Nerds und Religion?

Die bizarren Glaubensbekenntnisse von Computerfreaks.

Kopiert wird schon seit Menschengedenken - Kopimisten verstehen das Kopieren von Daten allerdings als Religion. Bild: Wikimedia

Kopiert wird schon seit Menschengedenken - Kopimisten verstehen das Kopieren von Daten allerdings als Religion. Bild: Wikimedia

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«Wie hält es der Nerd eigentlich mit der Religion?», wurde ich neulich mit boshaftem Unterton gefragt. «Sie neigen zum Atheismus», behauptete ich ohne nachzudenken. Als begeisterter Computerfreak und Technikfan (kurz Nerd) hält man seinen rationalen Geist hoch. Weil der unbestechlich arbeitet, wie die Zentraleinheit eines PCs.

Mein Gegenüber war unbeeindruckt und wies auf die Glaubenskriege in unseren Kreisen hin: die ewigen Streitereien ums wahre Betriebs­system. Die entzweiende Frage nach der einzigen Programmiersprache (Java? Python? Ruby? Oder gar Erlang?). Und dann die legendären «Editor Wars»: Seit Jahren wird darum gezankt, ob Vi oder Emacs das bessere Textbearbeitungsprogramm ist. Für Normalsterbliche sind beide unbedienbar.

Die Kirche der Kopimisten

Nachdem Richard Stallman, der unbeugsame Aktivist für offene Software, die Emacs-Kirche gegründet hatte, parierten die Gegner mit dem Cult of Vi. Das mag ironisch gemeint sein, kaschiert aber nicht die fatale Neigung der Nerds zu abstrusen Glaubensbekenntnissen. Die Science-­Fiction-Nerds bekennen sich gern zum Jediismus. Das ist der Glaube an den Orden der Jedi aus «Star Wars». In Grossbritannien führt die Statistikbehörde den Jediismus mit einer eigenen Nummer. Woraus sich, so betont das Amt, kein offizieller Status ableite.

In Schweden wurde 2012 die Kirche der Kopimisten anerkannt. Der Name Kopimi leitet sich ab vom Englischen «Copy me»: Kopier mich! Genau das tun die Religionsangehörigen – ohne Rücksicht aufs Urheberrecht. Die Tastenkürzel für Copy-Paste gelten als rituelle Symbole. Unter der Fürbitte «Unseren täglichen Download gib uns heute!» huldigt man dem freien Fluss der Informationen. Das hat Peter Sunde, den Mitbegründer der Tauschplattform Pirate Bay, ins Gefängnis gebracht. Nun wirft er der schwedischen Justiz vor, seine Religionsausübung zu behindern. Im Gefängnis gibt es nämlich keinen Kopimistenpriester.

Ob Ulkreligion oder nicht – die Kirche der Kopimisten scheint weiter zu wachsen, während die politische Bewegung der Nerds, die Piraten­partei, in Berlin gerade regelrecht implodiert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2014, 19:29 Uhr

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