Nach dreissig Jahren vom Internet überholt

Au revoir, Minitel: In einem Jahr schaltet Frankreich den Vorläufer des Internets ab. Obwohl dort noch fast eine Million solcher Geräte herumstehen.

Staatlich garantierter Erfolg: Franzosen konnten dank des kleinen Bildschirmcomputers mit der ausklappbaren Tastatur einige Jahre früher als andere online nachsehen, wie viel Geld sie noch auf dem Konto haben, wie das Wetter wird oder welche Pferdewette sich lohnt.

Staatlich garantierter Erfolg: Franzosen konnten dank des kleinen Bildschirmcomputers mit der ausklappbaren Tastatur einige Jahre früher als andere online nachsehen, wie viel Geld sie noch auf dem Konto haben, wie das Wetter wird oder welche Pferdewette sich lohnt. Bild: AFP

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Es ist die Ankündigung eines schleichenden Todes. In einem Jahr wird France Télécom dem Minitel den Saft abdrehen. Die französische Erfindung wird dann keine 30 Jahre alt geworden sein. Manche wird es wundern, dass es diesen interaktiven Onlinedienst überhaupt noch gibt in Zeiten des Internets, als dessen Vorläufer es gilt. Das klingt vermessen, ist aber berechtigt.

Franzosen konnten dank des kleinen Bildschirmcomputers mit der ausklappbaren Tastatur einige Jahre früher als andere online nachsehen, wie viel Geld sie noch auf dem Konto haben, wie das Wetter wird. Sie konnten Bahntickets buchen und nach einem Partner ein flüchtiges Abenteuer suchen.

Auf 25'000 Dienste, die man heute alle verfeinert und mit Bildern und Filmen illustriert im Internet findet, summierte sich das Angebot Ende der Neunzigerjahre. Jeder vierte Franzose nutzte sie. Die meist mausgrauen oder beigefarbenen Geräte standen in neun Millionen Haushalten und Firmen. Frankreich hatte einen riesigen Vorsprung in einem Wirtschaftszweig, der heute rasant wächst. Aber das Land machte nichts daraus. Es erkannte die Chancen des Internets nicht, der Reiz zur Innovation fehlte.

Staatlich garantierter Erfolg

Das Minitel entsprang nicht der Tüftelarbeit von Ingenieuren, es war – wie andere technische Meisterleistungen, etwa der Hochgeschwindigkeitszug TGV oder das Überschallflugzeug Concorde – staatlich verordnet und subventioniert. Und der Staat garantierte den Erfolg. Die Bildschirmcomputer waren derart weit verbreitet, weil der Staatskonzern France Télécom sie umsonst verteilte. Einnahmen erzielten der Telefonmonopolist und die Serviceanbieter nicht mit dem Verkauf der Geräte, sondern weil die Onlinedienste teuer waren. Das Minitel war eine Falle für die Kunden – für den Staatskonzern war es eine sichere Einnahmenquelle. In den besten Jahren nahm er mehr als 1 Milliarde Euro ein. Und selbst 2010 erwirtschaftete er noch einen kleinen Gewinn.

Fast eine Million Geräte stehen noch in Frankreich herum. Und eine fast ebenso grosse Zahl nutzt das Minitel heute über das Internet, wo es ebenfalls eine Adresse hat. Die meisten greifen nach wie vor auf das elektronische Telefonbuch zurück, das in den ersten drei Minuten kostenlos durchsucht werden kann. Ohne das Telefonbuch wäre das Minitel kaum entstanden.Frankreich verfügte in den Siebzigerjahren über nicht einmal halb so viele Telefonanschlüsse wie Deutschland. Die Regierung blies zur Aufholjagd und stellte fest, dass es angesichts der hohen Papierpreise günstiger wäre, ein elektronisches, leicht aktualisierbares Telefonbuch auszugeben. Das Minitel war insofern auch ein Vehikel, um einen Rückstand aufzuholen. Von 1981 lieferte France Télécom dann mit jedem neuen Telefonanschluss auch gleich ein Minitel mit.

In Erinnerungen schwelgen

Wenn das Minitel nun dahinscheidet, steht endgültig fest, dass die Subventionen umsonst waren. Sie waren in gewisser Weise sogar hinderlich. Der frühere Premierminister Lionel Jospin erklärte Anfang des Jahrzehnts, das Minitel sei ausschlaggebend dafür, dass das Internet anfangs in Frankreich auf wenig Akzeptanz stiess. Zu dem Zeitpunkt hatte Deutschland seinen Bildschirmtext BTX mangels Kunden eingestellt. Der Dienst wurde wenige Jahre nach dem Minitel eingeführt. Wie im Zug- oder Schiffsbau, bei den Börsenbetreibern oder den Autokonzernen wog auch in diesem Bereich die Konkurrenz schwerer als der Gedanke, gemeinsam in neuen Dimensionen zu denken.

Viele Franzosen schwelgen derweil angesichts des nahen Todes in ihren Erinnerungen an das Minitel. Viele hoffen, dass das angekündigte Ende noch einmal aufgeschoben wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2011, 12:06 Uhr

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