Facebook ist vermurkst

Wer sich in Facebook verrannt hat, findet mit der hübsch gemachten App Path den Weg zurück zum engen Freundeskreis.

Die Zeit scheint reif: Path besticht mit einem attraktiven animierten Interface.

Die Zeit scheint reif: Path besticht mit einem attraktiven animierten Interface. Bild: Screen: TA

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Freundschaften pflegt man in unserer Zeit vorwiegend digital, konkret via Facebook. Das war zumindest einst der Kerngedanke des weltgrössten Social Networks. Doch mittlerweile wird man dort nur noch zugedröhnt von Dingen, die einem gar nicht wirklich am Herzen liegen. Zu häufige Updates von Leuten, die nur am Rande interessieren, zu viele Promotionen von Firmen und Produkten, ganz zu schweigen von Werbung – der Rauschpegel steigt und steigt, Informationsgehalt und Unterhaltungswert sinken und sinken. Facebook ist vermurkst.

Schuld trägt jeder selbst. Man war nicht wählerisch genug bei der Annahme von «Freunden» und liess sich zu oft zum Klick auf «Gefällt mir»-Buttons hinreissen. Im Schnitt bringt es ein Facebook-Nutzer auf 130 Freunde und 80 Likes, viele haben ein Vielfaches davon.

Google bot 100 Millionen Dollar

Bis vor kurzem fehlte ein eleganter Ausweg aus diesem Dilemma, bloss mühsames Filtern, Ent-Freunden, Nicht-mehr-Gefallen oder gleich den Totalverzicht. Doch nun hat sich mit der App Path, die es kostenlos für iPhone und Android-Smartphones gibt, ein neuer Pfad aufgetan.

Fast unbemerkt ist das Netzwerk vor über einem Jahr gestartet. Gegründet hat es Dave Morin, ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter. Im ersten Jahr konnten sich gerade einmal 30'000 Nutzer für Path begeistern. Die schön gestaltete App hat vor allem visuell anspruchsvolle Anwender angezogen. Google soll Morin angeblich 100 Millionen Dollar dafür geboten haben. Wer die App eine Weile ausprobiert, kann nachvollziehen, warum.

Rückzug ins Private

Ende November 2011 ist die Version 2.0 mit erweiterten Funktionen erschienen. Innert nur eines Monats hat sich die Zahl der Nutzer auf 300'000 verzehnfacht. Nun gilt Path als eine jener Apps, die 2012 ganz gross herauskommen könnten.

Die Zeit dafür scheint reif. Path gibt all jenen, die sich in Facebook verrannt haben, die Chance auf einen Neuanfang – mit einem Fokus auf die wirklich engen Freunde und Familienmitglieder. Somit bietet Path eine Rückzugsmöglichkeit ins bereits verloren geglaubte Private. Path ist für die engen Freunde das, was Xing oder LinkedIn für geschäftliche Kontakte sind: ein dezidiertes Netzwerk, das Facebook nicht ersetzt, aber sinnvoll ergänzt.

150 Freunde sind das Maximum

Attraktiv ist Path aus zwei Gründen: Es beschränkt erstens die Anzahl Freunde von vornherein auf eine überschaubare Grösse und sieht zweitens umwerfend gut aus. Maximal 150 Freundschaften kann man bei Path pflegen, anfangs waren es sogar nur 50. Gemäss dem britischen Psychologen Robin Dunbar kann das menschliche Gehirn maximal 150 reale Bekanntschaften unterhalten. In Path gibt es ausschliesslich Personen, keine Firmen, keine Produkte, keine Promis, ausserdem keine Werbung. Das soziale Netzwerk kennt noch weitere Einschränkungen. So gibt es keine zugehörige Website, nur eine Smartphone-App. Das empfindet man aber keineswegs als Verlust, im Gegenteil.

Das eigene Leben dokumentiert man innerhalb der App anhand von «Momenten», daraus ergibt sich ein Pfad, welcher der Chronik von Facebook sehr ähnlich sieht, allerdings viel schöner ist. Als Momente infrage kommen selbstverständlich Fotos, für welche die App diverse Filter bereithält, ähnlich wie bei Instagram oder Hipstamatic. Die Fotos und Videos anderer kann man ganz einfach aufs eigene Handy speichern. Es lässt sich festhalten, mit wem man gerade zusammen ist, wo man ist, welche Musik man hört oder was einem gerade durch den Kopf geht. Ausserdem kann man angeben, wann man schlafen geht und wann man aufsteht.

Selber sieht man nur die Momente seiner direkten Freunde; Meldungen über Kommentare bei Bildern der Freunde oder ein Weitergeben von Inhalten gibt es nicht.

Sehen, wer vorbeigeschaut hat

Weblinks oder Youtube-Videos teilt man in Path ebenfalls keine. Hier kommt alles direkt von den Beteiligten. Es lassen sich keine Inhalte aus anderen Netzwerken automatisch einflechten, innerhalb von Path bleibt man von Twitter-Updates und dergleichen verschont. Umgekehrt lassen sich Path-Beiträge direkt an Facebook, Foursquare, Tumblr und Twitter weiterleiten, falls man das möchte.

Die Beiträge anderer kann man kommentieren und mit Smileys versehen, wobei es hier sogar eines für Trauer und Unmut gibt, während Facebook keinen «Gefällt mir nicht»-Button kennt. Und man sieht, wer die eigenen Sachen angeschaut hat, was bei Facebook ebenfalls nicht möglich ist. Nicht zuletzt kann man eigene Beiträge nicht mehr löschen, wenn man sie einmal dem persönlichen Pfad zugefügt hat – so überlegt man sich vorab besser, was wirklich nötig ist.

Am wichtigsten aber ist, dass man sich bei der Wahl seiner Freunde diesmal etwas mehr Gedanken macht als vor ein paar Jahren bei Facebook. Als Faustregel kann man sich beispielsweise fragen: Will ich von den Ferien, dem Baby, dem Hund oder der Katze dieser Person regelmässig Bilder sehen? Falls ja, dann steht ihr der eigene Pfad offen.

Erstellt: 09.01.2012, 07:57 Uhr

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