Und welcher Facebook-Typ sind Sie?

Die einen legen ihr Intimstes offen. Andere profilieren sich als Meister der gewitzten Sentenz. 11 Charaktere, die fast jeder Facebook-Nutzer kennt - das Facebook-Freunde-Psychogramm.

Facebook-Statusmeldungen sagen viel über ihren Verfasser aus: Abermillionen Menschen inszenieren sich und ihr Leben.

Facebook-Statusmeldungen sagen viel über ihren Verfasser aus: Abermillionen Menschen inszenieren sich und ihr Leben. Bild: Keystone

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Weltweit nutzt eine halbe Milliarde Menschen Facebook. In der Schweiz haben über 2,3 Millionen ein Facebook-Konto. So weit die beeindruckenden Zahlen zur globalen Internetplattform. Ihr Gründer Mark Zuckerberg ist jetzt gar zum Kinostoff geraten.

Dem Durchschnitts-User ist Zuckerberg allerdings egal. Was ihn wirklich umtreibt, sind die eigenen Facebook-Freundinnen und -Freunde. Sie sind seine, wie der Soziologe sagen würde, Peer Group. Seine Bezugsgruppe. Die digitale Familie. Tag für Tag verkehrt der User mit seinen Freunden online. Er liest, was sie sagen. Gibt einen Kommentar ab. Verfasst einen neuen Eintrag.

Nimmt er Anteil am Community-Geschehen, fällt ihm bald etwas auf, was auch die Voyeure anzieht, die selber nicht aktiv werden: Stärker als im echten Leben nimmt auf Facebook jeder eine Rolle ein. Permanent fröhlich, dauergereizt, geistreich, hypertrendy, genderbewegt, negativ aus Prinzip: Die Facebook-Charaktere sind simpel gestrickt, vermutlich weil die Menschen dahinter nicht alles von sich zeigen wollen.

Nachstehend die wichtigsten Facebook-Typen in elf Psychogrammen.

1. Der Sprachlose

Weil Worte nicht sein Ding sind, er aber doch wahnsinnig gern in seinem Innersten erkannt würde, stellt der Sprachlose seine liebsten Musikstücke ins Netz. Meist geschieht das in Form von Youtube-Links. Ein Link führt zum Beispiel zum Song «Thrasher». Wenn Neil Young singt: «Ich verbrannte meine Kreditkarten fürs Tanken. Und ich fuhr dort hinaus, wo das Pflaster sich in Sand verwandelt» – dann, ja dann sagen diese Worte alles über die Ausbruchsfantasien dessen, der sie bemüht. Genauso ist klar, dass jener andere Freund, der immer nur frühe Frank-Zappa-Stücke empfiehlt, den Sixties nie entkommen ist. Und wenn eine Frau, die man als menschlichen Kühlschrank kennt, auf Facebook portugiesischen Fado propagiert, weiss man: Aha, da schwelt eine namenlose Traurigkeit.

2. Der Platte

Man hat unter seinen Facebook-Freunden immer ein paar, die einem überlegen sind und die man Votum für Votum bewundert für ihre Formulierkraft und Coolness. Es gibt aber auch das Gegenteil: den Platten. «Ich koche Hörnli mit Käse», teilt er mit. Er ist banal, weil das seine Natur ist. Oder er ist – Spezialfall – banal, weil ihn das Übermass an Geist anderer verängstigt. Jedenfalls besteht sein Beitrag ans Gruppenleben in der Regel aus Momentbeschreibungen. Aus Ich-Mitteilungen ohne intellektuelle, seelische, spirituelle Tiefe. «Unterwegs ins Restaurant Pergola zum Entrecôte-Essen», «Lese spannenden Artikel über Mütter im Tagi», «Velofahrt nach Baden» sind Äusserungen dieser Flachspezies Mensch. Irgendwann wird er schreiben: «Ich sterbe.» Das ist es dann gewesen.

3. Der Lakoniker

Keinesfalls darf man den Platten mit dem Lakoniker verwechseln, auch wenn beide auf die ersten Äusserungen hin durchaus verwechselbar sind. «Interessantes Mittagessen»: So etwas schreibt der Lakoniker, der Wortkarge, aus Kalkül. Hakt man nach, ist er vorbereitet und fügt bei, dass er drauf und dran ist, einem deutschen Renommierverlag für die Abfassung des Sachbuchs «Die Linken – eine Beschimpfung» zuzusagen. Dieser Facebook-Charakter ist ein Reizer aus Prinzip. Er will, dass man sich um ihn bemüht, nur dann gibt er Dinge preis. Bisweilen ist es penibel, ihm die Fäden aus der Nase ziehen zu müssen. Aber schon kommt ein neuer Appetizer: «Ich weiss etwas unglaublich Peinliches über unseren hiesigen Herrn Nationalrat!» Am Lakoniker muss man einfach dranbleiben.

4. Der Mundartler

Vor allem Teenager tauschen sich im Dialekt aus. Hat man ein Göttikind oder sonst einen Jugendlichen unter den eigenen Facebook-Freunden, folgt man den juvenilen Dialogen fasziniert. Mit dem Verstehen ist man gefordert. Da publiziert eine 12-Jährige ein iPhone-Foto von sich in Berns Innenstadt: «Hüt eh riise Shoppingtour gmacht;). I love it.» Ihre beste Freundin schreibt zurück: «Schööööön bisch, miii Shaaazu.» Und wieder die Jungshopperin: «Pshhhttt, stimmt nid, miiir siii beidiii Troumfrouene.» Die Orthografie ist gewöhnungsbedürftig, reizt aber gleichzeitig den Ethnologen im erwachsenen User.

5. Der Exhibitionist

Kürzlich schrieb eine Facebook-Freundin im Netz (der Vorname ist in diesem Artikel geändert): «Habe Romain gestern verlassen, bin ausgezogen! Warum muss ich immer Alkoholiker als Partner haben?» Möchte man so etwas lesen? Nein, es ist der Terror der Intimität! «Ich will einen Mann, verdammt noch mal!», schreibt eine andere Facebook-Freundin. «Hey, du hattest einen und hast mich rausgeworfen!», gibt einer fünf Minuten später zurück. Manche Leute sind im klinischen Sinn unempfindlich für das Private. Ihr Peinlichkeitssensor ist verkümmert. Sie legen auf Facebook ihr Innerstes offen. Sogar Dinge wie, dass sie keine Kinder kriegen können: «Retortenmanitu, bring jetzt bitte das Baby!»

6. Der Promoter

«Gestern abend Lesung von Burkhart Spinnen, danach in der Bar Schleiser grossartige Diskussion über die Chancen deutschsprachiger Avantgarde-Erzähler»: So eine Mitteilung ist okay; wer mag Kultur nicht? Wenn der Facebook-Freund aber Tag für Tag nichts anderes tut, als allen Leuten mitzuteilen, mit welchem Schriftsteller er wieder um die Häuser zog: öde. Und deshalb ist der Leiter eines österreichischen Literaturhauses derjenige Freund, den man bald wieder entfreundet. Soll der Promoter seine Berufserlebnisse doch gefälligst woanders platzieren! Das Gleiche gilt für den Aargauer Kleinkunstveranstalter, der nur Einladungen zu seinen Kelleranlässen verschickt: «Morgen beschwingte Soirée im hinteren Gewölbe mit Aernschd Born.»

7. Der Alltagshumorist

Manche Leute machen aus ihrem Leben einen Roman wie vom Popliteraten Nick Hornby. Oder einen Eva-Comic. Dieser Typus Freund schafft es, einen durch seinen Witz und seine Beschreibungskraft zu fesseln: «Musste die San-Pellegrino-Flasche tatsächlich mit einer Säge öffnen.» Hübsch plastisch die folgende Szene: «Kind und Katze versuchen grad, eine Maus wieder einzufangen. Grosses Home Cinema. Wie im Alten Rom.» Und schmunzeln muss man ob der Bemerkung: «Heute morgen: Was für ein schönes Kompliment kurz vor meinem 30.! Ich kaufe drei Flaschen Rotwein, und die Verkäuferin sagt: Dürfte ich bitte Ihren Ausweis sehen!» Nicht übel auch die folgende Anekdote: «Stehe in Glarus am Kiosk. Eine Frau um die 65 kauft ein Heftli. Da kommt eine andere Frau um die 65, offenbar ihre Schwester, und sagt zu ihr: Aha, da bisch. S Mammi suecht di im Fall überall.»

8. Der Nöler

Was auch geschieht, der Nöler wendet es ins Düstere. «Sommaruga gewählt. Als ob das was ändert! In Bern geben die Chefbeamten den Ton an, das weiss jeder», sagt er nach der Bundesratswahl. Ist das Wetter gut, und der glückliche User schreibt: «Hurra! Heute speisen wir in Wollishofen direkt am See!», dann kommentiert der Nöler: «Es kommt eine Kaltfront. Geniesst das Draussenesssen, nachher wird’s eine Woche lang zehn Grad.» Auf die Replik des Glücklichen, er lebe im Moment, schiebt der Nöler nach: «Dann zieh für diesen Moment besser ein Rheumaleibchen an. Sonst kommt dein Ischias zurück.»

9. Der Süffige

Für den Süffigen ist Facebook ein Kunstort wie für den Alltagshumoristen, doch tendiert er zur höheren Weisheit oder mindestens zur sprichwortartigen Verdichtung. Zwei Kostproben: «Glück im Unglück ist, wenn die Verabredung ins Wasser fällt und man daher die Steuererklärung schafft.» Und: «Fang nie mit deinem Mann nachts Streit an, sonst wird er stundenlang staubsaugern.» Thomas Bernhard könnte den Satz geschrieben haben: «In Österreich haben sie überall Wohlfühlhotels und Komfortzimmer. Die Folterkammern scheinen nicht so gut zu laufen.»

10. Der Schräge

Eine Untergruppe der Süffigen sind die Schrägen, bei denen die Sentenz ins Absurde steuert. Einer verspöttelt Telefon-Helplines: «Die Schulung kann zu Schulungszwecken aufgezeichnet werden.» Eine andere Person mag das Makabre: «Bald ist wieder Eislaufzeit, ich habe vor, mir beim fünffachen Salchow sämtliche Knochen zu brechen.» Der Schräge ist ein Beobachter des Alltags mit feiner Nase fürs Kuriose oder gar Irre, für das Kafkaeske im Hier und Jetzt. Er hat die Kraft zum absurden Sprachspiel à la: «Zu Ostern wünsche ich mir eine Schokoladenvergiftung.»

11. Der Provokateur

Last, not least ist da der Provokateur, der anders als der Nöler nur zu ausgewählten Gelegenheiten zuschlägt. Jubilieren die kulturellen unter seinen Facebook-Freunden, dass die Zürcherin Melinda Nadj Abonji den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, schlägt er nach zwei, drei Stunden kollektiven Frohlockens zu und platziert den Kommentar: «Ich war vor Jahren mal an einer Art Trip-Hop-Lesung mit ihr. Selten war Avantgarde so verkrampft! Mein Verdacht ist, dass sie nur gewonnen hat, weil die Kritiker das Denken einstellen, wenn jemand mit einer multikulturellen Biografie winkt. Eine Ungarin zwischen Vojvodina und Zürcher Szene macht den vertrockneten Germanisten Eindruck. Bin gespannt, was sie schreibt, wenn sie ihr Leben fertig ausgebeutet hat.» Hups, erinnert man sich korrekt, hat man selber das vor kurzem so abgesondert? Man ist also auch eine Figur auf Facebook – dem Comicstrip zum wahren Leben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2010, 21:23 Uhr

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