Humor schlägt Geheul

Das Internet eignet sich vorzüglich zur Chropfleerete. Was bei der anonymen Stammtischpolterei oft untergeht: Es gibt durchaus witzige Kommentarschreiber.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gegen niedrigen Blutdruck hilft ein Mittel, das ganz ohne Chemie auskommt: Onlinekommentare lesen. Das Mittel ist so stark, dass es einen im dümmsten Fall dazu verleitet, selber loszupoltern. Mit verheerenden Folgen. Denn freilich inspiriert die eigene Schimpftirade den nächsten Wutbürger, die digitale Kakophonie gerät zum Selbstläufer. Nach einer Weile endet jedes Geplänkel in der Parteiensackgasse: Die einen werfen den anderen vor, links zu sein, und umgekehrt. Dann brauchts ein neues Thema. Oder das gleiche unter anderem Titel.

Was den Kreislauf in Schwung ­bringen mag, schadet der Qualität der Debatte. Manche Medien haben das erkannt und programmieren Hemmschwellen vor ihre Foren, etwa, dass sich unter richtigem Namen registrieren muss, wer mitreden will. Ein berühmtes Zitat über die Meinungsfreiheit als Update fürs digitale Zeitalter lautete demnach: «Ich mag verdammen, was du sagst, aber wenn du ein Passwort hast, werde ich deinen Senf aufschalten.»

Ironisierte Zukunftsängste

Natürlich sind nicht alle Kommentare im Netz doof. Manchmal macht das Lesen von Feedbacks sogar richtig Spass. Auf Newsseiten sind diese Beiträge allerdings rar. Doch es gibt sie. Man muss sie suchen, und das birgt aus oben genannten Gründen Risiken. Ein gelungener Kommentar zu einer Nachricht findet sich zum Beispiel unter dem Newsnet-Artikel zu einem Vorschlag für ein Zürcher Stadion, in dem Eishockey und Fussball gespielt werden könnte: «Fussball und Eishockey zusammen? Das geht doch nicht; da würden die Fussballer auf dem Eis ausgleiten und die Hockeyspieler kommen mit den Schlittschuhen auf dem Rasen nicht vorwärz.»

Hitzig diskutiert wird auf dem Videoportal Youtube. Meistens so: «Idiot!» – «Selber!» – «Lol!». Doch gibts auch hier Perlen. Zum Beispiel beim Film «Quadrocopter Ball Juggling, ETH Zurich». Man sieht zwei fliegende Roboter, die eine Art Tennis spielen. Das ist sehr beeindruckend. Und gruselig, wenn einer in Anspielung auf ein Computergame kommentiert: «Bald werden diese Dinger mit rotierenden Rasierklingen ausgestattet sein und uns angreifen, wenn wir die Kanalisation betreten.»

Es entbrannte eine groteske Diskussion über Maschinen, die sich die Menschheit Untertan machen. Den Skeptikern entgegnet ein «Terminator»-Fan: «Fangt dann nicht zu heulen an, wenn dieses Ding in der Zeit zurückreist um euch alle umzubringen, weil ihr John Connors Aufenthaltsort nicht preisgeben wolltet.»

Amazon bewegt Kommentarschreiber

Ebenfalls sehr amüsant sind Kommentare zu eigenartigen Verkaufsgegenständen auf Amazon. So steht unter einer Dose mit Uranerz für knapp 40 Dollar: «Grossartiges Produkt, lausig verpackt. Ich habe die Dose vor 4,47 Milliarden Jahren gekauft. Als ich sie heute öffnete, war sie halb leer.»

Ein Netzklassiker sind die ironischen Bemerkungen zum monströsen Wenger Schweizer Offiziersmesser für knapp 700 Euro. Zum Beispiel der: «Grundsätzlich bin ich mit den Funktionen des Wenger Giant sehr zufrieden. Allerdings scheinen mir die Produktionsstandards etwas mangelhaft zu sein. So habe ich zwischen den Funktionen #721 ­(Abrissbirne) und #722 (Skisprungschanze) zufällig einen Schweizer Ingenieur (Herrn Ing. Meier) gefunden. Dieser ist anscheinend bei der Montage des Wenger Giant vergessen und eingeschlossen worden. Neulich beim Ausklappen der Abrissbirne schallte mir plötzlich ein ‹Grüezi› entgegen.»

In den allerhöchsten Tönen lobt ein anderer Amazon-User die knapp zwei Tonnen schwere CNC-Fräsmaschine OPTI F100 TC CNC: «Nach anfänglichem Zögern, da der Anschaffungspreis dieses Gerätes doch etwas hoch ist und ich Angst hatte, ich würde die Fräse, ähnlich dem teuren Entsafter, welcher jedes Schaltjahr nur einmal das Tageslicht erblickt, nur selten aus dem Schrank holen, habe ich doch zugeschlagen. Und ich muss sagen: Daumen hoch! Denn wer kennt das nicht? die ganze Wohnung liegt voller ungenutzter riesiger Stahlklötze, welche vor sich hinrosten. Das hat nun ein Ende. Im Handumdrehen haben Kisten voller Späne ihren Platz eingenommen.»

Zu humorvollen (und episch langen) Rezensionen verleiten auf Amazon aber auch so banale Gegenstände wie Plastikkugelschreiber (BIC Cristal Stic Ball Pen, Medium Point, 1.0 mm, Black, 12 Pens MS11-Blk): «Ich lebe im Jahr 1982. Keine Ahnung, weshalb, doch immer am 31. Dezember dreht die Zeit zurück zum 1. Januar 1982 und ich muss das Jahr nochmals erleben, jeden einzelnen Tag. (. . .) Immerhin veröffentlicht Michael Jackson stets im November sein neues Album «Thriller» auf Kassette. (. . .) Der Kugelschreiber eignet sich bestens, um die Kassette zurückzuspulen. (. . .) Im Moment benütze ich den Kugelschreiber aber, um diese Kritik zu verfassen, die ich in mein Buch «Die unendliche Geschichte» stecken werde. Ironisch, nicht? (. . .) Im Jahr 2010 wird jemand die Notiz entdecken und auf Amazon posten. (. . .)»

Von der Banane bis zum Wolf-T-Shirt

Mittlerweile hat Amazon das kreative Talent seiner Kunden entdeckt und eine Art Best-of-Liste zusammengestellt. Da heisst es über den Bananenschneider Hutzler 571: «Wie man auf dem Bild sieht, ist der Schneider von links nach rechts gebogen. Alle meine Bananen sind aber in die andere Richtung gekrümmt.»

Zu einem T-Shirt mit drei Wölfen und einem Vollmond meint einer: «Leider habe ich das genau gleiche Motiv bereits auf meine Brust tätowieren lassen. Hilfreich ist das Shirt bei tiefen Temperaturen.»

Zu einer DVD mit drei laufenden Waschmaschinen (und nichts anderem), schreibt jemand: «Während die literarische Vorlage (ein 23 bändiges Werk) sich eher autobiographisch gibt und das gesamte Leben der drei Hauptakteure nachzuzeichnen versucht, konzentriert sich der Film auf die turbulenten Phasen im Leben.»

Und über eine Pferdekopfmaske: «It is day 87 and the horses have accepted me as one of their own. I have grown to understand and respect their gentle ways. Now I question everything I thought I once knew and fear I am no longer capable of following through with my primary objective. I know that those who sent me will not relent. They will send others in my place. But we will be ready.»

Solange ein Klick mehr als der Knigge zählt, haben die Medien eine Teilschuld am schlechten Ruf ihrer Nutzer. Den lustigen Kommentarschreibern ist es zu verdanken, dass Foren nicht komplett zu Müllhalden für aufgestaute Frustra­tionen degenerieren. Dafür kann man ihnen nicht dankbar genug sein.

Erstellt: 18.10.2013, 19:57 Uhr

Artikel zum Thema

Einmal digital entgiften, bitte!

In manchen Hotels und Restaurants ist weniger mehr: Der Verzicht auf Internet, Handy und Tablets soll gestresste Berufsleute entspannen. Mehr...

Am virtuellen Stammtisch

Die Zürcher Stadtratskandidaten nutzen die sozialen Medien unterschiedlich für ihren Wahlkampf. Manche twittern täglich, andere sucht man vergeblich im Internet. Mehr...

Macht und Misstrauen der Untertanen

Essay Die meisten Menschen möchten sich gar nicht gegen die Ausspähung im Internet schützen, obwohl es Möglichkeiten gibt. Ihre Argumente sind falsch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dusche gefällig? Verkleidete Teilnehmerinnen der «Coupe de Noël» in Genf müssen sich zuerst an das 8 Grad kalte Wasser gewöhnen, ehe sie 120 Meter lange Strecke des Weihnachtsschwimmens in Angriff nehmen. (15. Dezember 2015)
(Bild: Magali Girardin) Mehr...