Leitartikel

Fenster auf!

Was ist die Wirklichkeit in der digitalen Welt noch wert? Der Leitartikel der Gast-Chefredaktorin zur TA-Sonderausgabe «Leben im Netz».

«Realität ist nur ein Fenster unter vielen auf meinem Bildschirm», sagte ein Knabe der US-Soziologin Sherry Turkle in einem Interview. Foto: Beth Pleasnick (Alamy)

«Realität ist nur ein Fenster unter vielen auf meinem Bildschirm», sagte ein Knabe der US-Soziologin Sherry Turkle in einem Interview. Foto: Beth Pleasnick (Alamy)

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«Alles auf der Welt ist entweder drinnen oder draussen», schreibt der US-Schriftsteller Don DeLillo in seinem Erzählband «Der Engel Esmeralda». Das Buch erzählt von den Zumutungen des Lebens dieser Tage, die sich aus Naturkatastrophen, technologischem Fortschritt und sozialen Konflikten ergeben, vor allem aber aus der Unfähigkeit und Unwilligkeit der Menschen, mit alledem umzugehen.

Immer mehr Leben findet mit oder im Netz statt. Viele erledigen über das Internet einen Teil ihrer Arbeit, bestellen Bücher, Kleidung oder das Abendessen, unterhalten sich mit Freunden, lernen ihren Partner kennen oder finden neue Tipps, wie sie ihr Geld anlegen können. Wer drinnen ist, ist dabei, gehört dazu. Wer draussen ist, wird irgendwann abgehängt.

Das macht manch einem Sorge, aber es ist auch eine einseitige Sicht. Nicht alles am Internet ist neu. Menschen waren schon immer vernetzt, nicht nur digital: Wir sind gehalten im Netz der Familie und Freunde, ohne das Stromnetz sässen wir abends im Dunkeln, wir nutzen die Verkehrsnetze von VBZ und SBB, um uns durch Zürich und das Land zu bewegen, und wir schauen mit Spannung auf das Netz im Tor, vor dem der Torwart in Angst vor dem Elfmeter erstarrt.

Nachbarn im virtuellen Dorf

Auch im Internet suchen und finden wir Anschluss: zu Freunden, Arbeitskollegen, an das Geschehen im Quartier und in der Welt. Das bleibt, wie es war. Über das Internet reisen die Informationen tausendfach schneller durch die Welt, als das früher möglich war, und alles ist immer nur einen Mausklick entfernt. Das ändert dann doch manches. Das Leben wird immer schneller, und die Welt wird zu einem grossen virtuellen Dorf.

Im heutigen Schwerpunktthema «Leben im Netz» öffnet der «Tages-Anzeiger» einige Fenster in die vernetzte Welt – mit und ohne Internet.

So empfindet Tennislegende Heinz Günthardt das reale Netz auf dem Platz als Schutz gegen das Retournieren des Gegners. Im Internet prasseln die virtuellen Gegenschläge gelegentlich hart auf einen ein, wie sich bei manchen Onlinekommentaren zeigt.

Ohne das mobile Internet hätten viele Menschen in Afrika keine Chance, Anschluss an die Welt zu finden. Dort wird mithilfe des Mobiltelefons gehandelt, werden Fahrgemeinschaften organisiert und sogar telemedizinische Operationen in entlegenen Buschkliniken durchgeführt.

Fenster zur Wirklichkeit

Nachbarn in der US-Hauptstadt Washington wohnen nur wenige Meter voneinander entfernt, aber sie sehen sich fast nie. Dafür sausen E-Mails durchs Internet, mit denen man einander auf herrenlose Fahrräder, Müllsäcke oder seltsame Geräusche in der Strasse aufmerksam macht. Gemailt wird wie verrückt, geredet wird nicht mehr.

In einer Studie zum Leben im Netz hat die US-Soziologin Sherry Turkle zahlreiche Interviews mit Jugendlichen geführt. In einem antwortet ein Knabe auf die Frage, was für ihn «Realität» bedeutet: «Realität ist nur ein Fenster unter vielen auf meinem Bildschirm, und meistens ist es nicht mein bestes.»

Wie nutzen wir die neuen, aufregenden Möglichkeiten des Internet, und wie gelingt es, dabei das reale Leben nicht aus den Augen zu verlieren? Der «Tages-Anzeiger» möchte mit dem heutigen Schwerpunktthema «Leben im Netz» einige Fenster in beide Welten öffnen – die reale und die virtuelle. Es stimmt nämlich gar nicht, dass «alles auf der Welt entweder drinnen oder draussen» ist, wie Don DeLillo sagt. Alles ist längst drinnen und draussen. Wenn wir die Fenster aufmachen.

Erstellt: 18.10.2013, 23:55 Uhr

Wie sprechen, wie arbeiten, wie leben wir miteinander in einer Welt, in der es immer mehr Verbindungen zwischen offline und online gibt? Gast-Chefredaktorin Miriam Meckel.

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