Interview

«Google ist eine Art ausgelagertes Gehirn»

Aus Garagenfirmen werden multinationale Konzerne, aus Althippies iGods oder teufelgleiche Manager: Carsten Görig über die Risiken und Nebenwirkungen, wenn wir unsere intimsten Dinge gewinnorientierten Diensten anvertrauen.

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Carsten Görig, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie: «Es gibt viele Punkte in der Entwicklung des Netzes, welche uns Sorgen bereiten müssen.» Was genau macht Ihnen denn am meisten Angst?
Angst ist das falsche Wort, denn ich habe keine Angst vor der Zukunft oder vor dem Internet, was mir manchmal unterstellt wird. Sorgen allerdings schon. Am meisten davor, dass wichtige Teile des menschlichen Wissens, der menschlichen Kommunikation, in die Hände von Konzernen übergehen, die sich kaum kontrollieren lassen, die unsere Daten, unser Tun und Handeln und unsere Kreativität für ihre kommerziellen Zwecke nutzen und vor allem: Die Macht haben, sie zu zensieren, zu beschränken. Die Konzerne sind es, die die Zukunft des Internets gestalten, nicht die Menschen, die es nutzen, nicht die Nutzer.

Wenn man Sie so reden hört, wähnt man sich in einem Verschwörungsthriller.
Ich sage nur: Das Problem ist, dass die Infrastruktur des Netzes, die Dienste, die wir nutzen müssen, Konzernen gehören. Sie wollen damit Geld verdienen und sollen letztlich nicht der freien Meinungsäusserung, sondern ihren Besitzern dienen.

So kommt es, dass Apple Apps von Zeitschriften wie dem deutschen «Stern» aus dem App-Store nehmen kann...
...nicht, weil diese illegale Inhalte hat, sondern, weil jemand bei Apple sie anstössig fand. Die Konzerne haben eine grosse Macht, aber sie verhalten sich nicht verantwortungsvoll damit.

Kann der Normalnutzer der Macht von Facebook, Apple und Co. etwas aktiv entgegenwirken?
Ich glaube nicht. Denn das Problem ist ja: Die Dienste sind gut. Google ist eine tolle Suchmaschine, bietet hervorragendes Kartenmaterial. Genauso Facebook: Es ist einfach zu bedienen, macht Spass. Die Kontrolle muss jemand anders ausüben, und das können nur staatliche Stellen sein. Doch die scheinen überfordert oder ahnungslos. Es reicht halt nicht, wenn die deutsche Konsumentenschutz-Ministerin einen offenen Brief an Mark Zuckerberg schreibt und selbst ihr Konto kündigt. Das wird ihn herzlich wenig interessieren.

Die IT-Firmen sind nicht mehr die kleinen Garagen-Unternehmen und haben darum viele Sympathien verloren. Aber grundsätzlich handelt es sich einfach um Unternehmen, die im Internet (mit Daten) Geld verdienen wollen. Was ist daran falsch?
Es ist erst einmal nichts falsch daran, Geld verdienen zu wollen. So funktioniert unser Wirtschaftssystem. Auch dass jemand mit Daten Geld verdient, ist per se nicht verkehrt. Allerdings nur so lange, wie transparent ist, welche Daten gesammelt werden, wie diese ausgewertet und welche Schlüsse daraus gezogen werden.

Diese Transparenz aber ist doch meist gegeben...
...im Gegenteil: Immer wieder ändert ein Dienst wie Facebook seine Datenschutzbestimmungen, versucht mehr Daten an Werbepartner weiterzugeben. Die Transparenz, die man von den Nutzern fordert, wird selbst nicht eingehalten. Und immerhin geht es bei diesen Daten um äusserst sensible Dinge. Aus einem Suchmaschinenprofil lassen sich mit wenig Mühe Rückschlüsse über Erkrankungen oder andere Schicksalsfälle ziehen.

Was missfällt ihnen bei Facebook am meisten?
Die Selbstverständlichkeit, wie jemand mal kurz die Datenschutzbestimmungen für die Daten von mehr als einer halben Milliarde Menschen ändern kann.

In «Gemeinsam einsam», ihrem eben erschienenen Buch, kritisieren Sie die Herren Page, Brin, Zuckerberg, Schmidt und Jobs heftig, insbesondere an deren Menschenbild lassen sie kein gutes Haar.
Gerade bei den Google-Gründern und Mark Zuckerberg sehe ich eine Reduzierung des menschlichen Seins auf das, was sich von Computern berechnen lässt. Das menschliche Gehirn wird als Computer bezeichnet, Freundschaften sind Verbindungen zwischen zwei Dateien in einem Rechenzentrum. Der Mensch soll effizienter werden durch die Benutzung dieser Dienste. Es ist ein Menschenbild, bei dem alles der Berechenbarkeit unterworfen wird. Und so funktioniert meiner Meinung nach kein Mensch. Zumindest hoffe ich das sehr.

«Larry Page will das Denken der Nutzer verändern», behaupten sie und bezeichnen Google als «ausgelagertes Gehirn». Google würde dem entgegnen: Herr Görig ist paranoid.
Ich glaube eher, dass Page dem zustimmen würde. Denn es geht ihm darum, schneller zum Ziel zu kommen, schneller an die Information zu kommen, die man braucht, Denken zu vereinfachen, zielführender zu machen. Das sieht man zum Beispiel in der Funktion «Instant Search», bei der schon während des Schreibens des Suchbegriffs Ergebnisse ausgegeben werden.

Das ist höchst bequem.
Es geht darum, schneller auf diesen riesigen Schatz menschlichen Wissens zuzugreifen. Insofern ist Google tatsächlich eine Art ausgelagertes Gehirn, in dem Informationen gespeichert werden, die wir uns dann nicht mehr merken müssen, denn wir haben ja schnell Zugriff darauf. Ein Google-Manager sagte einmal, dass er gerne einen direkten Anschluss von Google ans Gehirn hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob das nur ein Scherz war.

Googles berühmtes Firmenmotto lautet: «Don’t be evil». «Sei nicht böse» – das muss für Sie wie ein Hohn klingen.
Nein. Google ist, wie viele Internetunternehmen, eine Firma, die hehre Ziele hat. Sie wollen nicht böse sein, das glaube ich ihnen sogar. Doch allein die schiere Grösse führt dazu, dass irgendjemand sie böse finden muss.

Warum eigentlich? Google investiert in die Erforschung von Elektroautos, bietet kostenlos gute Kartendienste an, versucht, in Ländern wie China verantwortungsvoll zu handeln...
...Eben. In der Firma ist ein Geist vorhanden, den man tatsächlich als «gut» bezeichnen könnte. Das Problem ist allerdings, dass Kritik von aussen nur sehr beschränkt wahr genommen wird, weil man ja gut ist. Es sind die eigenen Massstäbe von Gut und Böse, nach denen sich Google richtet und die sind nicht immer deckungsgleich mit dem, was die Gesellschaft denkt.

Ein Unternehmen, das noch mehr Mühe mit Kritik von aussen, ist Apple. Seine Informationspolitik ist grauenhaft, Fehler werden nicht kommuniziert und Steve Jobs wird als iGod verehrt: Machen Sie bei Apple sektiererische Züge aus?
Natürlich: Apple ist eine Religion, Steve Jobs ihr Gott. Und Apple spielt diese Inszenierung ganz hervorragend. Dennoch bin ich überzeugt: Das funktioniert nur, weil eben auch die Produkte gut sind. Sie sind hervorragend gestaltet, nicht nur äusserlich, sondern auch in ihrer Bedienung. Gerade auch, weil Apple zunehmend versucht, geschlossene Systeme zu schaffen. Wer Apple-Produkte nutzt, soll möglichst nicht über den Tellerrand hinausschauen.

Die Geschichte von Apple ist so voller Klischees, dass man sich kaum traut, sie zu erzählen. Haftet Cupertino ein falsches Image an?
Dass etwas ein Klischee ist, heisst nicht, dass es nicht wahr ist. Apple ist einfach das Paradebeispiel für Silicon-Valley-Firmen: Von Ex-Hippies in einer Garage gegründet, mit selbst gelöteten Computern gestartet, mit sprichwörtlichen Nerds an der Spitze zum Weltruhm gelangt, fast gescheitert und dann von einer Lichtgestalt zu einer der wertvollsten Firmen der Welt geworden: Als Drehbuch könnte man das niemandem verkaufen. Und doch ist es eine wahre Geschichte.

Was kommt nach Apple, Google, Facebook, Microsoft?
Wenn ich das wüsste, hätte ich schon längst Aktien gekauft. Im Ernst: Ich bin selber gespannt und bin überzeugt davon, dass es etwas sein wird, von dem wir bisher noch nicht ahnen, dass wir es einmal brauchen werden.

Carsten Görig: «Gemeinsam einsam. Wie Facebook, Google & Co. unser Leben verändern.» Orell Füssli Verlag, Zürich 2011, ca. 34 Franken.

Erstellt: 25.01.2011, 10:04 Uhr

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