«Facebook ist noch völlig unternutzt»

Die Kommunikationsforscherin Stefana Broadbent schildert in ihrem neuen Buch, wie wir im privaten und geschäftlichen Alltag die wachsende Zahl an Kommunikationskanälen einsetzen – und meistern.

Kommunikation für zwischendurch: Früher gab es die Zigarettenpause, heute schauen wir zwischendurch bei Facebook vorbei.

Kommunikation für zwischendurch: Früher gab es die Zigarettenpause, heute schauen wir zwischendurch bei Facebook vorbei. Bild: Keystone

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Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte jeder von uns eine, vielleicht zwei Telefonnummern. Heute haben wir Adressen für E-Mail, Skype, Facebook, Twitter, WhatsApp und wie sie alle heissen. Werden es bald noch mehr sein?
Wahrscheinlich schon, denn neue Kanäle ersetzen nie die bisherigen, sie kommen zu den bestehenden hinzu.

Damit wächst auch der Aufwand, den jeweils passenden Kanal auszuwählen.
Ja, aber die Leute sind darin sehr geschickt, das meistern sie rasch.

Nach welchen Kriterien wählen wir den benötigten Kanal aus?
Jedenfalls nicht mehr nach dem Preis. Und da praktisch alle Kanäle ständig und überall zur Verfügung stehen, auch nicht über die Verfügbarkeit.

Was ist denn entscheidend?
Am meisten wird unterschieden zwischen synchroner Kommunikation und asynchroner. Es geht also darum, ob Sie die Aufmerksamkeit Ihres Gegenübers sofort benötigen oder nicht. In den allermeisten Fällen ist das nicht zwingend. Ausserdem spielt es eine zentrale Rolle, wie sehr Sie befugt sind, die Aufmerksamkeit Ihres Gegenübers anzufordern.

Wie meinen Sie das?
Die Aufmerksamkeit ist eine Ressource. Der Status, den eine Person in Ihrem sozialen Verbund hat, drückt sich unter anderem darin aus, ob Sie ihr jederzeit Aufmerksamkeit schenken. «Wichtige» Personen kontaktieren Sie eher schriftlich und asynchron. Das kann ein wichtiger Kunde, Ihr Chef oder jemand sein, in den Sie frisch verliebt sind.

Emotionen spielen also eine Rolle.
Auch. Ihre Mutter können Sie jederzeit anrufen, mit dem Rest der Welt müssen Sie es jeweils aushandeln. Im Schnitt haben wir nur fünf Leute, die wir jederzeit anrufen können, alle anderen Gespräche bedürfen der Planung.

In der Regel nutzt man für dieselbe Person immer denselben Kanal.
Nicht zwingend. In Ihrem engsten Freundeskreis nutzen Sie mehrere Kanäle. Je weniger nah Ihnen jemand steht, desto eher nutzen Sie immer denselben.

Bevorzugen Männer und Frauen gewisse Kanäle besonders?
Nicht unbedingt. Doch sie nutzen verschiedene Kanäle aus anderen Gründen. Frauen gefällt an SMS, dass es den anderen weniger stört als ein Anruf. Männer schätzen SMS, weil sie diesem Kanal nicht die volle Aufmerksamkeit schenken müssen. Frauen nutzen eher das Festnetz zu Hause, weil sie der soziale Anker des Haushalts sind und der Festnetzanschluss eher «für alle» im Haushalt steht, also mehr für einen Ort als eine bestimmte Person. Für ihre persönlichen Kontakte nutzen Frauen dann wieder eher das Handy, genauso wie die Männer.

Stimmt es, dass die Jungen kaum noch E-Mails verschicken?
Das stimmt. Das erklärt sich aber dadurch, dass sie noch nicht so in der Geschäftswelt eingebunden sind, das wird sich im Laufe ihres Lebens noch ändern.

Nutzen Ältere weniger Kanäle?
Nein, das ist ein Vorurteil. Facebook hat in diesen Altersklassen die grössten Zuwachsraten.

Wirkt sich der Bildungsgrad auf die Nutzung der diversen Kanäle aus?
Es gibt eine Korrelation. Doch als Journalist zum Beispiel haben Sie auch ganz andere Möglichkeiten während der Arbeit, als wenn Sie an einer Supermarktkasse sitzen. Wir wissen auch, dass Obdachlose in London gerne und oft Facebook, Chat oder E-Mail nutzen, etwa in Bibliotheken. Es hat also eher mit dem Zugang zu den Kommunikationsmitteln zu tun als mit dem Bildungsniveau.

Persönliche Kontakte pflegen wir zunehmend via Facebook, viele holen sich dort Aufmerksamkeit.
Facebook ist diesbezüglich ein sehr freundlicher, anständiger Kanal.

Tatsächlich?
In Facebook können Sie niemandes Aufmerksamkeit verbindlich anfordern. Kommt dann aber etwas zurück, ist das umso mehr eine freundliche und freundschaftliche Geste, umso belohnender ist es für den Absender. Darum macht es Spass, bei Facebook vorbeizuschauen, wohingegen das Öffnen der E-Mail-Inbox den Leuten Kopfweh bereitet.

Weil E-Mails mit Arbeit verbunden werden und Facebook mit Freizeit?
E-Mails sind mit Zwängen verbunden, bei Facebook ist alles freiwillig.

Aber Social Networks sind auch sehr unverbindlich.
Das stimmt, langfristig kann das zu Langeweile führen.

Ist Facebook also bloss eine vorübergehende Modewelle?Im Gegenteil, ich denke, Facebook ist noch völlig unternutzt.

Wie das denn?
Bisher nutzen wir es doch alle wie ein grosses Adressbuch, viel mehr nicht. Wir reden dort nur über allgemeintaugliche Dinge, den kleinsten gemeinsamen Nenner: unsere Babys, Hunde oder aktuelle politische Themen, Sachen, die halt möglichst alle dreihundert oder mehr «Freunde» interessieren sollen. Da liegt noch ein enormes Potenzial brach.

Was müssten künftige neue Kanäle leisten?
Wenn ich das wüsste, würde ich wohl einen davon kreieren. Vieles ist heute jedenfalls noch sehr sperrig, etwa wenn Sie jemandem Ihre Fotos auf dem Laptop zeigen möchten. Solche Dinge müssen noch vereinfacht werden.

Passen wir uns eigentlich der Technologie an, oder entspricht sie unseren Bedürfnissen?
Neue Kanäle bringen oft Einschränkungen mit sich, etwa die maximal 140 Zeichen bei SMS oder Twitter. Doch dann entsteht genau deswegen eine Nutzform, die anfangs niemand erwartet hätte. Auf die technologische Innovation folgt die soziale, und das Endresultat wird in den nächsten technischen Innovationszyklus einfliessen. Es ist also ein Zusammenspiel.

Unter dem Strich: Kommunizieren wir heute besser als vor 10 Jahren?
Aber ganz bestimmt! Früher hatten Sie tagsüber, während der Arbeit, keinen Kontakt zu Ihren Liebsten, alles war sehr restriktiv. Heute ist die emotionale Unterstützung dank diesen Kommunikationsmöglichkeiten viel grösser; ich finde das wunderbar.

Es überfordert die Leute also nicht?
Nein. Ich treffe jedenfalls nie jemanden, der mir so was erzählt. Wenn, dann geht es um die Flut an E-Mails, die man nicht mehr bewältigen mag, aber das hat dann eher mit der persönlichen Organisation im Beruf zu tun.

Doch unsere Konzentration leidet darunter, dass wir ständig auf allen Kanälen erreichbar sind.
Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Allerdings ist das Web, etwa Youtube oder Games, der zeitraubendere Faktor als die private Kommunikation.

Sind private SMS und Facebook-Besuche während der Arbeit also kein Problem für die Effizienz?
Sehen Sie, wir alle arbeiten in Zyklen. Auf eine Phase hoher Konzentration folgt eine kurze Pause, etwas Ablenkung, dann geht es weiter. Früher hatten wir Rauchpausen, heute schauen wir halt rasch bei Facebook vorbei.

Erstellt: 03.04.2011, 20:17 Uhr

Stefana Broadbent

Die Schweizerin lehrt Kommunikation und Mediennutzung an der Abteilung für Digitale Anthropologie am University College in London.

Das Buch

Das neue Buch von Stefana Broadbent beschäftigt sich mit dem «Privaten in der Arbeitswelt» und widmet sich unter anderem unseren diversen digitalen Kommunikationskanälen. Es ist bisher nur auf Französisch erschienen.

Stefana Broadbent: L’intimité au travail. FYP éditions 2011. 192 S., ca. 30 Fr.

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