Mit dem Wikipedia-Prinzip gegen Fake-News

Mit Wikitribune.com will Jimmy Wales, der Gründer der freien Enzyklopädie, gegen Falschmeldungen im Netz angehen. Ein Schweizer Medienexperte ist skeptisch.

Jimmy Wales, hier 2012 am WEF in Davos, will mit Profi-Journalisten und Bürgerreportern gegen Fake-News antreten.

Jimmy Wales, hier 2012 am WEF in Davos, will mit Profi-Journalisten und Bürgerreportern gegen Fake-News antreten. Bild: Anja Niedringhaus/Keystone

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Jimmy Wales hat die Welt verändert: Sein Lexikon ist zwar nicht aus dem Weltall sichtbar, doch es wird nicht zu Unrecht als eines der grössten Projekte der Menschheit bezeichnet.

Nun startet Wales eine neue Website, die sich dem Kampf gegen Falschmeldungen im Netz verschrieben hat. Wikitribune.com werde wie das freie Lexikon von einer Schar von Freiwilligen betrieben und solle nach dem Prinzip der Berichterstattung von der Bevölkerung für die Bevölkerung funktionieren, sagt, Wales im «Guardian». Um die Recherchestandards hochzuhalten, arbeitet Wikitribune mit gestandenen Journalisten zusammen: «Zum ersten Mal arbeiten professionelle Journalisten und Bürgerjournalisten Seite an Seite, um laufende Ereignisse zu dokumentieren und die Faktentreue jederzeit mithilfe der Gemeinschaft sicherzustellen», wird Jimmy Wales im «Guardian» zitiert.

Crowdfunding für Profi-Journalisten

Die Journalisten sollen für ihre Arbeit bezahlt werden. Die Mittel dafür will Wales mit einer Crowdfunding-Kampagne beschaffen. Behandelt werden sollen vor allem politische Geschehnisse in den USA und dem Vereinigten Königreich, ferner auch wissenschaftliche und technische Themen. Die Idee für die Website sei während des US-Wahlkampfs entstanden: «Jemand überzeugte mich, Trump seine 100 Tage einzuräumen, bevor ich mir eine Meinung zu ihm bilde», sagte Wales dem «Guardian». «Doch dann tauchte Kellyanne Conway mit ihren alternativen Fakten auf, und ich entschied mich, die Idee voranzutreiben.»

Video: Was Wikipedia auch noch kann.

Philippe Wampfler ist Experte für neue Medien und hält Wikipedia für eine gute Basis, um ein Community-Journalismus-Projekt zu lancieren: Sowohl die Standards als auch die Zusammenarbeit der Community-Mitglieder seien etabliert: «Ob es allerdings in einer Gemeinschaft von Freiwilligen gut ankommt, wenn bezahlte Profis mitmischen, würde ich bezweifeln», sagt Wampfler. Diese Bezahlung verändert die Spielregeln, was die Bereitschaft, unentgeltlich gute Arbeit zu leisten, verringert.

Die Zielgruppe von Wikitribune ist schwer zu erreichen

Auch der Kern des Fake-News-Problems löst Wikitribune nicht. Das besteht darin, dass genau die Gruppen, an die sich das Projekt richtet, Informationen äusserst selektiv wahrnehmen: «Polarisierte politische Bewegungen glauben das, was ihrer Meinung zuträglich ist», erläutert Wampfler und nennt als Beispiel KenFM: Das ist ein Internetportal, das aus einer Radiosendung des Rundfunks Berlin-Brandenburg hervorgegangen ist und vom Recherchezentrum Correctiv.org als «populäres Portal für Verschwörungstheoretiker» bezeichnet wird.

Auf dieser Plattform werde Wikipedia seit ungefähr einem Jahr heftig angegriffen und diskreditiert, weil Meinungen aus dieser Gemeinschaft bei Wikipedia nicht platziert werden können. An dieser ablehnenden Haltung wird auch Profi-Journalismus nichts ändern, ist Wampfler überzeugt: «Für eine Demokratie ist es aber unverzichtbar, dass Menschen Vertrauen in qualitativ hochwertige Medien haben. Experimente in diesem Bereich sind schon nur deshalb sehr erwünscht, weil auch ihr Scheitern uns mehr darüber aufzeigt, welche Wege gangbar sind.»

Starten soll die Website, wenn das Crowdfunding läuft wie beabsichtigt, vor dem 8. Juni, wenn die Briten zu der von der Premierministerin veranlassten Neuwahl an die Urnen gerufen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.04.2017, 14:36 Uhr

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