«Man gewöhnt sich an die Kachel-Oberfläche»

Windows 8, die grösste Veränderung im Softwaremarkt seit 1995, erscheint in einem Monat. Betriebssystem-Experte Christoph Sackmann über die Microsoft-Zukunft zwischen Totalabsturz und totaler Dominanz.

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Am 26. Oktober erscheint Windows 8. Vor zwei Jahren hat Microsoft-Chef Steve Ballmer gesagt, das nächste Windows werde «die riskanteste Produktwette seines Konzerns». Was macht das neue Betriebssystem denn so riskant?
Windows 8 ist ein sehr ambitioniertes Projekt. Zum einen hat noch nie ein Konzern probiert, ein einheitliches Betriebssystem für Desktop-PCs, Notebooks und Mobilgeräte zu kreieren, zum anderen verändert sich Windows so sehr wie seit Windows 95 – also seit 17 Jahren – nicht mehr.

Geht man ein Risiko ein, kann man viel gewinnen, aber auch viel verlieren. Was genau wäre denn der Super-Gau respektiv das Gegenteil – der grösstmögliche Gewinn – für Microsoft?
Der grösstmögliche Gewinn wäre es, Android als führendes mobiles Betriebssystem abzulösen. So weit wird es aber kaum kommen. Der Super-Gau wäre, wenn Windows 8 auf Smartphones und Tablets komplett floppt und diese lukrativen Geschäftsfelder damit für Microsoft auf Jahre hinaus verschlossen blieben. Aber auch danach sieht es nicht aus. Es sind schon jede Menge Mobilgeräte mit Windows 8 von vielen Herstellern angekündigt. Mal schauen, wie gut die sich letztlich verkaufen.

Microsoft hat das OS sowohl für Konsumenten als auch für Geschäftsanwender konzipiert. In welchem Bereich hat Windows 8 bessere Chancen?
Im Businessbereich werden hauptsächlich Desktop-PCs und Notebooks eingesetzt und hier war und ist Microsoft quasi konkurrenzlos. Das wird sich mit Windows 8 nicht gross ändern. Anders sieht es im Consumer-Bereich aus.

Weil der Konzern mit Windows auf Smartphones und Tablets bisher kaum eine Rolle spielt...
...trotz der Partnerschaft mit Nokia. Ich schliesse aber nicht aus, dass Windows 8 das ändert. Die Marktforscher von Gartner prophezeien, dass Windows 2014 nach Android die grössten Marktanteile auf Mobilgeräten haben wird.

Die Windows-8-Oberfläche im Kachel-Design und der fehlende Start-Button auf der Startseite haben viele Tester irritiert. Sie nicht?
Meine persönliche Erfahrung: Man kann sich an die Kachel-Oberfläche auch mit Maus und Tastatur gewöhnen. Zudem erweitert Windows 8 für Desktop-Anwender die Möglichkeiten: So sind zum Beispiel schon zahlreiche Monitore mit Touch-Display angekündigt. Vielleicht ist das am Ende sogar komfortabler als der Start-Button. Wer sich damit aber partout nicht anfreunden kann, der muss ja nicht zwangsweise auf Windows 8 umsteigen. Für Mobilgeräte ist die Bedienung allerdings ideal. Und da gab es auch nie einen Start-Button, den man jetzt vermissen könnte.

Wahrscheinlich lanciert Microsoft zeitgleich mit Windows 8 Surface. Geben Sie dem Microsoft-Tablet eine Chance, neben dem iPad bestehen zu können?
Der Vergleich mit dem iPad hinkt etwas. Das iPad ist ein Gerät, um Medien zu konsumieren. Sie können damit gut Musik hören, Filme schauen, gamen und 500'000 Apps nutzen. Gerade Letzteres kann Microsoft auf die Schnelle gar nicht aufholen, im Windows-App-Store finden Sie derzeit nur 1500 Applikationen. Surface aber wird ein Tablet sein, mit dem man arbeiten kann – es hat eine Tastatur und MS Office, welches das iPad nicht bieten kann. Gehen wir davon aus, dass Microsofts Tablet nicht vollständig in der Bedienung enttäuscht, kann es demnach sehr wohl neben dem iPad bestehen.

Weil es sich an eine Zielgruppe wendet, die Apple bisher gar nicht erschlossen hat.
Genau.

Wie teuer darf das Surface höchstens sein?
Schwierige Frage. Laut Unternehmensangaben soll es so viel kosten wie vergleichbare Tablets. Es wird also wahrscheinlich nicht viel preiswerter sein als das iPad. Ob es am Ende so viel bietet, um diesen Preis zu rechtfertigen, wird sich erst zeigen, wenn es auf dem Markt und getestet ist.

Wagen Sie eine Prognose betreffend Surface-Marktanteile im Tabletgeschäft?
Nein.

Warum nicht?
Eine Prognose ist unmöglich, weil bisher nicht einmal klar ist, ob Surface jemals ausserhalb der USA verkauft werden wird. Es scheint demnach gar nicht Microsofts Ziel zu sein, grosse Marktanteile zu erringen, sondern eher aufzuzeigen, was mit Windows 8 möglich ist.

Viele Hersteller, deren Hardware mit Windows läuft, ärgern sich, dass Microsoft ein eigenes Windows-8-Tablet lanciert. Kann sich Microsoft erlauben, Partner wie Acer, HP oder Dell zu vergraulen?
Ich glaube, der Ärger der meisten Hersteller hält sich in Grenzen. Um die Hersteller nicht zu vergraulen, wird Surface eher in kleinem Masse verkauft. Und die Microsoft-Partner wissen genau, dass Microsoft eigentlich kein Hardware-Hersteller ist – von der Xbox mal abgesehen – und es mit Surface auch nicht werden wird. Surface ist mehr ein Showcase, der den anderen Herstellern zeigen soll, was mit Windows 8 auf Tablets möglich ist. Denn für Microsoft wäre es doch sehr enttäuschend, ein super Betriebssystem für Mobilgeräte zu entwickeln und kein Hardware-Hersteller würde es vernünftig umsetzen.

Laut Ballmer wird man mit dem neuen Windows nicht mehr zwischen Tablet und PC unterscheiden können. Aber wollen das die Nutzer überhaupt?
Na ja, wäre es nicht super, wenn sich Ihr Tablet oder Smartphone genauso bedienen lässt wie Ihr PC? Wenn Sie Ihre Daten und Einstellungen einfach zwischen den Geräten transferieren könnten? Wenn alles in einem Betriebssystem sofort gefunden wird, weil es auf jedem Endgerät an derselben Stelle sitzt? Ich halte das persönlich für eine sehr verlockende Vorstellung. Wenn es sich dann auch noch ebenso bequem mit Maus und Tastatur bedienen lässt, wie mit Touch-Gesten – prima!

Sowohl Surface als auch Windows sind radikale Neuerungen. Wenn Sie Microsoft-Chef wären, hätten Sie einen anderen, «sanfteren», «evolutionäreren» Weg gewählt?
Dazu nur so viel: Wenn ein Unternehmen genug Know-how in Sachen Betriebssysteme für einen solchen radikalen Schritt besitzt, dann ist es Microsoft. Das Unternehmen steht unter Druck, denn bisher teilen sich Apple und Google den Mobilgerätemarkt auf. Dabei ist das aber die Branche, die boomt und in der in den kommenden Jahren die fetten Gewinne warten. Da wäre ein sanfterer Strategiewechsel wohl falsch gewesen.

Erstellt: 28.09.2012, 10:17 Uhr

Bill Gates ist begeistert

Microsoft-Gründer Bill Gates ist vom neuen Betriebssystem seines Unternehmens begeistert. Er nutze bereits Windows 8, das am 26. Oktober auf den Markt kommen soll, und sei «sehr zufrieden», sagte Gates am Donnerstag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP. «Es wird ein grosses Ding.»


Hardware-Unternehmen würden die neuen Features von Windows 8 verwenden und damit grossartige Dinge machen, sagte Gates weiter. Microsoft will mit Windows 8 die Interaktion zwischen Benutzer und Maschine komplett verändern. Weitere Enthüllungen gab Gates jedoch nicht bekannt, da sich das Interview vor allem um den Kampf seiner Stiftung gegen Kinderlähmung drehte. (DAPD)

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Christoph Sackmann, 29, ist Experte für Betriebssysteme und Redaktor bei der Zeitschrift «Chip».

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So funktioniert Windows 8


Revolutionär: Die zehn wichtigsten Neuerungen des Windows-7-Nachfolgers.
Quelle: Youtube/PCGamesHardware

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