Samstagsgespräch

«Man kann auch umfassend falsch informiert sein»

Clay Johnson hat vor vier Jahren die Online-Kampagne von Barack Obama geleitet. Jetzt hat er ein Diätbuch geschrieben, in dem er für einen «Info-Veganismus» plädiert.

Informationsübersättigung: Ein Mann liesst die Zeitung auf seinem iPad.

Informationsübersättigung: Ein Mann liesst die Zeitung auf seinem iPad. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Ihrem Buch ziehen Sie Parallelen zwischen unserem Informationskonsum und unserer Ernährung. Wie sind Sie auf diesen Vergleich gekommen?
Geist und Körper sind eng verbunden. Schlechter Informationskonsum wirkt sich auf beide aus ist und genauso schlecht wie eine einseitige, ungesunde Ernährung. So gesehen macht ein Diätbuch sehr viel Sinn.

Wir sind also nicht nur, was wir essen, wir sind auch, was wir lesen und schauen?
Absolut.

Sie verschreiben uns als Diät den «Info-Veganismus». Das scheint mir ein denkbar unattraktiver Begriff für eine neue Bewegung zu sein.
Der Begriff soll provozieren und zum Denken anregen. Am wenigsten gefällt er übrigens den Veganern, von denen werde ich am häufigsten angefeindet.

Was unterscheidet Info-Veganer von anderen Mitmenschen?
Info-Veganismus steht für einen mässigen und bewussten Konsum von Informationen. Gewisse Leute verzichten auf Fleisch, weil sie die industrielle Fleischproduktion nicht unterstützen wollen. Analog sollten wir auch keine oder nur ganz wenige industriell produzierte Medien konsumieren. Es geht auch um Ethik und gesellschaftliche Fragen. Was ich auf einer News-Site anklicke, betrifft auch andere.

Inwiefern?
Meine Klicks beeinflussen direkt, was andere auf einem Newsportal sehen. Das läuft mittlerweile vollautomatisch. Sites wie die «Huffington Post» vergeben einem Artikel anfangs mehrere Überschriften, von denen den Lesern zufällig jeweils eine angezeigt wird. Innert Minuten wird ermittelt, welche am populärsten ist, und fortan sehen dann alle Leser jene Schlagzeile.

Wir bekommen also die Schlagzeilen, die uns am besten schmecken ... Daran scheitern viele Diäten – wir essen mit dem Gaumen und nicht mit dem Verstand.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was uns schmeckt, und dem, was wir brauchen, um zu überleben. Wenn wir alle nur essen würden, was wir mögen, würden wir wohl stets Pizza essen und niemals Broccoli. Wir haben aber gelernt und es uns antrainiert, auch Gemüse zu essen. Es geht also darum, auch Ungewohntes zu schätzen.

Viele sehen die Technologie als Ursache des Problems: das Internet generell, die Filter von Google oder die einseitigen Leseempfehlungen unserer Facebook-Freunde.
Weder die Technologie noch die Medien sind schuld. Ich glaube nicht, dass irgendwo bei Google in einem geheimen Sitzungszimmer jemand beschliesst, unsere Aufmerksamkeitsspanne zu ruinieren. Oder dass hinter Fox News oder MSNBC Verschwörer stecken. Sie geben uns bloss, was wir verlangen. Insofern haben wir alle eine Mitverantwortung dafür und für die Veränderungen, die es bei uns auslöst.

Bestehende Meinungen zu bedienen, ist für die Medien wie für die Leser verlockend. Überwinden wir das jemals noch?
Ja, sofern sich neue Geschäftschancen daraus ergeben, den Leuten eben etwas anderes vorzusetzen. Ich bin überzeugt, dass es künftig mehr und mehr zahlungswillige Leser geben wird, auch im Internet. Bei Musik, Filmen und TV-Serien im Netz funktioniert es bereits. Als Nächstes wird das auch bei News passieren. Der Zugang zu unvoreingenommener Qualitätsinformation wird mehr und mehr Leuten etwas wert sein.

Viele Experten orten das Problem in der allgemeinen «Informationsüberlastung». Sie kommen in Ihrem Buch aber zu einem anderen Schluss.
Wir holen uns nicht zu viele Informationen, sondern zu oft die ungesunden. Und es gibt einen Unterschied zwischen «umfassend informiert» und «gut informiert». Man kann auch umfassend falsch informiert sein. Umgekehrt kann man auch gut informiert sein, obwohl man nur wenige Informationen über ein Thema aufnimmt.

Was sollte man also meiden?
Was immer bloss die eigene, bestehende Meinung bestätigt. Wenn man nur Artikel liest oder Nachrichten schaut, bei denen man ständig zustimmend nickt, stimmt etwas nicht. Man sollte einschalten, um sich zu informieren, nicht um sich zu bestätigen – doch wer will die Wahrheit hören, wenn er hören kann, dass er recht hat?

Woran erkennt man denn gesunde Information?
Wie beim Essen gilt: Rohkost ist gut. Rohe Daten und Informationen, die direkt von der Quelle stammen, sind besser als mehrfach aufbereitete, vorgekaute Informationen. Deshalb rate ich auch, vermehrt Informationen zu konsumieren, deren Quellen man selber verifizieren kann. Was ihre Gemeindeverwaltung macht, ist für Sie einfacher nachzuvollziehen als das Schalten und Walten der Bundesregierung.

Also nur noch die Lokalnachrichten verfolgen?
Nicht ausschliesslich. Es geht mir auch um soziale Nähe. Beschäftigen Sie sich mit ihren Freunden und ihrer Familie statt mit Prominenten und deren Eskapaden.

Ein anderer Rat in Ihrem Buch lautet: Konsumiere mehr Rohdaten und erstelle deine eigenen Analysen. Wie soll das denn gehen?
Sich das anzueignen, ist sicher nicht leicht. Doch die Bedeutung von «lese- und schreibkundig» hat sich im Lauf der Zeit immer wieder verändert. Als der Buchdruck aufkam, konnte man sich nicht vorstellen, dass einmal die ganze Bevölkerung lesen und schreiben könnte, heute ist das selbstverständlich. Dasselbe könnte auch für den mathematischen Umgang mit Daten gelten, immerhin wird die Technologie dafür mehr und mehr Menschen zugänglich. Heute ist es akzeptabel, dass jemand nicht mit einem Computer umgehen oder Programmcodes verstehen kann, in 20 Jahren wird das so wirken, als ob er ein Analphabet wäre.

Sie wollen mit Ihrem Buch den Info-Veganismus als Bewegung lancieren. Wie läuft das bisher?
Auf meiner Website haben sich rund 6000 Leute angemeldet, welche die Idee aktiv weiterverbreiten möchten. Ich hoffe auch ernsthaft, dass die amerikanischen Wähler sich dieses Jahr stärker mit Rohdaten beschäftigen als auf die Ansprachen und Slogans der Parteien zu hören.

Wenn man den bisherigen Wahlkampf ansieht, tönt das wenig realistisch.
Es ist die Aufgabe des Doktors, dem Patienten eine Diät zu empfehlen. Und es ist dessen Aufgabe, sie auch umzusetzen.

Sie haben 2008 die Online-Kampagne für Barack Obama geleitet – und den Demokraten einen Vorteil verschafft. Wie sieht es mit diesem Vorsprung heute aus?
Der ist weitgehend ausgeglichen.

Wer ist denn diesmal technologisch innovativer?
Die Opposition, also diesmal die Republikaner, ist jeweils experimentierfreudiger als die Partei des Amtsinhabers.

Vor acht Jahren spielte das Internet erstmals überhaupt eine Rolle im amerikanischen Wahlkampf. Vor vier Jahren war diese Rolle bereits eine entscheidende – unter anderem wegen Social Media. Und was wird 2012 den Ausschlag geben?
Die Datenanalyse ist noch wichtiger geworden. Ich erwarte, dass die Kampagnen, basierend auf Meinungsdaten, noch genauer und schneller analysieren können, was die Wähler erwarten, und sie dementsprechend mit massgeschneiderten Slogans beliefern.

Es geht also darum, die eigene Basis zu bestätigen – nach demselben Muster wie Fox News oder MSNBC. Im US-Wahlkampf versucht eigentlich kaum noch jemand, die Gegenseite mit Argumenten zu überzeugen. Gibt es noch Hoffnung, dass sich das dereinst wieder ändert?
Was Sie beschreiben, ist wahr und bedauerlich. Mich interessieren aber weniger Kompromisse zwischen den Lagern. Mich frustriert am meisten, dass mehr Leute den Präsidenten wählen als ihre direkten Stadträte. Dabei haben die einen viel grösseren Einfluss auf unser Leben als der Präsident.

Sie selber sind diesmal nicht mehr im Wahlkampf dabei. Wurde es Ihnen zu langweilig?
Ich habe einfach andere Prioritäten. Im Sommer werde ich erstmals Vater. Wer als Nächstes Präsident wird, hat aber für den Kleinen derzeit wenig Auswirkungen. Da kann ich auf anderen Gebieten mehr für ihn tun.

Erstellt: 13.05.2012, 13:23 Uhr

«Wer will schon die Wahrheit hören, wenn er hören kann, dass er recht hat?»: Clay Johnson. (Bild: Information Diet)

Eine Diät fürs Gehirn

Das Buch von Clay Johnson

Die erfolgreichsten amerikanischen Medien unserer Zeit sind jene, die konsequent nur eine politische Sicht der Dinge vermitteln, etwa Fox News (rechtskonservativ) oder MSNBC (linksliberal). Andere, darunter die «Huffington Post», sind erfolgreich, weil ihre Autoren in sogenannten Content Farms, dem medialen Äquivalent zur industriellen Viehzucht, Beiträge für Online-Medien im Akkord erstellen, passend zu den aktuell gemäss Google gefragtesten Stichworten. Hinter all dem sieht Clay Johnson jedoch keine politischen Verschwörungen, sondern eine un­heilige Allianz zwischen Produzenten und Konsumenten: Wir bekommen lediglich zu lesen und zu sehen, was wir wollen – und anklicken.

Im Zentrum seines Buches stehen die Auswirkungen dieses Informationskonsums: Voreingenommenheit, Unfähigkeit zum Dialog und Ignoranz. Johnson plädiert, in Form einer Diät, für einen bewussteren Konsum von Informationen.

www.informationdiet.com

Artikel zum Thema

Facebook kündigt Transparenz an – und macht weiter wie bisher

Immer wieder wird Mark Zuckerbergs Netzwerk wegen seiner kaum durchschaubaren Datenschutzrichtlinien angegriffen. Nun reagiert Facebook – allerdings nur halbherzig. Mehr...

Syriens schmutziger Onlinekrieg

Die Sicherheitsfirma F-Secure hat nach eigenen Angaben Hinweise auf einen gezielten Computerangriff von offiziellen Stellen in Syrien auf oppositionelle Aktivisten. Mehr...

Keine nackte Brust im E-Kiosk

Das Cover des aktuellen Nachrichtenmagazins zeigt ein Schwarz-Weiss-Foto einer Frau mit nackter Brust. Zinio hat das Cover aus Furcht vor Sanktionen durch Apple zensiert. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...