Porträt

Googles Gott

Ray Kurzweil ist ein IT-Wunderkind und Prophet der Unsterblichkeit. Nun heuert der Erfinder bei Google an.

Prophezeit die Verschmelzung von Mensch und Computer: Der Erfinder und Ray Kurzweil. (7. Februar 2007)

Prophezeit die Verschmelzung von Mensch und Computer: Der Erfinder und Ray Kurzweil. (7. Februar 2007) Bild: AFP

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Das Auffälligste an dem neuen Staringenieur von Google ist der stets mitgeführte Plastiksack mit Nahrungsmittelzusätzen, die er über den Tag verteilt systematisch isst. 150 Vitamin- und Mineralpillen pro Tag.

Das macht Sinn. Denn Ray Kurzweil, heute 64, muss durchhalten. Nur noch knapp mehr als 32 Jahre. Bis zur Unsterblichkeit. Und zu ungeahntem Wissen, unbegrenzter Kreativität. Dann, wenn Mensch und Maschine zu einer Einheit verschmelzen.

Der unauffällige, kleine Mann mit Stirnglatze, Brille, steter Freundlichkeit und monotoner Stimme ist einer der letzten heute noch unenttäuschten Utopisten. Und er hat Milliarden von Dollar hinter sich – die Unterstützung von Tech-Milliardären sowie von IT-Giganten wie Apple und Google.

IT-Wunderkind

Google hat ihn Anfang dieser Woche eingestellt. Für Sonderaufgaben und als Spezialisten für Sprachentwicklung. Er selbst begründete sein Engagement damit, dass Google zwei seiner umstrittenen Vorhersagen von 1999 – antwortende Taschentelefone und selbst steuernde Autos – wahr gemacht habe. Ausserdem sei er Praktiker. Und arbeite deshalb sehr gern an der Realisierung von weiteren «unrealistischen» Projekten.

Kurzweil ist in Kalifornien eine Legende. Er war ein IT-Wunderkind; mit 14 entwarf er das erste Programm, das Musik komponierte, mit 19 das erste Vorlesegerät für Blinde; dann – auf Anregung des blinden Sängers Stevie Wonder – den ersten kommerziellen digitalen Synthesizer. Er gründete Dutzende Tech-Firmen und verkaufte sie für Millionen.

Einheit von Mensch und Computer

Dazu arbeitet er als Theoretiker und Vortragsreisender. Seine beiden grössten Theorieprojekte haben Jahreszahlen: 2029 und 2045. 2029 ist das Jahr, in dem die Computer von der Intelligenz, aber auch in der Simulation der Gefühle nicht mehr von einem menschlichen Gehirn zu unterscheiden sind. 2045 schliesslich ist das Jahr der «Singularität». Der Moment, in dem Mensch und Computer zu einer Einheit verschmelzen, die so neu, so revolutionär ist, dass für spätere Entwicklungen keine genauen Vorhersagen mehr getroffen werden können: quasi eine Art Urknall der Evolution. 2049 wird, fast nebenbei, auch das Jahr der Unsterblichkeit sein: wenn intelligente Nanoroboter Körper und Gehirn unermüdlich restaurieren.

Die Probleme von heute sind dann längst Erinnerung – da Nanoroboter etwa Umweltschäden beseitigen und mit supereffektiven Solarzellen unbegrenzt Energie liefern.

Kurzweils Optimismus basiert auf einem einfachen Gesetz: Die Rechenleistung der Computer verdoppelt sich alle 18 Monate. Dadurch läuft der technische Fortschritt nicht linear, sondern exponentiell ab: in einer Explosion des Wissens.

Alles wird exponentiell besser

Auch wenn das Magazin «Economist» spottete, 2049 werde auch der Nassrasierer (um 1900 eine Klinge, heute fünf) vierzehn Klingen haben, wird Kurzweil extrem ernst genommen: jedenfalls von Hightechgiganten wie Google. Aus seinen Prognosen beziehen sie die Zuversicht, dass ihre Arbeit nicht schlicht zu einer besseren Welt führen wird – sondern zu einer exponentiell besseren. Und zu einem maschinenvernetzten Menschen (oder einer menschvernetzten Maschine) von unglaublichen Fähigkeiten.

Kurzweil selbst, im Umgang freundlich und bescheiden, liebt es, auf die Frage «Gibt es einen Gott?» mit «Noch nicht» zu antworten.

Darauf schluckt er eine weitere Vitaminpille. Denn er weiss: Sein Körper muss noch bis 2049 durchhalten. Dann wird er einer sein.

Erstellt: 20.12.2012, 06:39 Uhr

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