«Spannend wird es, wenn wir die Fernbedienung loswerden»

Wie gehen etablierte TV-Sender mit dem Web-Angebot und dem veränderten Konsumverhalten um? Robert Amlung, Head of Digital Strategy beim ZDF, über die Chancen und Risiken – und Apples TV-Pläne.

Wird in Zukunft vom Smartphone und Tablet konkurrenziert: TV-Fernbedienung.

Wird in Zukunft vom Smartphone und Tablet konkurrenziert: TV-Fernbedienung. Bild: Keystone

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Die Mediathek des deutschen TV-Senders ZDF gilt als eines der erfolgreichsten Web-Angebote: Sie wird monatlich von 4,5 Millionen Menschen genutzt, täglich werden eine Million Videos abgerufen. Robert Amlung ist beim ZDF für die digitale Strategie verantwortlich. Er sagt: «TV ist nur eine weitere App.»

Robert Amlung, wie sieht der TV-Konsument von Morgen aus?
Das entspannte Fernsehen auf dem Sofa im Wohnzimmer steht weiter deutlich im Vordergrund. Aber es gibt heute schon Fernsehnutzung in der Küche, auf dem Laptop, am PC. Das wird mit den neuen Geräten eher zunehmen. Ich denke da zum Beispiel an das iPad, mit dem ich gerne fernsehe. Auch im Wohnzimmer bleibt nicht alles beim Alten: Die parallele Nutzung verschiedener Medien nimmt zu – und auch hier spielen Smartphones und Tablets eine grosse Rolle.

Auf dem Sofa wird weniger gefaulenzt.
Das sieht so aus. Es ist nicht nur Fernsehen, das von hier aus genutzt wird. Hier geht es auch um Kommunikation: Facebook, Twitter, SMS und so weiter.

Der TV-Konsum unterwegs auf dem Smartphone und Tablet wird keine grosse Rolle spielen?
So würde ich das nicht sagen. Mobile Nutzung unterwegs hat ihren Platz, vor allem beim Abruffernsehen und bei Events, die ich nicht verpassen will. Die Nutzung im Wohnzimmer wird aber nach wie vor im Vordergrund stehen.

Welche Chancen hat Ihrer Meinung nach Smart TV, also der Einsatz von Apps auf dem Fernseher?
Apps werden auch auf dem Fernseher ihren Platz finden. So richtig spannend wird es aber erst, wenn wir die herkömmliche Fernbedienung mit ihren Beschränkungen loswerden. Und das wird dann geschehen, wenn wir den Fernseher mit einer App auf unserem Smartphone oder Tablet bedienen können. Die ersten Geräte gibt es schon, die dieses Bedienkonzept umsetzen. Hier ist aber noch viel Arbeit nötig, bis das mit jedem Fernseher funktioniert.

Bei Amazon, im iTunes-Store von Apple oder bei Netflix sind gegen Bezahlung TV-Inhalte jederzeit und unabhängig von Programmschemata verfügbar – egal ob für den Fernseher oder den Computer. Das muss Sie ernsthaft beunruhigen.
In den USA spielt das bereits eine deutlich messbare Rolle – im deutschsprachigen Raum eher noch nicht. Aber es ist völlig klar, dass dem Fernsehen hier neue Konkurrenz erwächst.

Vor allem Youtube ist den TV-Sendern ein Dorn im Auge, weil sie da die Kontrolle über ihre Inhalte verlieren.
Wir haben kein Problem mit Youtube. Auf unseren Youtube-Kanälen sind wir lediglich durch unklare urheberrechtliche Fragen beschränkt.

Seit Monaten wird darüber spekuliert, dass Apple mit einem eigenen Fernseher auf den Markt kommt. Was erwarten Sie?
Wer hätte vor dem iPhone gedacht, dass Apple eines Tages die Handy-Welt umkrempeln wird? Bei der intuitiven Bedienung hat das Unternehmen viel Erfahrung. Aber beim Einstieg ins TV-Content-Geschäft geht es nicht nur um Bedienbarkeit und Eleganz, sondern um handfeste geschäftliche Fragen.

Es geht um grosse Summen im Werbegeschäft...
...um Pay TV, um etablierte Geschäftsmodelle, ja. Nur wenn Apple hier die grossen Akteure ins Boot holen kann, könnte das TV-Projekt Erfolg haben. Sonst bekommt das Unternehmen die gleichen Probleme wie sein Konkurrent Google in den USA – dann sperren nämlich die Fernsehsender einfach seine Inhalte.

Das ZDF betreibt erfolgreich eine Mediathek. Wie sieht der typische Nutzer aus?
Der wichtigste Teil der Mediathek heisst «Sendung verpasst». Und das beschreibt auch schon den typischen Nutzer. Die meisten Abrufe haben wir am Abend, zur klassischen Primetime. Es sind Zuschauer, die zum Beispiel gerne das «Heute-Journal» schauen wollen – aber nicht um 21.45 Uhr, sondern eben erst um 22.30 Uhr.

In den Archiven der TV-Sender befindet sich ein riesiger Material-Schatz aus vergangenen Jahrzehnten. Warum nimmt zum Beispiel das ZDF alte Serien nicht in die Mediathek auf?
Das liegt an den Urheberrechten. Nehmen wir zum Beispiel den Krimi «Derrick». Als in den 70er-Jahren die Verwertungsverträge geschlossen wurden, galten diese nur für die damals verfügbare Technik. Für die Ausstrahlung im Internet müssen wir neu verhandeln, also im Extremfall mit den Erben der Darsteller und der Autoren das Gespräch suchen. Das ist aufwendig und aus Gebühren nicht finanzierbar. Wir prüfen zurzeit aber, ob wir nicht über unsere kommerzielle Verwertungstochter ZDF.enterprises hier ein für den Nutzer kostenpflichtiges Angebot machen können.

Dies alles dürfte nur der erste Schritt in die Web-TV-Zukunft sein. Wie sieht das Fernsehen in zehn Jahren aus?
Immer noch ähnlich wie heute – so schnell ändert sich das Nutzungsverhalten nicht. Aber es wird noch mehr Kanäle geben, und damit weniger Zuschauer pro Kanal. Die Konkurrenz durch Abruffernsehen nimmt zu – und ganz allgemein durch Bewegtbildangebote im Internet. Und es werden Sendungen ausgestrahlt, um die herum eine Community aufgebaut wird – die also dann nicht mehr nur im Fernsehen gesehen werden, sondern Teil einer medienübergreifenden Erlebniswelt sind.

Erstellt: 02.12.2011, 12:36 Uhr

«Es ist völlig klar, dass dem Fernsehen hier neue Konkurrenz erwächst»: Robert Amlung.

Zur Person

Robert Amlung stieg nach seinem Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin und München und nach dem Abschluss der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule München als Redaktor bei «Arte Aktuell» ein. Er war verantwortlich für den Aufbau und die Leitung der Internet-Redaktion der «Tagesschau». 2001 wechselte er zum ZDF. Seit 2008 ist er als Mitglied der ZDF-Geschäftsleitung für Digitale Strategien zuständig.

Infobox

Das ZDF hat im September die Mediathek-App für iOS und Android lanciert. Der öffentlich-rechtliche TV-Sender bietet seit 2007 seine ausgestrahlten Sendungen in der eigenen Online-Mediathek an.

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