich werden für uns – alles kann passieren», sagt er.

Die Armee äusserte sich bisher nicht

Mohammad Saleem teilt die Sorge seines Nachbarn. «Jeden Tag kommen mehr Menschen», sagt der pensionierte ranghohe Polizist und runzelt die Stirn. «Wir können unmöglich wissen, wer davon ein potenzieller Anhänger Bin Ladens ist und wer nicht.» Noch sei aber alles ruhig, fügt er rasch hinzu.

Die Armee äusserte sich bisher nicht. Antiterror-Einheiten, die gegen Taliban und al-Qaida in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan kämpfen, zerstören in der Regel die Häuser ihrer Gegner – und auch in diesem Fall kann das Militär kein Interesse daran haben, die Villa stehen zu lassen. Sollte es stimmen, was Armee und Regierung immer wieder versichern, dass niemand etwas über Bin Ladens Verbleib wusste, dann wäre das Anwesen nur ein allzu deutliches Symbol für das kollektive Versagen.

Was soll mit dem Komplex geschehen?

Bezirksverwaltungschef Zaheer ul-Islam glaubt weder an die Zerstörung der Villa, noch daran, dass sie zu einem «Schrein» für Bin Ladens Anhänger werden könnte. «Sie wissen, dass dies hier eine Garnisonsstadt ist – und weder das Militär noch wir werden derartige Aktivitäten zulassen», sagt er. Polizei-Einsatzleiter Ghulam Abbas hat eine ganz andere Idee: «Einige wollen den Komplex schliessen, andere ihn zerstören. Ich finde, er sollte in eine Schule umgewandelt werden.»

Khurshid Ahmed, Vize-Vorsitzender der islamistischen Partei Jamaat-i-Islami, kann die Diskussion um die Zukunft der Villa nicht verstehen. Ob Bin Laden einen «Schrein» erhält, sei unerheblich: «Es stellt sich nicht die Frage nach dem Ort, sondern nach der Idee. Ob es uns passt oder nicht, Osama ist zu einem Symbol geworden, zum Guten oder zum Schlechten», sagt er. (rek/AFP)

Erstellt: 06.05.2011, 09:21 Uhr

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