Mit freien Lizenzen Geld scheffeln

Der Fotodienst Flickr verkauft ungefragt Bilder von Kunden, weil sie der Weiterverwendung zugestimmt haben. 
Solche Creative-Commons-Lizenzen entsprechen der Kultur des Internets. Aber sind sie auch fair?

Hobby- und Profi-Fotografen nutzen den Fotodienst Flickr.

Hobby- und Profi-Fotografen nutzen den Fotodienst Flickr. Bild: Keystone

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Ein Aufschrei ging durch die Nutzerschaft der Fotoplattform Flickr. Der ­Yahoo gehörende Dienst hatte vor zwei Wochen begonnen, Nutzerfotos auf Leinwand zu drucken und zu verkaufen. 49 US-Dollar kostet so ein Bild – und den Gewinn behält Yahoo komplett für sich. Das «Wall Street Journal» publizierte den Fall von Liz West. Die Seniorin hat in den letzten zehn Jahren fast 12'000 Fotos bei Flickr veröffentlicht. Sie gibt auf Anfrage gerne die Erlaubnis zur Weiterverwendung ihrer Bilder. Aber es stört sie, dass Flickr und Yahoo nun Geld verdienen mit den Bildern, die sie gratis weitergibt.

Doch was Flickr tut, ist rechtens. Liz West hatte, wie viele andere Nutzer der populären Bilderplattform, der kommerziellen Weiterverwendung zugestimmt. Daher darf Flickr, genauso wie jeder andere auch, diese Fotos verwenden – auch, um damit einen profitablen Bilderverkauf aufzuziehen. Flickr und andere Plattformen wie Youtube, 500px.com oder Soundcloud.com ermöglichen es ihren Nutzern, Inhalte
unter der Creative-Commons-Lizenz
zu veröffentlichen.

Inhalte sollen frei fliessen

Die Creative Commons oder kurz CC entstanden aus einer Initiative, die 2001 in den USA als Reaktion auf das klassische Urheberrecht gestartet wurde, das typischerweise alle Rechte dem Urheber vorbehält. Als Lizenzmodelle fürs Internetzeitalter vereinfachen CCs dagegen die Weitergabe von Werken – nicht nur Fotos, sondern auch Musik, Videos oder Text. Das dient nicht nur einer weiteren Verbreitung, sondern hilft allen: «Es dient der Kultur, der Bildung und der Wissenschaft, wenn Inhalte frei fliessen und für neue Inhalte, aber auch für kreative Geschäftsmodelle verwendet werden können», sagt CC-Experte Hartwig Thomas.

Thomas, der offene und frei zugängliche Software entwickelt und sich beim Verein Digitale Allmend engagiert, hat vor kurzem ein Buch zum Thema veröffentlicht. Es hat den sperrigen Titel «Erster Entwurf eines Versuchs über den Zusammenstoss des Urheberrechts mit dem Internet» und ist selbstverständlich unter Creative Commons lizenziert: «Sie dürfen das Buch gerne drucken und mit Profit verkaufen», bekräftigt Thomas. Hauptsache, es verbreitet sich. Beim Verlag Buchundnetz.com darf man es online kostenlos lesen. Für 34.90 Franken gibt es das Buch in gedruckter Form, für 12.50 Franken als E-Book.

Der Fall Flickr wirft die Frage auf, wie weit die Creative Commons wirklich fair sein können, wenn ein Milliardenkonzern auf dem Buckel seiner User Geld verdient, ohne diese an den Einnahmen teilhaben zu lassen – zumal Nutzer, die keine CC-Lizenz vergeben haben, mit 51 Prozent am Erlös beteiligt werden. Hartwig Thomas meint an die Adresse der User, die sich ungerecht behandelt fühlen: «Schade, dass ihr das missverstanden habt!» Er zweifelt allerdings daran, dass es prozentual ein wesentlicher Teil der Nutzer ist: «Ich habe den Eindruck, dass jetzt vor allem die Nichtprofessionellen aufschrecken und finden, sie hätten doch ein paar Hundert Franken verdienen können. Doch ohne Flickr hätte nie jemand das Bild überhaupt gesehen – darum ist das keine unfaire Abgeltung, um eine Plattform wie Flickr überhaupt zu betreiben.»

Prinzip Singleplatte

Die professionellen Nutzer haben, so die Überzeugung des Experten, die Funk­tionsweise der neuen Internetlizenzen verstanden: «Ein Künstler tut gut daran, wenn er die Plattformen als Werbefenster nutzt und die Ausstellungsstücke hochlädt, die seinen Ruf fördern – und nicht alles, was er verkaufen möchte, mit CC-Lizenz publiziert.» Auch die Musiker hätten begriffen, dass eine CC-Lizenz wie früher eine Single funktioniert: «Die ist dazu da, die Leute anzufixen und hinterher mehr Konzerttickets zu verkaufen.»

Die Creative Commons haben einen durchaus idealistischen Hintergrund, indem sie die Verbreitung ideeller Güter fördern. Beim Austausch und der Teilhabe soll eine Abwendung vom rein mone­tären Denken erfolgen. Dennoch sollte man diesen idealistischen Ursprung nicht mit Selbstlosigkeit verwechseln, bekräftigt Hartwig Thomas: «Ich als Programmierer stelle vieles in die Public Domain. Genauso tun es viele der ganz grossen Unternehmen. Sie bedienen sich auch aus der Public Domain. Nicht, weil sie selbstlos sind. Sondern weil es mehr rentiert.»

Die aktuelle Diskussion zeigt laut Thomas, dass die Creative Commons eine ernsthafte Basis bilden und nicht bloss ein Tummelfeld für Hobbyfotografen, -musiker und -blogger sind. Diesen Eindruck bestätigt der «State of the Commons»-Report, der den freien Lizenzen ein rasantes Wachstum bescheinigt. 2014 waren 882 Millionen Werke CC-lizenziert. Das ist mehr als eine Verdoppelung seit 2010, und 2015 soll die Milliardengrenze geknackt werden. 58 Prozent aller CC-lizenzierten Werke erlauben die kommerzielle Nutzung, und sogar 76 Prozent gestatten eine Bearbeitung – gemäss den sechs Standardverträgen, mit denen der Urheber die erlaubte Nutzungsweise seines Werks steuern kann.

Es hat auch Schattenseiten, dass die Creative Commons inzwischen Teil der Kultur im Internet sind. Im Sommer sind Fälle publik geworden, bei denen die Leute kostenpflichtig abgemahnt wurden, welche die in der Lizenz geforderte Namensnennung nicht oder nicht in der gewünschten Form geleistet haben: «Es untergräbt die Grundidee, wenn man Dinge trickreich ins Web stellt und dann falsche Verwendungsweisen abmahnt», meint Hartwig Thomas.

Geheimtipp «Share alike»

Die Creative Commons haben, davon ist der Experte überzeugt, einen wichtigen Einfluss auf die künftige UrheberrechtsGesetzgebung. Je nachdem, wie sie sich entwickelt, könnte es in Zukunft ein neues Spektrum an freien Lizenzen geben. Eine Stolperfalle jedenfalls ist und bleibt die Unterscheidung zwischen kommerzieller und nicht kommerzieller Verwendung – nicht nur bei Flickr. So kann das kostenlose Werbegeschenk ­eines grossen Unternehmens als nicht kommerziell gelten, während ein Kirchenchor, der nach dem Konzert um eine Kollekte bittet, als kommerziell eingestuft wird.

Der Tipp des Experten lautet hier, die «Share alike»-Lizenz zu verwenden. Sie schreibt vor, dass die veränderten Inhalte nur unter gleichen Bedingungen weitergegeben werden können. Im Bereich der Softwareentwicklung komme es vor, dass grosse Unternehmen auf den Open-Source-Programmcode aufmerksam würden, den sie in ihren geschlossenen Produkten verwenden möchten. Dieses Recht lässt sich einräumen – selbstverständlich gegen Entgelt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2014, 10:24 Uhr

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