So entkommen Sie der Filterblase

Ein junges Unternehmen sorgt für einen neuen Blickwinkel auf strittige Themen.

Will einen anderen Blick auf News vermitteln: «The Buzzard».

Will einen anderen Blick auf News vermitteln: «The Buzzard». Bild: David-Piere Brill, zvg

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Vor einigen Monaten machte das «Wall Street Journal» ein Experiment: Wie würde Facebook aussehen, wenn man nur liberale (demokratische) News präsentiert bekäme, und wie, wenn man nur die konservative (republikanische) Seite sähe? Das Ergebnis ist schockierend; vor allem frappierend einseitig. Wer «Blue Feed, Red Feed» betrachtet, wird sich bewusst, was eine «Filter Bubble» ist, und kann bestenfalls sogar verstehen, dass man selbst in einer solchen Blase gefangen ist.

Die Frage, wie gefährlich die algorithmisch bedingte Abschottung ist, beschäftigt nicht erst seit dem Experiment. Ein deutsches Start-up möchte seinen Lesern helfen, aus der Filterblase auszubrechen, indem es zu ausgewählten Themen alle relevanten Blickwinkel anbietet. «The Buzzard», so heisst die Plattform, beleuchtet gesellschaftspolitische Fragen wie «Die USA unter Trump», «Flucht und Migration» oder «Rechtspopulismus in Europa».

Sprachrohr für ungehörte Stimmen

Hinter der Website, die seit dem 7. Juni online ist, stehen fünf Journalisten und Web-Entwickler aus München und Leipzig. Sie bemängeln nicht nur die Ghettoisierung von Meinungen in sozialen Netzwerken, sondern auch die Tatsache, dass es Stimmen abseits grosser Medienhäuser immer schwieriger haben, gehört zu werden. Dem soll «The Buzzard» Abhilfe schaffen; es setzt bewusst nicht nur auf Artikel etablierter Zeitungen, sondern auch auf Blogger und andere Meinungsmacher.

Ein Team aus Politikwissenschaftlern, Journalisten und Übersetzern – zwei der Gründer, Felix Friedrich und Dario Nassal, sowie Olga Osintseva haben Politikwissenschaft studiert und bei verschiedenen grossen Medienhäusern Erfahrungen im Journalismus gesammelt – kuratiert die präsentierten Artikel in regelmässigen Redaktionssitzungen. Friedrich und Nassal schreiben dann kurze Texte, die die Stücke zusammenfassen, Osintseva ist für die technische Aufbereitung und für die Hintergrundinformationen zu den Autoren zuständig. Wer weiterlesen möchte, findet zu jeder Position den Link zum Original-Artikel.

Absolute Objektivität gibt es nicht

Wie aber garantiert die Redaktion eine ausgewogene Berichterstattung? «Wir beleuchten immer zwei Seiten einer Debatte, die Perspektive der Befürworter und der Gegner eines bestimmten Sachverhalts. Und, wenn möglich, auch weitere Perspektiven, die Grautöne und andere mögliche Sichtweisen offenlegen», erläutert Felix Friedrich.

Perfekte Objektivität könne auch sein Team nicht bieten, darüber macht sich der Journalist keine Illusionen. Das sei unvermeidbar, da jeder Mensch eben auch eine Meinung habe. Gerade deshalb sei die Arbeit für ihn und seine Kollegen aber auch spannend: «Durch das Kuratieren schaut man immer wieder in die Köpfe anderer Menschen und versteht besser, warum sie anders denken und andere Glaubensansätze haben.»

Nun ist es für einen liberal eingestellten Mitteleuropäer relativ einfach, eine Meinung über den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen zu haben: Es ist schlecht, für die Staaten und für die Welt. Aber ist es wirklich ein Problem? Diese Frage stellt «The Buzzard» (übrigens so benannt, weil man – dem Greifvogel gleich – Themen aus der Vogelperspektive betrachten, sich dann aber auf einzelne Aspekte stürzen kann) in seiner neuesten Sammlung.

Insgesamt finden sich hier zehn Artikel, vier Stimmen, die die Frage mit Ja beantworten, es ist ein Problem, und vier, die Nein sagen. Zwei weitere Artikel betrachten die Fragestellung aus wissenschaftlicher Sicht. Die Quellen sind beispielsweise das linksliberale Medien-Start-up «Vox», die auf Technologie-News spezialisierten «Tech Crunch», die «Berliner Zeitung» und das Onlinemagazin «Politically Incorrect». Wissenschaftliche Wortmeldungen kommen von einem Wissenschaftler, der für «Sci Logs» schreibt, einem Blog, der mit der «Zeit» assoziiert ist, und von einem Mitarbeiter der Weltbank.

Wo ist die Grenze des Sagbaren?

Bei der Quelle «Politically Incorrect» könnte der Leser stutzen. Wer auf die Zusammenfassung des Artikels von Peter Bartels klickt, kann dort auch etwas über den Autor und die Website lesen: Der Blog sei gegen die «Islamisierung Europas» und gegen den «Mainstream»; gemeint sind wohl die von rechts oft als «Mainstream-Medien» verunglimpften etablierten Medienhäuser. «Politically Incorrect» gehört zu einer beliebten Anlaufstelle für die neue Rechte, dort schreiben Menschen unter Pseudonymen und zum Teil offen hetzerisch zum Beispiel gegen Ausländer, Linke und Muslime.

Wo ziehen die Kuratoren von «The Buzzard» also die Grenze des Sagbaren? «Da, wo auch legal die Grenze liegt. Darüber hinaus sind jegliche Positionen erlaubt. Auch wenn die Positionen auf umstrittenen Websites erscheinen», sagt Friedrich. Menschenverachtenden, rassistischen oder hetzerischen Tönen wolle man allerdings keinen Raum geben.

Dass man sich bewusst von grossen Medienhäusern abgrenze, möchte der Chefredaktor nicht gelten lassen. Diese seien für die mediale Grundversorgung zuständig, wer mehr wissen wolle, sei auf seiner Plattform gut aufgehoben: «Das ist ein positives Verständnis von Abgrenzung, die eher Profil schafft und alle Beteiligten stärkt.» Es gebe viele intelligente Stimmen auf der Welt, die sich abseits der etablierten Medien äusserten und es deswegen schwerer hätten, sich Gehör zu verschaffen. Ihnen biete «The Buzzard» eine Stimme.

Derzeit ist die Website nur auf Deutsch verfügbar, die meisten verlinkten Artikel sind auf Deutsch oder Englisch verfasst. Eine englische Version soll folgen, später soll der Bussard wohl auch auf Spanisch und Französisch fliegen. Dass die sprachliche Eingeschränktheit eine eigene Filterblase darstellt, ist «Buzzard»-Gründer Friedrich bewusst. Man habe zwar bereits einige Artikel aus dem Holländischen und Russischen übersetzt, dennoch: «Die Bubble bleibt zurzeit ein Stück weit bestehen.» Wenn das Prinzip sich bewährt und die Community, die sich auf der Plattform informiert, wächst, sollen für das Übersetzen mehr Ressourcen rekrutiert werden.

Was der Leser aus all dem macht, bleibt ihm selbst überlassen. Wer aus der eigenen Echokammer ausbrechen möchte, findet auf «The Buzzard» einen guten Einstiegspunkt, um andere Blickwinkel einzunehmen. Noch ist die Auswahl mit acht Themenkomplexen übersichtlich, aber sie soll wachsen. Man möchte zur grössten europäischen Online-Plattform für den Perspektivwechsel werden und «Politik neu erlebbar und begreifbar machen». Ein ambitionierter Plan eines löblichen Projekts, das einen interessanten Ansatz verfolgt, Fake-News und einseitiger Information die Stirn zu bieten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 17:43 Uhr

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