Gruppenarbeit per Video-Chat

Jeder Schüler im Alter von vier bis 18 Jahren sowie die Lehrer der Britischen Schule von Paris (BSP) arbeiten mit dem iPad. Papier und Stift gibt es zwar weiterhin, aber wie lange noch?

«Es ist falsch, von Kindern zu verlangen, im Stil des 20. Jahrhunderts zu lernen, wenn sie eindeutig in einer anderen Welt leben»: Schülerinnen an der British School of Paris.

«Es ist falsch, von Kindern zu verlangen, im Stil des 20. Jahrhunderts zu lernen, wenn sie eindeutig in einer anderen Welt leben»: Schülerinnen an der British School of Paris. Bild: AFP

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Auf den ersten Blick sieht das Klassenzimmer aus wie in jeder anderen Schule auch: Eine Wörtertafel hängt an der Wand, Poster und Schülerarbeiten zieren den Raum, konzentriert sind die Sieben- und Achtjährigen über ihre Tische gebeugt.

Aber die Schüler in dieser Schule im Grossraum Paris sind Teil eines für Europa aussergewöhnlichen Pilotprojektes: Sie arbeiten mit Tablets statt mit Büchern. Papier und Stift gibt es zwar weiterhin, aber wie lange noch?

Die Britische Schule von Paris (BSP) entschied sich zum Schulanfang im September für die Umstellung auf den Computer-Unterricht. Jeder Schüler im Alter von vier bis 18 Jahren sowie die Lehrer erhielten einen eigenen iPad. Nun, nach rund drei Monaten Praxis, fällt das Urteil von Schülern und Lehrern überwiegend positiv aus: «Wenn sie etwas auf ihrem Computer machen müssen, dann können sie es kaum erwarten, damit anzufangen - wenn es in ihren Heften ist, dann brauchen sie manchmal zehn Minuten, nur um das Datum zu schreiben», berichtet Lehrerin Emma McCluskey.

Mit der Technologie aufgewachsen

Anfangs gab es grosse Bedenken vor allem bei den Eltern. Sie befürchteten, dass ihre Kinder in sozialen Netzwerken wie Facebook surfen würden, sobald ihnen der Lehrer den Rücken zudreht. Andere sorgten sich, dass die Schüler überfallen werden könnten, weil sie immer einen Computer in der Tasche haben. Die ersten Erfahrungen waren aber ermutigend, auch wenn noch nicht alles in der Computer-Schule reibungslos läuft: So musste das Internet-Surfen während der Pause verboten werden, nachdem einige Schüler, die sich beim Herumlaufen vom Bildschirm ablenken liessen, einen Sturz bauten.

Die Schulleitung ist überzeugt, dass der Lehrbetrieb auf das Zeitalter der Computertechnologie reagieren muss. «Anders als wir Erwachsene sind die heutigen Kinder mit der Technologie aufgewachsen», sagt Schulleiter Steffen Sommer. «Es ist falsch, von Kindern zu verlangen, im Stil des 20. Jahrhunderts zu lernen, wenn sie eindeutig in einer anderen Welt leben.»

Das Projekt soll sich rechnen

Die Computer, die vermutlich nach zwei bis drei Jahren ausgetauscht werden müssen, waren nicht billig: 500 Euro pro Stück. Ausserdem mussten 200'000 Euro in das W-Lan-Netz der Schule investiert werden, das mit einem «Schutzwall» versehen wurde, damit die Schüler nicht auf gefährliche Websites geraten. Mittelfristig soll sich das Projekt trotzdem rechnen, denn die Schule gab bisher allein für Stifte und Papier 100'000 Euro pro Jahr aus.

Die internationale Schule BSP hatte auch vorher schon auf virtuelles Lernen gesetzt. Internet und Multimediatafeln kamen zum Einsatz. Und es gab natürlich einen der üblichen Computerräume. Doch selbst eine recht gut ausgestattete Schule wie die BSP konnte ihren Schülern so nur zwei Stunden pro Woche am Computer ermöglichen.

Über 20'000 Bildungs-Apps

Jetzt sitzen die Schüler im Klassenzimmer von McCluskey vor ihrem iPad, während die Lehrerin die Kinder durch Online-Mathematik-Aufgabenblätter führt. Die Zeitersparnis wird immer wieder als ein wichtiger Vorteil der Computer genannt. Photos und Audiodateien kommen stärker zum Einsatz. Und abends können die Schüler per Video-Chat eine Gruppenarbeit beenden oder sich gegenseitig Fragen zu Schulaufgaben stellen.

Bei den Apple-Computern gibt es eine grosse Anzahl von Büchern, die online heruntergeladen werden können. Auch mehr als 20'000 Apps zu Bildung und Erziehung sind verfügbar. Denn der US-Computerriese setzt seit Jahren darauf, dass der Markt für Computer an Schulen explodieren wird.

Detailliertes Wissen morgen schon überholt

«Es macht Spass, weil man verschiedene Sachen auf dem Computer machen kann und es gibt eine Menge unterschiedlicher Apps», erzählt die 12-jährige Mia begeistert. Nach wie vor darf zwar jeder Lehrer an der Schule selbst entscheiden, wie häufig die Computer im Unterricht zum Einsatz kommen. Aber Schulleiter Sommer ist überzeugt: «Problemlösung ist eine der grundlegendsten Fähigkeiten im 21. Jahrhundert, weit mehr als detailliertes Wissen, das morgen schon überholt sein kann.» (rek/afp)

Erstellt: 01.01.2013, 13:23 Uhr

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