Unverhandelbare Härte traf depressiven Swartz

Im Fall Aaron Swartz, dem begabten Programmierer, der sich vergangenen Freitag das Leben nahm, werden neue Details bekannt. Familie und Freunde sprechen von Überreaktion der Justiz.

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Sympathisanten sahen ihn als modernen Robin Hood. Im Jahr 2010 hatte Aaron Swartz das Computer-Netzwerk des Massachusetts Institute of Technology (MIT) dazu benutzt, rund fünf Millionen akademische Artikel herunterzuladen und frei zugänglich zu machen. Der Staatsanwalt sah in diesem Akt nichts Freiheitskämpferisches. Es gebe keinen Unterschied zwischen einem Einbruch mit der Brechstange und einem mit der Computer-Tastatur, sagte er laut einem Bericht des «Wall Street Journal». Deshalb wollte er Swartz wegen Diebstahls und anderer Vergehen für 35 Jahre hinter Gitter bringen, zusätzlich zu Bussen über eine Million Dollar. Vergangene Woche erhängte sich der als Computer-Genie bezeichnete junge Mann in seiner Wohnung.

Übereifrig und einschüchternd

Damit gerät nun die Staatsanwaltschaft in die Kritik. Denn obschon das MIT nie Anklage erhob und es Swartz nicht um Diebstahl, sondern darum gegangen sei, die Artikel frei zugänglich zu machen, wie sein Anwalt gegenüber dem WSJ sagte, begannen die Behörden im Fall zu ermitteln und erhoben schliesslich Anklage. Vergangenen Herbst diskutierten Staatsanwaltschaft und Verteidigung einen möglichen Deal, aber die Behörden zeigten sich unnachgiebig. Im September fügten sie zu den ursprünglichen Anklagepunkten noch 13 weitere an, welche zu noch längeren Haftstrafen hätten führen müssen. Laut Verteidigung hätte sich Swartz in jedem einzelnen Punkt für schuldig bekennen müssen. Dies hätte aber zur Folge gehabt, dass auch einige von Swartz' Freunden belangt worden wären. Da spielte es auch keine Rolle, dass das MIT die fragliche Datenbank und die entsprechenden Artikel inzwischen öffentlich zugänglich gemacht hat.

Die Unnachgiebigkeit der Staatsanwaltschaft sei für den unter Depressionen leidenden Swartz besonders belastend gewesen, so sagte seine Freundin Taren Stinebrickner-Kauffman in einem Interview. Denn das hätte bedeutet, dass der anstehende Prozess grossen öffentlichen Widerhall finden und seine Freunde in Mitleidenschaft ziehen würde. Ausserdem hätte er Gelder finden müssen, um einen solchen Prozess zu finanzieren, dies habe ihn sehr belastet. Swartz' Familie und Freunde publizierten ein Statement, in dem sie festhalten, Swartz' Tod sei nicht bloss eine persönliche Tragödie, sondern «Resultat einer Justiz, in der Einschüchterungen und Übereifer der Strafverfolgung weitverbreitet sind.»

Rolle des MIT wird untersucht

Ebenfalls kritisiert wird die Rolle des MIT in dem Fall. Die Non-Profit-Organisation JSTOR, welche die gehackte Datenbank für das MIT betrieben hatte, gab bekannt, man habe den Behörden mitgeteilt, dass man Swartz nicht belangen wolle. Das MIT aber habe sich nicht für Swartz starkgemacht. L. Rafael Reif, Präsident des MIT, erklärte am Sonntag in einer E-Mail, dass er die Rolle seines Instituts im Fall untersuchen werde.

Aaron Swartz galt als Computer-Genie. Als Teenager half er mit, die RSS-Technologie zu entwickeln, ein System, das Lesern in den Anfangszeiten von Web-2.0-Updates ermöglichte, Updates zu abonnieren. Er verliess die Universität, um ein Start-up-Unternehmen zu gründen, das bald von der Firma Reddit aufgekauft wurde. Swartz machte sich schon früher dafür stark, dass Inhalte auf dem Netz für alle frei zugänglich sein sollten, und hackte bereits vor dem MIT-Vorfall Websites, wurde aber nie dafür belangt. Im Herbst 2011 aber wurde er verhaftet und unter Anklage gestellt. Doch der Druck, den bald beginnenden Prozess durchstehen zu müssen, war zu viel für Swartz. (mcb)

Erstellt: 14.01.2013, 10:51 Uhr

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