Hintergrund

Neun Schweizer Start-ups buhlten bei Google um Geld

Im Zürcher Hauptsitz von Google präsentierten sich gestern neun Internetunternehmen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet war dabei und stellt die Schweizer Ideen vor, die die Welt erobern sollen.

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Wie locker fliesst das Geld heutzutage in Internet-Start-ups? Ist der Boom vorbei oder beginnt er erst? Und wie behaupten sich Schweizer Jungunternehmer international? Diese Fragen wollten Schweizer Akteure im Rahmen eines Roundtables im Google-Hauptsitz in Zürich beantworten. Organisiert wurde der Anlass von der Investorenvereinigung CTI Invest und dem Start-up-Supportdienst Rollfeld.

Das Wichtigste vorweg: Die Schweizer Internetszene boomt. Das bestätigen gleich mehrere Kapitalgeber vor Ort. Auch Investoren, die vor Jahren im Silicon Valley im grossen Stil investierten, haben ihre Aktivität in Zürich verstärkt und ausgebaut. So zum Beispiel Richard Frank von Crossroads Legal. Der Investor aus Kalifornien ist ob dem Unternehmertum hierzulande tief beeindruckt. «Es gibt hier viele tolle Internet-Start-ups», sagt er im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Jede dritte neue Schweizer Technologiefirma basiert mittlerweile auf dem Netz.

«Think big», mit diesem Aufruf machte Google-Schweiz-Chef Patrick Warnking klar, dass die Zeiten für gute Ideen besser denn je sind. Er verwies auf die vor zwei Tagen erfolgreich abgeschlossene Finanzierungsrunde des Schweizer Start-ups Housetrip. Das Lausanner Unternehmen konnte 40 Millionen Dollar an Kapital akquirieren (Start-up-Ticker berichtete). Google selbst coacht das Wohnportal Housetrip auf dem Weg zum internationalen Erfolg. Und Warnking betonte in seiner Einführung, dass Google Schweiz an der Zusammenarbeit mit lokal verwurzelten Start-ups interessiert sei. Allerdings reizt den Konzern weniger das Geld als vielmehr das Testen von neuen Lösungen und Konzepten, die Google bei Erfolg mit seiner Marketingpower international bekannt machen würde.

Neun Start-ups wurden der Investorenrunde, die sich aus dem Who's who - unter anderem die Zürcher Kantonalbank (ZkB), die in den letzten sechs Jahren über 100 Start-ups finanzierte - zusammensetzte, präsentiert. Die Auswahl wurde von den Organisatoren unter dem Titel «Top Swiss Web Start-ups» angekündigt. Sieben Minuten standen den Unternehmern jeweils zur Verfügung, um dem Investorengremium die Idee und den Businessplan zu erklären.

Getyourguide - Besser Reisen

Den Auftakt machte das Unternehmen Getyourguide, welches sich auf das Vermitteln von Ferienaktivitäten spezialisiert hat. Die Plattform hat in den letzten Monaten ein enormes Wachstum hinter sich und sein Angebot gegenüber den Mitbewerbern massiv ausgebaut. So konzentrieren sich die Macher heute nicht allein auf Ferienangebote, sondern auch auf lokale Events. Und international, so war zu hören, hat sich der Dienstleister strategisch eine wichtige Partnerschaft gesichert. Getyourguide arbeitet mit der grössten Reiseplattform Tripadvisor zusammen. Profitabel ist das Unternehmen allerdings noch nicht, wie aus der Präsentation zu erfahren war. 300 Buchungen kommen pro Tag zum Abschluss. Das soll sich in Zukunft ändern.

Appaware – Ordnung im App-Dschungel

Ebenfalls grosses Potenzial wird in der Firma Appaware gesehen. Sie hat sich auf das Finden von Apps spezialisiert. Weltweit werden pro Monat 30'000 Android-Apps lanciert. Bei Apple sind es 19'000. Die Gründer von Appaware wollen den Endnutzern eine Übersicht der besten Apps bieten. Appaware durchsucht den Markt nach Trends und Empfehlungen von Profis und stellt ein entsprechendes Angebot zusammen. Die App ist kostenlos und soll es laut den Gründern auch bleiben. Die Geldquelle sieht das Start-up woanders: Anbieter sollen ihre Apps gegen Gebühr prominent platzieren können. Interessant: Obwohl es sich um ein Schweizer Start-up handelt, setzt sich das Ursprungsteam aus einem Italiener, Deutschen, Bulgaren und Chinesen zusammen.

Squirro – Digital Noise Reduction

Ebenfalls mit Ordnung und Relevanz beschäftigt sich das Zürcher Start-up Squirro. Im Zentrum steht die Informationsflut im Web. 90 Prozent aller Informationen im Netz wurden in den letzten zwei Jahren kreiert. Eine Recherche-App soll einfach und schnell für Übersicht sorgen. Wer seine Notizen online speichert, für den findet Squirro interessante Webinhalte zum selben Thema, und zwar ohne Störgeräusche. Die Macher nennen das: Digital Noise Reduction. Millionen von Quellen werden nach relevanten Informationen durchsucht. Das kann bis zur Bonitätsprüfung gehen. Für 100 Dollar pro Zugang und Jahr ist man dabei.

Newscron – smarter Newsdienst

Aggregieren, personalisieren und skalieren. Nach diesem Prinzip funktioniert auch der Dienst Newscron. Mithilfe von ETH-Technologie entwickelten die Gründer von Newscron einen intelligenten News-Aggregator. Das Programm fasst News von sämtlichen Newsseiten zusammen und bietet eine Vernetzung mit sozialen Netzwerken an. Das Angebot stösst auf eine Nachfrage: Kurz nach dem Start kann die App bereits 11'000 Visits pro Tag ausweisen.

Gonnado – gemeinsam mehr Freizeit

Der Dienst ist eine Mischung aus Facebook und Google Maps. Der Name ist vom Englischen abgeleitet und heisst in etwa «was ich vorhabe». Die Seite soll Ideen für Freizeitaktivitäten liefern, genaue Infos und die Möglichkeit bieten, sich gleich vor Ort mit seinen Freunden zu verabreden. Bereits befinden sich mehr als 200'000 Freizeitaktivitäten aus der ganzen Schweiz auf der Seite. Wie die Macher sagen, sei es ihr Ziel, die Menschen durch die Verbesserung ihrer individuellen Freizeitgestaltung glücklicher zu machen.

Rayneer – das personalisierte TV

Der Service der jungen Firma: Ein Algorithmus analysiert das Facebook-Profil, erkennt die Präferenzen und stellt so für jeden Nutzer einen individuellen Musik-TV-Kanal zusammen. Vergleichbar ist Rayneer.tv mit Musikanbietern wie Spotify. Während diese Dienste iTunes überflüssig machen sollen, will Rayneer das Fernsehen revolutionieren. Im April 2012 wurde der Dienst in der Schweiz lanciert. Bereits sind namhafte Partner wie Samsung, Universal, 20 Century oder Red Bull an Bord. Wie erfolgreich der Dienst in der Nutzung ist, darüber ist nichts zu erfahren. «Darüber reden wir nicht», sagt Gründer Oliver Flückiger.

Gbanga – Spielen mit dem Handy

Das Start-up will von Zürich aus eine Nische im weltweiten Mobile-Gaming-Markt erobern. Die Idee: Über eine App lassen sich Gegenstände in einer Spielwelt verteilen, die von Spielern gesammelt und in realen Geschäften gegen Rabatte eingetauscht werden können. Diese Werbemöglichkeit kann künftig von Kunden selbst automatisiert gebucht werden, sodass das Modell skaliert. Laut Transparency Market Research betrug die Grösse des Weltmarkts für Mobile Gaming im vergangenen Jahr stolze 3,5 Milliarden US-Dollar, bis 2017 soll es dreimal so viel sein.

Questli – das Leben ist ein Spiel

Spielen, spielen, spielen: Das macht der Mobile-Dienst Questli ebenfalls zur Leitidee. Gemeint sind allerdings nicht Onlinespiele, sondern Schnitzeljagden, die sowohl im virtuellen als auch realen Raum stattfinden. Und das geht so: Mithilfe der App kann ein Spielentwickler ein sogenanntes Quest eröffnen. Das sind beispielsweise einfache Recherchieraufgaben oder komplizierte Rätsel, bei denen die Spieler auf verschiedene Quellen im Internet zurückgreifen, wobei es auch möglich ist, dass die Quests bis hinaus in die reale Welt der Spieler hineinreichen und sie so zum gemeinschaftlichen Handeln bewegen. Für die Teilnahme an einem Game muss ein Beitrag gezahlt werden. Der Sieger, also jener Spieler, der das Quest zuerst löst, bekommt 70 Prozent des eingezahlten Spielgelds, der Spielentwickler und die Plattform Quest.li streichen je 15 Prozent ein. Dabei sind die Jungen sehr fleissige Game-Entwickler: Ein 13-Jähriger aus der Region Bodensee und ein 14-Jähriger aus Biberist sind die aktivsten User weltweit.

Cooala – Marken im Fokus

Die App Cooala verspricht spielerischen Kontakt zwischen Konsumenten und Marken: Gründer Mike Schwede will per Smartphone das Bewerten von Brands mit der Zutat Gamification attraktiv machen. Für Unternehmen ergeben sich damit Marketing- und Marktforschungsmöglichkeiten. Wie die App genau funktionieren wird, muss sich noch zeigen, bisher existiert erst eine Launch-Ankündigung. Die App soll im Dezember lanciert werden. Zurzeit ist man offenbar noch auf der Suche nach Partnern.

Der Text ist angereichert mit Informationen der Internetseite Startwerk.ch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2012, 17:27 Uhr

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