Leichter lernen mit selbst gemachten Apps

Wer ein digitales Quiz zusammenstellen wollte, brauchte noch vor kurzem viel Zeit und technisches Know-how. Doch das sind Tempi passati – dank Michael Hielscher von der Pädagogischen Hochschule Bern.

Er programmiert ein «Youtube für Lern-Apps»: Der Informatiker Michael Hielscher im Grossraumbüro an der Pädagogischen Hochschule  Bern.

Er programmiert ein «Youtube für Lern-Apps»: Der Informatiker Michael Hielscher im Grossraumbüro an der Pädagogischen Hochschule Bern. Bild: Andreas Blatter

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Ein Wort-Bild-Memory zu fabrizieren, ist kinderleicht: Man tippt dazu einen Begriff ins Onlineformular ein. Dann wählt man ein passendes Bild aus dem Wikimedia-Fundus, oder man lädt ein eigenes hoch. Und weiter gehts zum nächsten Begriff...

Dank der kostenlosen Website Learningapps.org kann heute jedermann eigene Lerneinheiten kreieren und im Web publizieren. Noch vor zwei, drei Jahren musste man auf dem Weg zum eigenen Onlinequiz mehr Hürden nehmen: Man benötigte einige Informatikkenntnisse, oft etwas Geld und ziemlich viel Zeit. Zwar gibt es heute einige kostenlose E-Learning-Plattformen. Diese sind aber oft so umständlich zu bedienen, dass der Grossteil der Lehrer und Kursleiter sie ignoriert.

Ganz einfache Bedienung

Bei Learning Apps hingegen ist alles ganz einfach: Mit wenigen Mausklicks stellt man eigene Übungen zusammen und teilt sie mit anderen Benutzern. Ausgeheckt und gestaltet wird die Plattform von Michael Hielscher – im Rahmen seiner Dissertation an der Universität Mainz und seiner Anstellung an der Pädagogischen Hochschule Bern. Demnächst kann er den ersten Geburtstag der Plattform feiern.

«Der Start ist geglückt», sagt Hielscher. Er lässt seinen Blick über die Messdaten schweifen, die auf einem der zwei Notebook-Monitore auf seinem Pult eingeblendet sind. «Im Vergleich mit anderen Angeboten im Bildungsbereich sind das gute Zahlen.»

Eine Million Mal ist in diesem einen Jahr eine App gestartet worden. Täglich besuchen zwischen 500 und 1000 Leute die Website; die meisten stammen aus den deutschsprachigen Ländern und aus Russland. Im neuen Schuljahr dürfte der nächste Ansturm folgen. Wer Learning Apps besucht, hat derzeit die Wahl zwischen 4800 Lerneinheiten, die von anderen Nutzern gestaltet wurden. 7700 Lehrer und 5800 Schüler haben Nutzerkontos eröffnet, um eigene Übungen publizieren zu können. An guten Tagen werden bis zu 80 Apps veröffentlicht.

«Wir setzen aufs Web-2.0-Prinzip», erklärt Hielscher: «Die Nutzer schaffen eigene Inhalte und teilen sie miteinander. Genau so, wie sie es auch etwa auf Youtube tun.» Wie bei den grossen Vorbildern lassen sich die Lernapps in eigene Webseiten einbauen. Selbstverständlich können sie auch privat gehalten und nur jenen Leuten zugänglich gemacht werden, die den kryptischen Link dazu kennen.

Im Katalog findet man Übungen aus verschiedenen Fächern: In einer gilt es abgebildeten Gemüse den italienischen Namen zuzuweisen. In anderen benennt man die Bundesräte, ordnet Wettervideos passende Isobarenkarten oder Bands wie den Beatles ihre Songs zu, löst im Akkord mathematische Rätsel oder komplettiert Lückentexte. Oft ähneln die Übungen den Aufträgen, wie sie in Lehrbüchern zu finden sind. Im Gegensatz zu diesen kann auf der Plattform interaktiv und mit Tönen und Videos gearbeitet werden.

Lernen – und anwenden

Nicht alle Pädagogen sind begeistert von solchen Übungen: Einige monieren, dass tumbes Pauken überholt sei – auch wenn es interaktiv aufbereitet sei. Sollten die Schülerinnen und Schüler also nicht besser kreativ tätig sein?

«Das Ziel ist, dass sie ihr Wissen anwenden können», sagt Michael Hielscher. Wer lernen will, komme aber nicht ums Üben herum. «Beides ist mit der Plattform möglich.» Nicht nur Lehrer gestalteten Übungen. Oft kreierten auch Schüler – meist im Auftrag der Lehrer – Apps, um diese mit Kollegen zu teilen. «Dabei vertiefen sie beiläufig den Lerninhalt.» Wer das Rüstzeug hat, kann auch Vorlagen entwickeln, dank denen normale Nutzer Apps einfach zusammenklicken können.

Die Nutzer sagen, was gut ist

Doch wer garantiert, dass nichts Ungeeignetes online gestellt wird und dass die Inhalte korrekt und ausgewogen sind? Die von neuen Nutzern eingestellten Apps würden vor der Publikation kurz begutachtet, sagt Hielscher. Viel wichtiger sei aber, wie gut die Nutzer die Apps bewerten. Dank diesen Noten werde der Ramsch von den Perlen getrennt. «Wenn nur ein Bruchteil der vielen neuen Apps gut ist, haben wir einen grossen Mehrwert geschaffen.»

Die in Bern entwickelte Learning-Apps-Plattform soll also ein «Youtube für Lerneinheiten» werden. Im Gegensatz zu Youtube&Co. wird kein kommerzielles Ziel verfolgt. «Kostenpflichtige Apps gibt es bei uns nicht», stellt Michael Hielscher klar. Auch auf Werbung wird verzichtet. «Sie lenkt nur vom Wesentlichen ab: dem Lernen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2012, 08:48 Uhr

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