Porträt

Kein Happy End für «Dr. Kimble»

Er nannte sich «Ruler of the Kimpire», war in den 90er Jahren der Star der New Economy und feierte Champagnerparties mit der Münchner Schickeria. Nun droht dem «Überhacker» eine Haftstrafe von 20 Jahren.

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Das neue Leben dauerte nicht mal ein Jahr: Am 21. Januar 2002 liess sich Kim Schmitz virtuell beerdigen, um seine Vergangenheit für immer hinter sich lassen zu können. «Kim Kimble The First - Ruler of the Kimpire» sollte man ihn fortan nennen, frei nach einem TV-Helden der 60er Jahre. Ein paar Monate später wurde der Mann, der bereits als 24-Jähriger zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden war, vom Amtsgericht München des Insiderhandels schuldig befunden. Was war passiert?

Der gebürtige Kieler war in den Neunziger Jahren Deutschlands Star der Dotcom-Industrie. Harald Schmidt lud ihn ins Fernsehen ein, Verona Feldbusch zeigte sich mit ihm, genau so wie Bruce Willis. Er organisierte illegale Autorennen, liess sich von deutschen Privat-TV-Sendern auf seiner Luxusjacht interviewen und war spendabler Gast im exklusiven Schickeria-Klub P1 in München.

Geschäfte mit dem TÜV

Woher der «Fleisch gewordene Gewinn» («Weltwoche») so viel Geld hatte, wusste dabei eigentlich niemand so genau. Bekannt waren nur seine Behauptung, den sichersten Computer der Welt hacken zu können oder der Fakt, bereits als Jugendlicher illegale Computerprogramme verkauft zu haben. Eine der ersten realwirtschaftlichen Tätigkeiten war die Gründung des Sicherheitsunternehmens Data Protect, welches er an den TÜV Rheinland verkaufte – bevor 2001 Data Protect Pleite ging.

Nur ein Jahr später war es mit der Herrlichkeit vorbei. Nachdem die Dotcom-Blase geplatzt war, wurde Schmitz 2002 vom Amtsgericht München wegen Insiderhandels mit Aktien zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Vorgängig lieferte er sich mit der Justiz ein Katz- und Mausspiel, das erst mit seiner Verhaftung am 18. Januar 2002 in Bangkok endete.

Von «Dr. Kimble» zum Phantom

Danach wurde es trotz diverser Versuche, geschäftlich wieder Fuss zu fassen, ruhiger um den «Drei-Zentner-Mann» («Handelsblatt»). Jedenfalls bis September 2007. Das deutsche IT-Nachrichtenportal Gulli.com konnte nachweisen, dass der zentrale Mann hinter dem Internetdienst Megaupload niemand geringerer als Kim Schmitz ist. Dieser zeigte sich aber weiterhin nicht in der Öffentlichkeit - «Dr. Kimble» (oder Kim Dotcom, wie er sich auch nannte) war ein Phantom.

Jedenfalls bis zum Frühjahr 2010: Fast genau zwei Jahre ist es her, dass der «New Zealand Herald» «Kimble» auf einem 240'000 Quadratmeter grossen Anwesen mit Villa nördlich der neuseeländischen Millionenmetropole Aucklands aufgegriffen hatte, laut der erwähnten Zeitung die teuerste Immobilie des Landes überhaupt.

Organisierte Kriminalität?

Nun wurde Schmitz in Auckland festgenommen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Schmitz habe sich mit dem Portal Megaupload.com der organisierten Kriminalität schuldig gemacht, erklärte das US-Justizministerium am Donnerstag laut der Nachrichtenagentur AFP.

Im fiktiven Leben des Dr. Kimble kommt der (unschuldige) Film- und Serienheld frei. Anders als bei seinem cineastischen Vorbild könnte dem «Ruler of the Kimpire» ein Happy-End verweigert werden: Schmitz und den sechs Mitangeklagten drohen im schlimmsten Fall 20 Jahre Gefängnis (siehe Beitrag in der linken Spalte).

Erstellt: 21.01.2012, 07:47 Uhr

Staranwalt für den «Überhacker»

Die von der US-Justiz wegen Urheberrechtsverletzungen angeklagten führenden Vertreter des Online- Speicherdienstes Megaupload werden vor Gericht von einem der prominentesten Anwälte der USA verteidigt. Robert Bennett teilte am Freitag mit, dass er das Unternehmen vertrete.

Bennett versprach eine engagierte Verteidigung, lehnte es aber ab, auf Einzelheiten des Falles einzugehen. Bennett wurde nicht zuletzt durch seine Verteidigung des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton bekannt. Bennett war auch Verteidiger des US- Energiekonzerns Enron, der nach massiven Bilanzfälschungen 2001 Insolvenz anmelden musste. (sda)

Wird verdächtigt, das Urheberrecht verletzt zu haben: Der deutsch Megaupload-Gründer Kim Schmitz. (Video: Reuters)

Was die USA Schmitz vorwerfen

Im Kampf gegen die Internetpiraterie haben die US-Behörden einen der weltgrössten Online-Speicherdienste dichtgemacht und den deutschen Internetunternehmer Kim Schmitz festnehmen lassen.

Schmitz habe sich mit dem Portal Megaupload.com der organisierten Kriminalität schuldig gemacht, erklärte das US-Justizministerium am Donnerstag. Die Verdächtigen sollen im Netz Umschlagplätze für Raubkopien betrieben haben, durch die ein Schaden von über einer halben Milliarde Dollar entstanden sei. An den Ermittlungen seien auch das Bundeskriminalamt und die deutschen Justizbehörden beteiligt gewesen.

Internetnutzer konnten auf Megaupload Dateien kostenlos hoch- und herunterladen. Die Anklage wirft den Betreibern vor, die Seite ausdrücklich als Tauschbörse für urheberrechtlich geschützte Inhalte wie Musikstücke oder Filme eingerichtet zu haben. Megaupload sei nach eigener Darstellung rund 50 Millionen Mal täglich aufgerufen worden und habe mehr als 150 Millionen registrierte Benutzer gezählt, erklärte das Justizministerium in Washington.

Schmitz und den Mitangeklagten drohen in den USA nun langjährige Haftstrafen. Alleine auf den Vorwurf der Verschwörung zu organisierter Kriminalität stehen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Außerdem werden den Männern Geldwäsche und Verstöße gegen das Urheberrecht zur Last gelegt.

Die Anschuldigungen, Megaupload fördere massenhafte Urheberrechtverstösse, seien «grotesk überzogen», erklärte das Unternehmen in einer kurz vor der Schliessung auf seinen Internetseiten veröffentlichten Mitteilung.

Die grosse Mehrheit des Datenverkehrs von Megaupload sei legitim. Man wolle aber nicht aufgeben. Wenn die Unterhaltungsindustrie von der Beliebtheit des Dienstes profitieren wolle, sei man zum Dialog bereit. «Wir haben einige gute Ideen. Meldet euch», hiess es in der Mitteilung des in Hongkong ansässigen Unternehmens. (AFP/SDA)

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