Griff nach dem virtuellen Portemonnaie

Kreditkarten werden durch digitales Geld bedrängt. Alle Onlinekonzerne wollen den Wandel mitbestimmen, doch eine erst drei Jahre alte Firma gibt den Ton an.

Innovativ: Square, der kleine Kreditkartenleser für Smartphones.

Innovativ: Square, der kleine Kreditkartenleser für Smartphones. Bild: squareup.com

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jack Dorsey könnte gelingen, was nur wenigen Unternehmern gelungen ist. Er erfindet nicht nur eine bahnbrechende Technologie und schafft ein erfolgreiches Unternehmen – ihm scheint dieses Kunststück gleich zweimal zu glücken. Als Erstes baute er den Online-Kurznachrichtendienst Twitter auf; und nun befindet er sich auf bestem Weg, mit einem auf Smartphones und Tablets zugeschnittenen Bezahlsystem namens Square das Portemonnaie zu ersetzen.

Experten sehen in Dorseys Unternehmen bereits ein klassisches Beispiel einer «disruptiven Technologie». Square könnte nicht nur die Verwendung von Bargeld nach und nach überflüssig machen, sondern das ganze Kreditkartensystem auf den Kopf stellen. Starbucks etwa hat bereits entschieden, sich finanziell an Square zu beteiligen und das Modell in den 7000 Cafés in den USA einzusetzen. Kreditkartenfirmen wie Visa, Mastercard oder American Express sind verlockende Ziele für Unternehmer wie Dorsey. Sie sind dank hohen Kommissionen hoch rentabel und haben ihr Wachstum bei weitem nicht ausgereizt. In den USA etwa werden noch immer mehr als 80 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld und Checks abgewickelt.

Kleinere, junge Firmen allerdings können und wollen sich die hohen Spesen der Kreditkarten nicht leisten. Dies erfuhr auch James McKelvey, ein Studienkollege von Dorsey. Er produzierte exklusive Wasserhähne aus Glas, konnte sie indessen nicht absetzen, weil er als Einzelunternehmer die Kreditkommissionen nicht zahlen konnte. Stattdessen begann er an einem alternativen Bezahlsystem zu tüfteln, das exakt diese Probleme von Start-up-Unternehmen lösen sollte.

Schon im Museum of Modern Art

Die Grundidee zu Square war gelegt: Tablets, und Smartphones sollten die Geschäftskasse ersetzen; ein quadratischer Aufstecker sollte zum Durchziehen der Kreditkarten eingesetzt werden und die Transaktionen würden dem Geschäft bereits am nächsten Tag gutgeschrieben. Dies ist erheblich schneller als die vier bis fünf Tage Wartezeit bei Kreditkarten. Zudem sichert Square eine fixe Kommission von 2,75 Prozent zu, deutlich weniger als die üblichen 4 Prozent.

Das Duo Dorsey/McKelvey startete vor drei Jahren und weckte rasch das Interesse von etablierten Risikokapitalformen. Als eine der Ersten investierte Ex-Google-Kaderfrau Marissa Mayer ins Unternehmen, und das Museum of Modern Art fügte den weissen Square-Stecker schon 2011 – nur ein Jahr nach dem Start der Firma – seiner Sammlung bei. Neben Twitter ist Square heute jene Firma im Silicon Valley, deren Börsengang mit der grössten Spannung erwartet wird. Da Dorsey an beiden Unternehmen von Anfang an beteiligt ist, ist er mehrfacher Milliardär.

Beliebt und begehrt ist Square bei kleineren Unternehmen, Restaurants, Taxis, Yoga- und Tanzstudios. Ihnen genügt ein mit Square verbundenes Tablet oder iPhone, um ihr gesamtes Inkasso abzuwickeln. Hunderte von Kleinfirmen im trendigen South-Mission-Bezirk von San Francisco, in Oakland und Berkeley haben bereits auf das neue Bezahlsystem umgestellt. Der Umsatz von Square ist innert Kürze von 1 auf 8 Milliarden Dollar gesprungen, und der Platz für die 400 Angestellten im historischen Gebäude des «San Francisco Chronicle» wird bereits knapp. Der Erfolg hat sich herumgesprochen: Starbucks-Chef Howard Schultz steuerte zur letzten Kapitalrunde von 200 Millionen eine Tranche von 25 Millionen bei und nahm gleich auch einen Sitz im Square-Verwaltungsrat ein.

Konkurrenten kopieren

Der Erfolg von Square hat Onlineunternehmen wie Amazon, Google und Ebay und die Kreditkartenkonzerne gleichermassen aufgerüttelt. Visa hat sich vorsorglich schon 2011 an Square beteiligt und kaufte zusätzlich die südafrikanische Fundamo auf, ein mit Linkedin verknüpftes Onlinebezahlsystem, mit dem vorwiegend Entwicklungs- und Schwellenländer bedient werden sollen. Mastercard ging eine Partnerschaft mit der spanischen Telefónica ein und versucht mit dem Onlinemodell Wanda den süd- und lateinamerikanischen Markt zu besetzen. American Express investiert derweil in die schwedische iZettle, ein Square-ähnliches Bezahlsystem in Europa.

Doch auch der etablierte Onlinedienst Paypal sah sich zum Nachziehen gezwungen. Die Ebay-Tochtergesellschaft brachte einen Tablet- und Smartphone-tauglichen Stecker auf den Markt, nur in Blau statt in Weiss und dreieckig statt quadratisch.

Apple, Google und Amazon haben zudem mehrere Patente für mobile Bezahlsysteme und virtuelle Währungen eingereicht, ohne aber bisher konkrete Anwendungen gestartet zu haben. Experten glauben, dass Apple sich hüten wird, das iTunes-Konzept zu verwässern und sich aus Sicherheitsgründen zu weit ins Feld der Kreditkartenfirmen vorzuwagen. Amazon dagegen bastelt seit mindestens zwei Jahren an Techniken, die sogar anonyme Finanztransaktionen erlauben und somit die Risiken des Datendiebstahls mindern sollen.

Für Jack Dorsey geht es allerdings um mehr als nur um ein neues Bezahlmodell. «Mein Ziel ist, dass niemand mehr ein Portemonnaie mit sich führen muss.» Die mobile Zukunft müsste es möglich machen, dass nicht nur das Mitführen von Bargeld und Kreditkarten überflüssig wird, sondern auch von Fahrausweisen und Reisepässen. Dabei kommen ihm die Pläne von Techfirmen wie Google und Apple, mobile Verbindungsgeräte in Form einer Armbanduhr auf den Markt zu bringen, sehr gelegen. Eine solche Smartwatch sei auf alle Fälle vielversprechender und fühle sich natürlicher an, so erklärte Dorsey vor kurzem, als die neue Google-Glass-Brille. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2013, 08:52 Uhr

Artikel zum Thema

Kreditkartengebühr: Schweizer sind die Dummen

Auf Druck der EU musste die Kreditkartenfirma Mastercard ihre Kommissionen stark senken. In der Schweiz kassieren Kartenanbieter weiter 150 Millionen zuviel. Mehr...

Die Internet-Kreditkarte für Achtjährige

Hintergrund Mit einer neuartigen Visakarte können Kinder in England bereits ab acht Jahren im Internet shoppen. Das System heisst «Pktmny» und soll Eltern helfen, ihrem Nachwuchs den Umgang mit Geld beizubringen. Mehr...

Wenn das Geld rostet

Analyse Viele Notenbanken sitzen zurzeit in der Liquiditätsfalle. Um endlich daraus zu entrinnen, greift das US-Fed nun auf eine alte Idee zurück: Geld, das weniger wert wird. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

So können Hausbesitzer viel Geld sparen

Hausbesitzer, die auf lange Sicht Energie und dadurch Geld sparen möchten, sollten Ihr Heim jetzt auf Wärmeverluste überprüfen.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Alles auf einmal
Michèle & Friends Jungbrunnen Coop-Restaurant

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Sie bringen Licht ins Dunkel: Die Angestellten einer Werkstatt in Tuntou, China, fertigen Laternen in Handarbeit. Diese werden als Dekoration für das chinesische Neujahrsfest dienen, das Anfang Februar stattfindet. (Januar 2019)
(Bild: Roman Pilipey/EPA) Mehr...