Sieht so das Internet der Zukunft aus?

Die Blockchain soll das Geschäftsleben revolutionieren und eine neue Ära der Demokratie einläuten. Nun gibt es erste Dienste, die erahnen lassen, wohin die Reise geht.

So revolutionär wie das Flugauto? Die Blockchain weckt hochfliegende Erwartungen.

So revolutionär wie das Flugauto? Die Blockchain weckt hochfliegende Erwartungen. Bild: Return to Innocence in a Flying Car, Torley/Flickr.com, CC BY-SA 2.0

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Es gibt sie, die seltenen Momente, in denen Technik die Fantasie beflügelt: Jules Vernes Mondrakete oder die Flugautos, die auch Henry Ford schon 1940 prognostizierte. Dieser Tage ist es die Blockchain, die manche von einer anderen und besseren Welt träumen lässt. «PC Mag» hat sie «die unsichtbare Technologie, die die Welt verändert» genannt: Sie sei zwar kein omnipräsentes Allerwelts-Schlagwort wie die Cloud oder das Internet der Dinge – und nicht so fassbar wie das Smartphone.

Doch die Blockchain könnte zum «zweiten Zeitalter der Demokratie» führen, so prognostizieren es Don und Alex Tapscott in ihrem Buch «Blockchain Revolution» von 2016: Die neue Technik würde die Bedingungen für faire, sichere und komfortable digitale Wahlen legen. Aber auch die smarten Verträge könnten das Geschäftsleben umwälzen: Sie funktionieren so, dass das Honorar automatisch ausbezahlt wird, wenn sich Auftraggeber und Auftragnehmer darüber einig sind, dass der Auftrag erfüllt wurde.

Keiner kann betrügen

Falls diese Einigkeit ausbleibt, würde ein Schiedsrichter entscheiden. Analog funktioniert es, wenn man bei unbekannten Händlern im Internet Waren bestellt: Das Geld für den Kauf wird automatisch reserviert, bevor der Händler seine Waren ausliefert, und kann vom Käufer nicht zurückbehalten werden. Ausgezahlt wird aber erst, wenn die Ware auch tatsächlich beim Käufer angekommen ist – und beide Parteien den Kauf für abgewickelt halten.

Die Blockchain wird Mittelsleute ausschalten, neue Möglichkeiten fürs digitale Identitätenmanagement liefern und das Gesundheitswesen fundamental verändern – zumindest wenn es nach den vielen Start-ups geht, die ihre Projekte vorantreiben.

Das dezentrale Logbuch

Die Blockkette, wie sie auf Deutsch heisst, tut das dezentral: Die Informationen über die Transaktionen sind verteilt bei allen Nutzern eines Systems gespeichert. Es gibt für Hacker keinen zentralen Angriffspunkt. Das macht es unmöglich, Einträge zu beseitigen oder zu verändern.

Dieses verteilte Logbuch hat sich bei Kryptowährungen wie dem Bitcoin bewährt, doch es wird längst auf andere Bereiche ausgedehnt: Auch in der Logistik wittern manche ein Riesenpotenzial. Dank Blockchain könnte die Nahrungsmittelindustrie jede einzelne Zutat ihrer Produkte bis zur Quelle zurückverfolgen.

Abseits der Kryptowährungs-Handelsplattformen hat die Blockchain im Internet bislang noch keine grossen Wellen geworfen. Es gibt allerdings einige Ansätze, die zeigen, wohin die Reise geht – und wie sich das Netz in den nächsten Jahren verändern könnte. Zwei Ansätze zeichnen sich ab: Erstens wollen Plattformen wie Steemit.com dank der Blockchain resistent gegen Zensur sein. Zwar können Blogbeiträge auf der Plattform selbst zum Verschwinden gebracht oder manipuliert werden. Doch da die Artikel via Blockchain übers Netz verteilt und auf vielen Computern gespeichert sind, bleiben die Originale greif- und Änderungen nachvollziehbar.

Zweitens fällt auf, dass die meisten Blockchain-Dienste eine eigene Kryptowährung eingebaut haben. Das ist ein eigenes Geldsystem, das wie das bekannte Vorbild, der Bitcoin, virtuell entsteht, aber bei Bedarf in Dollar, Euro oder Schweizer Franken gewechselt werden kann.

Diese angedockten Währungen dienen dazu, um Nutzer zu entschädigen, die Dienste für die Community erbringen: Wer auf Steemit bloggt, erhält je nach Interesse ein automatisches Honorar. Auch die Kuratoren, die Beiträge bewerten und interessante Inhalte an die Oberfläche befördern, werden automatisch entschädigt. Die Beträge errechnen sich automatisch aufgrund des Publikumsinteresses und sind einsehbar. Bei der Social-Media-Plattform Dock.io sollen Datenflüsse abgegolten werden. Wie das in Zukunft aussehen könnte, ist im Moment noch schwer abzuschätzen. Aber denkbar wäre zum Beispiel, dass Nutzer persönliche Daten gegen Geld zur Verfügung stellen.

Vertrauen will verdient sein

Die ersten Blockchain-Websites haben einiges an Enthusiasmus ausgelöst: Eine Website, die das Honorar für die Autoren quasi automatisch herstellt – das klingt für manche genial.

Es gibt auch Leute, die nicht in die Blockchain-Euphorie einstimmen mögen: Kai Stinchcombe ist Chef eines Finanzdienstleisters, und er sagt, nach zehn Jahren und Milliarden investierter Dollars hätte keiner einen zwingenden Einsatzzweck erfunden. Und er kritisiert das blinde Vertrauen: Die Blockchain führe nicht automatisch dazu, dass die verwalteten Daten alle korrekt und verlässlich seien. Ein Landwirt, der Pestizide auf seine Mango sprüht, kann sie trotzdem als Bio registrieren. Da nützt die Resistenz gegen Manipulationen auch nichts.

Wenn es um gesunde Lebensmittel gehe, würden Gesetze, Biolabel, staatliche und unabhängige Inspektoren, die freie Presse, handlungsfähige Angestellte, vertrauenswürdige Lebensmittelhändler und der örtliche Wochenmarkt mehr Vertrauen schaffen als eine komplizierte Technologie, deren Implementation kaum überprüfbar sei, ist Stinchcombe überzeugt: Vertrauen lässt sich nicht digital erzeugen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2018, 19:24 Uhr

Revolution. Oder «Pump and Dump»

Wie die Blockchain das Bloggen und Social Media verändern könnte.

Bei der Blogging-Plattform Steemit.com werden Autoren vom System entlohnt. Um teilzunehmen, muss man kein Geld einbringen, denn die Währung STEEM entsteht quasi automatisch, während die Nutzer auf der Site surfen. Kann so ein publizistisches Perpetuum Mobile funktionieren? Der Schweizer Entwickler spite77 veröffentlicht seit gut acht Monaten auf Steemit.com Blogbeiträge und Videos. Er sagt, er habe «mehr verdient als ein Youtube-Neuling». Seine Einnahmen hat er teils auf SteemMonsters ausgegeben, einem Blockchain-basierten Kartenspiel. Der Kryptowährungs-Experten wie ein Tester vom Fachblog bitcoinblog.de meint auf die Frage, ob das alles nur «Pump und Dump» oder eine Revolution des Mikropayments sei: «Ich muss gestehen, dass ich selbst noch etwas verwirrt bin.»

Dock.io wirkt wie eine Alternative zum beruflichen Netzwerk LinkedIn: Man trägt im Profil seine Daten, Ausbildung, Fähigkeiten und Expertisen ein und vernetzt sich mit anderen Nutzern. Doch die Idee geht weiter: Man soll sein Profil mit anderen Websites verbinden und so Daten quer durchs Netz aktualisieren können: Eine neue Jobbezeichnung würde bei allen verbundenen Profilen automatisch aktualisiert. Nutzer können steuern, welche persönlichen Informationen wo zur Verfügung stehen und wo nicht. Auch bei Dock.io gehört eine eigene Kryptowährung dazu. Sie heisst DOCK und soll es Partnern ermöglichen, für den Zugang zu persönlichen Daten zu bezahlen.

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