Exklusiv-Interview

«Über fünf Ecken kam dann das Treffen zustande»

Und plötzlich steht er im Fokus der Öffentlichkeit: Informatikstudent Denis Simonet, Präsident der Schweizer Piratenpartei, über sein Treffen mit Wikileaks-Chef Julian Assange und die Angst vor Amerika.

«Man tut Assange unrecht, wenn man ihm unredliche Intentionen unterstellt»: Denis Simonet, Präsident der Schweizer Piratenpartei (rechts). Daneben: Vizepräsident Pascal Gloor.

«Man tut Assange unrecht, wenn man ihm unredliche Intentionen unterstellt»: Denis Simonet, Präsident der Schweizer Piratenpartei (rechts). Daneben: Vizepräsident Pascal Gloor. Bild: Keystone

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Der 24-jährige Denis Simonet studiert Informatik in Bern. Am 12. Juli 2009 wurde Simonet zum Präsidenten der Piratenpartei Schweiz gewählt, am 5. Dezember 2009 an der ordentlichen Piratenversammlung bestätigt.

Der Bieler gehört zu den stärksten Unterstützern der umstrittenen Enthüllungsplattform Wikileaks. Vor einem halben Jahr hat er die Seite Wikileaks.ch registrieren lassen, kürzlich kam es zu einem Treffen zwischen Wikileaks-Gründer Julian Assange und Denis Simonet.

Denis Simonet, Sie haben den Wikileaks-Gründer persönlich kennengelernt. Wer ist Julian Assange?
Er ist so, wie er sich in der Öffentlichkeit gibt: ein Verfechter der Wahrheit, der von den Regierungen grösstmögliche Transparenz fordert....

...der sich selber aber sehr verschlossen zeigt.
Aus gutem Grund. Der Bürger hat ein Recht auf Privatsphäre, der Staat aber ist für den Bürger da. Er darf seine Bürger nicht anlügen. Assange hat sich bislang immer für dieses Prinzip eingesetzt. Er macht nur öffentlich, was öffentlich sein muss. Fehler oder Vergehen von Privaten, die an ihn weitergeleitet werden, hat er meines Wissens nicht veröffentlicht. Auch wir von der Piratenpartei treten ein für den Schutz der Privatsphäre von Privatpersonen.

Warum war Wikileaks.ch am Freitag lange nicht erreichbar?
EveryDNS, ein Hoster in den USA, fühlte sich dazu veranlasst, den Service für Wikileaks.org einzustellen. Es musste eine neue Adresse her. Die Wahl von Wikileaks fiel auf den Schweizer Domain. Ich wurde davon genauso überrascht wie alle anderen. Das Problem: Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt ebenso bei EveryDNS. Es war eine Frage von Stunden, bis auch Wikileaks.ch gesperrt wurde. Es dauerte dann zwei Stunden, bis wir 10 Nameserver bei 5 Hostern in der Schweiz fanden, die nun gemeinsam 4000 DNS-Abfragen pro Sekunde bewältigen. Seither funktioniert die Weiterleitung einwandfrei. Das Interessante ist eigentlich, dass es Wikileaks.ch seit einem halben Jahr gibt. Bis vor kurzem aber hat das niemanden interessiert. Das Medieninteresse kam, als Wikileaks die Domain Wikileaks.ch per Twitter ankündigte.

Sie haben Julian Assange kürzlich in Genf getroffen. Warum?
Assange hat erzählt, dass er eventuell in der Schweiz Asyl beantragen wird. Wir haben gefunden: Wir helfen ihm. Über fünf Ecken kam dann das Treffen zustande. Wir sprachen aber nicht über Wikileaks, sondern nur über rechtliche Fragen des Asylwesens und über das politische System Schweiz.

Warum habt Ihr nicht über Wikileaks gesprochen?
Assange gab zu technischen Wikileaks-Details wenig preis, dafür sprach er viel über die Philosophie von Wikileaks. Man tut Assange unrecht, wenn man ihm unredliche Intentionen unterstellt.

Zum Beispiel, dass er mit seinen Publikationen der Weltpolitik schadet.
So ein Unsinn. Es gibt nichts Öffentlicheres als offizielle Vertreter von Regierungen. Wenn Wikileaks offenbart, was hier schiefläuft, ist das ein grosser Beitrag an die Menschheit. Unser Pressesprecher Raffi Herzog sagt: «Plattformen wie Wikileaks schaffen Transparenz, jeder Bürger kann die wahren Beweggründe für Entscheidungen nachvollziehen und das stärkt letztlich die Demokratie.» Dem stimme ich zu. Denn Wikileaks deckt keine Geheimnisse auf, sondern die Lügen der Mächtigen.

Julian Assange ist in Schweden der Vergewaltigung angeklagt.
Wir unterstützen Wikileaks, indem wir Julian Assange beraten. Wichtig ist, dass wir ihn nicht als Privatperson, die der Vergewaltigung angeklagt ist, unterstützen. Diese Sache geht uns nichts an.

Wikileaks soll schon ein paar Mal gehackt worden sein. Wissen Sie, von wem?
Nein, wie gesagt, in solchen Sachen ist Assange sehr zurückhaltend.

Haben Behörden und Regierungen eine Chance gegen Wikileaks?
Kaum. Am Wochenende gab es eine internationale Telefonkonferenz vieler Piratenparteien. Wir haben beschlossen, Wikileaks zu unterstützen, indem wir dafür sorgen, dass Wikileaks auf internationaler und mehrfach gespiegelter Infrastruktur verfügbar bleibt.

Was heisst «gespiegelte Infrastruktur»?
Spiegelung heisst: Die Infrastruktur ist weltweit so aufgebaut, dass die Löschung oder die Blockade einzelner Teile keine Auswirkungen auf die gesamten Informationen hat. Die Spiegelungen werden dafür sorgen, dass die Veröffentlichung der diplomatischen Depeschen aus den Vereinigten Staaten weiter geführt werden kann und die bisherigen Veröffentlichungen online bleiben. Die Infrastruktur, die die Piraten international nun bereitstellen, stellen nicht mehr nur eine Weiterleitung auf Wikileaks dar, sondern beinhaltet nun deren kompletten Inhalt. Acht Parteien aus aller Welt unterstützen dieses Projekt und täglich kommen neue hinzu.

Und wie sieht der Beitrag der Schweizer Piratenpartei aus?
Wir beteiligen uns mit einem so genannten Load Balancer (Lastverteiler), aber hosten selber keinen Content.

Sie sind ein einfacher Informatikstudent und stehen plötzlich im Rampenlicht. Wie gehen Sie damit um?
Wir, die Piratenpartei, werden jetzt endlich ernst genommen. Die Leute sehen, dass wir keine skurrile Einthemenpartei sind, sondern dass «Digitalpolitik» alle betrifft: Es geht um Überwachung, Urheberrecht, Datenschutz, Partizipation, Bildung und letztlich Demokratie an sich.

Assange gibt an, bedroht zu werden. Haben Sie Angst?
Wovor denn? Die Registrierungsstelle Switch und das Bakom haben bestätigt, dass es aus ihrer Sicht keine Veranlassung gibt, zu handeln. Wenn man sich im Rahmen der Gesetze bewegt, gibt es keinen Grund, sich zu fürchten. Und wenn man uns einen Richter auf den Hals hetzen will – nur zu. Er wird einen schweren Stand haben.

Wie hält sich die Piratenpartei finanziell über Wasser?
Mit Spenden. Wir sind da absolut transparent, das kann man alles auf Piratenpartei.ch nachlesen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.12.2010, 10:38 Uhr

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«Hunderte von Todesdrohungen»

Nachdem mehrere Webbetreiber Wikileaks abgeschaltet haben, stellt die auf Enthüllungen spezialisierte Internetplattform ihre Informationen zunehmend über eine Schweizer Adresse ins Netz. Aus Unterstützerkreisen von Wikileaks hiess es am Sonntag zudem, der Gründer der Organisation, Julian Assange, erwäge einen Asylantrag in der Schweiz.

Assange selbst wurde in der spanischen Zeitung «El Pais» mit den Worten zitiert, er habe «Hunderte von Todesdrohungen» erhalten. Einige seien auch gegen seine Kinder und Anwälte gerichtet gewesen.

Die meisten Zugriffe auf die Wikileaks-Seite kamen am Sonntag über die wikileaks.ch, die von der Schweizer Piratenpartei kontrolliert wird. Die teilte mit, es griffen pro Sekunde rund 4'000 Besucher auf die Wikileaks-Seite zu. Es würden zudem sogenannte Spiegel der Seite auf anderen Servern eingerichtet, so dass der Inhalt selbst dann im Internet bleibe, wenn die offizielle Wikileaks-Seite geschlossen werden sollte. (dapd)

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