Lobos trotzige Durchhalteparole

Das Internet ist eine grosse Enttäuschung, stellt Aktivist Sascha Lobo fest.

Die Desillusionierung bei Lobo geht tief.

Die Desillusionierung bei Lobo geht tief. Bild: Archivbild/Keystone

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Am Internet wird die Welt genesen! Das war implizit und manchmal auch explizit der Glaube der heute 30- bis 50-jährigen, die den «Netzoptimismus» gelebt, sich erfolgreich gegen Netzsperren eingesetzt haben und überzeugt waren, dass man etwas bewegt, wenn nur «genügend Leute den eigenen Blog-Beitrag liken».

Doch dieser Glaube liegt in Trümmern. Die Netzoptimisten erleben heute die Wirkungslosigkeit ihres Tuns und ihre Machtlosigkeit. So konstatierte es Sascha Lobo an einem viel beachteten Vortrag an der alljährlich in Berlin stattfindenden «re:publica»-Konferenz.

Der Vordenker der deutschsprachigen Netzgemeinde - oder «Interneterklärer» oder «Klassensprecher 2.0», wie der Mann mit dem Irokesenschnitt auch genannt wird - sieht den gesellschaftlichen Rückhalt für die eigenen Ideale schwinden. Der Terror hat Europa erreicht und macht es zunehmend schwer, gegen Überwachung und Vorratsdatenspeicherung anzukämpfen.

Rechtspopulistische und rechtsradikale Fraktionen kommen in ganz Europa dank sozialer Medien an die Macht: Sie benutzen diese sozialen Medien nicht klüger, aber effizienter, radikaler und auf angstmachendere Weise. «Die AfD hat mehr Fans als CDU, SPD und FDP zusammengenommen», rechnet Lobo vor. Und die Pegida habe es geschafft, den Onlinefunken in die reale Welt zu tragen.

Haussmannisierung des Netzes

Die Desillusionierung bei Lobo geht tief. Gerade zwei Leute hätten durch die Aufarbeitung des NSA-Skandals ihren Job verloren, rief Lobo in den Saal: nämlich Edward Snowden selbst sowie Gerhard Schindler, der kürzlich in den Ruhestand versetzte Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes. Lobo stellt eine «Haussmannisierung des Internets» fest - in Anspielung an Georges-Eugène Haussmann, der Paris im 19. Jahrhundert so umgestaltet hat, dass Umsturzversuche weniger einfach möglich waren. Auch das Internet wird umgebaut, um besser beherrschbar zu sein.

Doch kapitulieren mag Lobo nicht. Er hat in Berlin sein Publikum immer wieder dazu animiert, ihm - und all den Internetvereinnahmern - ein trotziges «Trotzdem» entgegenzuschleudern. Und er hat Schauplätze ausgemacht, wo sich der Kampf weiterhin lohnt.

Deutschland an drittletzter Stelle

Zum Beispiel beim Glasfaserausbau: Hier steht Deutschland an drittletzter Stelle, noch hinter Jordanien mit einem Hundertstel des Bruttosozialprodukts. Oder beim digitalen Aberglauben, dem auch die vermeintlichen Internetversteher zum Opfer fallen, wenn sie sich einreden: «Wow, die Verwendung von Snapchat macht mich 25 Jahre jünger!»

Aufbegehren soll man auch gegen die Thesen eines Harald Welzer, der im Buch «Die smarte Diktatur» Leser auffordert, ihr Smartphone wegzuwerfen. Was sich laut Lobo niemand leisten kann, «der gezwungen ist, Geld ausserhalb eines Professorengehalts zu verdienen».

Ersatz für iTunes

Lobos launige Rede endet mit dem Ruf nach einem digitalen Gesellschaftsoptimismus, der weniger aufs Netz fokussiert ist, aber am Technikglauben festhält: «Wenn man den Fortschritt weder aufhalten kann noch aufhalten will, dann muss man ihn selbst mitgestalten!»

Und er gibt dem Publikum auch gleich drei konkrete Verbesserungsmöglichkeiten mit auf den Weg: mit der Gründung einer Suchmaschine, einem Snapchat für Erwachsene und einem funktionierenden Ersatz für Apples Musikverwaltungsprogramm iTunes. Für den Fall, dass das Publikum seinen Ideen nicht nachkommt, droht Lobo die schlimmste aller möglichen Repressionen im Internetzeitalter an: «Meine Archive sind randvoll. Ich habe aufgezeichnet, wie ihr die allerdämlichsten Artikel geliked habt. Ich habe die peinlichsten Fotos von euch.»

Für ein besseres Netz ist Lobo zu allem bereit.

Erstellt: 04.05.2016, 09:36 Uhr

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