Hintergrund

Russisches Roulette im Bett

Der grösste Teil der Medikamente, die über das Internet bestellt werden, sind Potenzmittel. Eine Umfrage der Uni Basel zeigt: Die Konsumenten wiegen sich in falscher Sicherheit.

Wer übers Internet bestellt, geht hohe Risiken ein: Eine Lieferung mit gefälschten Viagra-Pillen, die beim Schweizer Zoll abgefangen wurde. (Archivbild 2009)

Wer übers Internet bestellt, geht hohe Risiken ein: Eine Lieferung mit gefälschten Viagra-Pillen, die beim Schweizer Zoll abgefangen wurde. (Archivbild 2009) Bild: Keystone

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Welchen Risiken setzt sich Mann aus, wenn er über das Internet Potenzmittel bestellt? Sehstörungen und Schäden an der Netzhaut. Kreislaufzusammenbrüche. Dauererektionen, die im schlimmsten Fall zur Penisamputation führen können. Hörstürze. Eine wochenlange Behandlung im Spital, weil dem Potenzmittel Glibenclamid, ein Medikament zur Behandlung des Typ-II-Diabetes, beigemischt ist, was zu Unterzuckerung und im schlimmsten Fall zum Tod führt – wie 2008 bei vier Patienten in Singapur.

Cédric Wernli will wissen, wie bewusst sich Männer der oben genannten Risiken sind, die Viagra & Co. im Internet kaufen. Für seine Masterarbeit erfasst der Student der Pharmazie an der Universität Basel gesundheitliche Schäden durch illegale Potenzmittel. Mit einer Umfrage wendet er sich direkt an die Konsumenten. Die Auswertung der Antworten ergibt zwar kein repräsentatives Bild – aber sie vermitteln einen Eindruck über das Konsumverhalten von Männern, die über das Internet Potenzmittel bestellen. Und sie zeigt, wie gross das Vertrauen in Onlineapotheken ist und wie viel Gewicht Erfahrungsberichte und Erfolgsversprechen im Netz haben.

Nur wenige gehen zum Arzt

Anfang März platzierte Wernli seine Umfrage auf einschlägigen Foren: Dort finden sich Hunderte von Kommentaren über Potenzprobleme, frühzeitige Ejakulation, Lustlosigkeit oder Nebenwirkungen von Potenzsteigerern. Auf diesem Weg hoffte Wernli, mit einer Gruppe von Männern in Kontakt zu kommen, die nur schwierig zu erreichen ist.

Mit Erfolg: Bis Ende Mai beantworteten 41 Männer Wernlis Fragebogen, «überraschend viele», findet Wernli. Sie dokumentierten ihren Konsum, gaben Auskunft über die Art der Medikamente und die Dosierung. Eine Auswertung der ersten 25 Antworten publizierte Wernli zusammen mit Ruth Mosimann, Apothekerin und Leiterin Kontrolle illegale Arzneimittel bei der Zulassungs- und Aufsichtsbehörde Swissmedic, Anfang Mai im «Swiss Medical Forum». Unter dem Titel «Die blaue Pille aus dem Netz – zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihr Internetforum» zeigten sie auf, dass viele Männer grosses Vertrauen in Medikamente aus dem Internet haben oder die Risiken in Kauf nehmen und verharmlosen.

Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht

Die meisten Männer, die an der Studie teilnahmen, sind über 40 Jahre alt. Beinahe 90 Prozent vertrauen auf die Wirkstoffangabe auf der Packung, drei Viertel der Männer erachten Medikamente aus dem Internet als sicher, zwei Drittel kombinieren mehrere Präparate. Erschreckend wenige – nur 28 Prozent –, die angaben, sie würden unter einer erektilen Dysfunktion leiden, liessen diese ärztlich untersuchen.

Ein Grossteil bestellt Nachahmerprodukte und begründet dies mit dem tieferen Preis. Ein einziges Viagra (50 Milligramm) kostet in der Schweiz offiziell rund 20 Franken – für dieses Geld können im Internet zehn generische Viagra bestellt werden. Die Potenzmittel Viagra, Cialis und Levitra stehen nicht auf der Spezialitätenliste, die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür auch dann nicht, wenn eine erektile Dysfunktion vom Arzt festgestellt wird.

Dosis um ein Vielfaches erhöht

Die Angaben über die Dosierung der Medikamente liefern sehr «abenteuerliche Ergebnisse», wie Wernli schreibt. So vertrauen einige Männer auf Medikamente mit dem Wirkstoff Tadalafil (Cialis), nicht aber auf die Empfehlungen zur Dosierung: Tadalafil ist bei erektiler Dysfunktion für eine tägliche Einnahme von 2,5 bis 5 Milligramm zugelassen. 22 Prozent der Konsumenten geben an, 10 Milligramm täglich einzunehmen, 43 Prozent 20 Milligramm und 21 Prozent mehr als 20 Milligramm täglich. Wernli betont, dass höhere Dosen in klinischen Studien keinen verbesserten Effekt aufwiesen, sondern zu vermehrten und ausgeprägteren Nebenwirkungen wie Schwindel, Rückenschmerzen oder Sodbrennen führen, die bereits bei der zugelassenen Dosierung häufig auftreten.

Laut Wernli lassen sich die Befragten in zwei Gruppen einteilen: Patienten mit einer erektilen Dysfunktion sowie Gesunde, die sich für ein vermeintlich verbessertes Sexleben mit Potenzmitteln eindecken, darin eine Art Droge sehen. «In den Köpfen geistert die Meinung herum, Viagra & Co seien Aphrodisiaka», sagt Wernli. Das sei schlicht falsch.

«Die Gefahren vergessen»

Das Hauptproblem der Selbstmedikation: Statt dem Problem auf den Grund zu gehen, wird ein Symptom behandelt. Doch die Ursachen einer erektilen Dysfunktion sind mannigfaltig. So kann am Ursprung eine Arterienverkalkung stehen, die zu kardiovaskulären Beschwerden wie beispielsweise einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann. Durch die Selbstmedikation sei auch die überhöhte Dosis der Medikamente zu erklären: Die Wirkung des Medikaments hängt von der korrekten Einnahme ab.

Laut Ruth Mosimann existiert ein naiver Glaube, es könne nichts passieren. Sie beobachtet, dass der Respekt vor Medikamenten allgemein verloren geht und spricht von einer «Lifestyle-Medikation»: Man glaube, selbst verschreibungspflichtige Medikamente ohne Beratung durch Arzt oder Apotheker einnehmen zu können. «Die Gefahren werden dabei oft vergessen», sagt Mosimann. Bei verschreibungspflichtigen Potenzmitteln sei es zudem so, dass gesunde Männer das Medikament auf legalem Weg nicht erhalten. «Sie müssen aufs Internet ausweichen.» Mosimann vergleicht die Einnahme von illegal erworbenen Medikamenten mit russischem Roulette: «Oft geht es gut, einmal geht es nicht gut.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2012, 20:19 Uhr

Potenzmittel

In der Schweiz ist es erlaubt, Medikamente für den Eigengebrauch zu importieren. Die Menge ist auf eine therapeutische Monatsdosis beschränkt. Die Heilmittelbehörde Swissmedic und der Zoll rechnen mit 100'000 Sendungen pro Jahr, ein Grossteil davon wird übers Internet bestellt – die Hälfte enthält grössere Mengen als erlaubt. Bei den 2011 beschlagnahmten Sendungen führen Potenzmittel die Tabelle an (33,6 Prozent), gefolgt von Muskelaufbau- (13,9) und Schlankheits­präparaten (10,6). Mehr als die Hälfte der illegalen Arzneimittel stammen aus Asien, allein aus Indien kommen 35,4 Prozent.

Den Konsumenten ist nicht immer bewusst, woher die Medikamente stammen: Online erworbene Potenzmittel werden ohne Schachtel und Packungsbeilage geliefert, die Herkunft zu bestimmen, ist für Laien praktisch unmöglich. Auf den Webseiten wird der Eindruck einer europäischen Apotheke erweckt und mit Mitteln wie einem Online-Rezept Seriosität vorgegaukelt. Es sei «naiv», den Angaben zu trauen, sagt Ruth Mosimann von Swissmedic: In einer Laboranalyse wurden bei rund der Hälfte der importierten Potenzmittel falsche Wirkstoffe festgestellt, oder die Angabe über die Dosis des Wirkstoffs war falsch.

Die Publikation im «Swiss Medical Forum» ist Teil der Aktivitäten von Swissmedic zur Sensibilisierung. Das Bewusstsein der Apotheker bezüglich illegaler Medikamente sei gut. Swissmedic versucht nun, Ärzte anzusprechen. «Urologen sind in der Regel sehr gut in­formiert. Sie ziehen bei der Behandlung auch in Betracht, dass illegale Potenzmittel kon­sumiert wurden.» Das ist bei den Hausärzten weniger der Fall, und zu ihnen kommen die Männer, die Sehstörungen haben oder einen Kreislaufzusammenbruch erlitten.

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