Im Fall Ghadhafi hat das Trendmedium Twitter versagt

Twitter, der Nachrichtenkanal der Zukunft? Als Ghadhafis Festnahme publik wurde, verlor das Netzwerk an Ernsthaftigkeit – und mutierte zum Ort für Spassvögel.

Viel Unsinn: Nach Ghadhafis Tod beliebt die Twitter-Community zu scherzen.

Viel Unsinn: Nach Ghadhafis Tod beliebt die Twitter-Community zu scherzen.

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Im Herbst 2010 erneuerte die Microbloggingplattform Twitter seinen Dienst. Neben den 140 Zeichen können Nutzer Bilder und Filme direkt auf Twitter.com anzeigen lassen. Das Verdikt der Medienexperten über die Neuerung war einhellig: Twitter ist der digitale Nachrichtenkanal der Zukunft, welcher den Journalismus verändern wird.

Als Agenturen am Donnerstag die Festnahme des libyschen Despoten Muammar Ghadhafi meldeten, verlor Twitter die Aura eines Nachrichtenkanals. Wer auf der Seite versuchte, ein Stimmungsbild aus Libyen zu erhalten, oder sich erhoffte, allenfalls mehr zu erfahren als das, was ohnehin von allen Medien verbreitet wurde, musste schnell kapitulieren.

Belanglosigkeiten im Überfluss

Es gingen plötzlich Tausende Beiträge zum Thema ein. Nebst den vielen Verweisen auf Medienberichte waren allerdings überwiegend Peinlichkeiten und Unsinn zu lesen. Ein Beispiel: «Hoffentlich lebt er, damit man ihn noch aufhängen und solche Sachen machen kann!»

Die Community feierte den Tod des libyschen Despoten. Das Niveau war bedenklich. Ein Eintrag eines Nutzers bringt es auf den Punkt: «Fällt mir mal was Blödes ein, trag ichs gleich bei Twitter rein. Jetzt ist zum Glück Ghadhafi weg, und ich schreib wieder 'n Haufen Dreck.»

Viel Spekulation

Während die Medien während Stunden spekulierten, was mit Ghadhafi tatsächlich passiert sei, war auch von den sonst gut informierten libyschen Twitterern wenig zu erfahren. Und wenn, waren es mehrheitliche euphorische Siegesbotschaften. Dutzende Blogger und Bürgerjournalisten vor Ort spekulierten in 140 Zeichen langen Nachrichten. Abwechselnd war Ghadhafi gefasst, mal verletzt oder schon tot.

Auch eine ernsthafte Debatte oder nützliche Hinweise kamen über Stunden nicht auf. Zwar wurde die Publikation der Bilder, die einen blutverschmierten Ghadhafi zeigten, vereinzelt kritisiert. Dabei blieb es jedoch. Die Community spekulierte darüber, ob nun Schauspieler Mickey Rourke wohl demnächst die Rolle des Wüstentyrannen zugesprochen bekäme. Äusserst populär waren zudem sogenannte Check-Boxen, in denen die Nutzer Saddam Hussein, Osama Bin Laden und Ghadhafi abhakten. Makaber: Einen Auswahlkasten liess die Community jeweils für Sänger Justin Bieber offen.

Twitter in der Regel nützlich

In der Regel gibt sich die Twitter-Gemeinde konstruktiver, wie die Unruhen in Tunesien, Ägypten oder Iran zeigten. Damals konnte man sich via Twitter ein gutes Bild davon machen, was am Ort des Geschehens gerade passiert. Offenbar hängt der Nutzen von Twitter stark vom Ereignis ab. Auch während des Utoya-Massakers in Norwegen war Twitter eine ergiebige und seriöse Quelle.

Der amerikanische Blogger und Netz-Journalist Mark Fonseca Rendeiro teilt den Eindruck im Fall Ghadhafi nur teilweise. Es liegt in der Natur der Sache, dass historische Ereignisse auf Twitter oft niveaulose Reaktionen auslösen. Da eine Menge «Mist und Desinformation» publiziert würde, reiche es nicht zu beobachten, was unbekannte Leute den ganzen Tag durch schreiben. Fonseca Rendeiro appeliert, sich sorgfältig mit Twitter zu beschäftigen, um seriöse Following-Listen anzulegen.

Sandro Brotz, stellvertretender Chefredaktor des «Sonntag», der am Donnerstag die Entwicklung auf Twitter aufmerksam verfolgte, sagt: «Den Unsinn überles ich einfach.» Den Grund für die vielen inhaltslosen Reaktionen sieht der Social-Media-interessierte Journalist in den ungenauen Informationen. «Es blieb lange bei Spekulationen», sagt Brotz. Selbst gestandene News-Profis wie Matthew Chance von CNN mussten eingestehen, «dass wir eigentlich lange nichts wussten».

Für ihn ist klar, dass wenn selbst der libysche UNO-Botschafter sagen muss, «Ich weiss nur, was Sie berichten», dies die Türen für Scherzkekse öffne, die auf einer aktuellen Welle mitreiten wollen. «Angesichts der Ernsthaftigkeit des Ereignisses ist das nicht angebracht, schliesslich wissen wir auch immer noch viel zu wenig über die Umstände des Todes», meint Brotz abschliessend. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2011, 16:36 Uhr

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