Von der Lese- zur Internetsucht

Handys, Computerspiele und das Internet zerstören den Sinn für die Realität und machen Jugendliche zu amoklaufenden Zombies, sagen sich viele über 40-Jährige. Ähnliches dachte man früher über Bücher.

In der virtuellen Welt: Ein Internetcafé in Tokio.

In der virtuellen Welt: Ein Internetcafé in Tokio. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wochenlang! Mädchen (13) vergewaltigt und mit dem Handy gefilmt», lautet die Schlagzeile, mit welcher der «Blick» am 17. November 2006 über einen Fall berichtet, der – länger als nur wochenlang – unter dem Titel der «Massenvergewaltigung von Seebach» die Schweizer Öffentlichkeit bewegen wird.

«Die Mutter sah das Video der gequälten Tochter», meldet das Boulevardblatt am darauffolgenden Tag; die Leser müssen indessen mit einer analogen Skizze vorliebnehmen: «So sieht ‹Blick›-Zeichner Urs Maltry die Vergewaltigung der 13-jährigen Schülerin Michelle», lautet die Unterzeile. Und unmittelbar unter diesem Buntstiftporno fragt ein Artikel: «Wie gefährlich ist das Internet? Haben sich die jungen Vergewaltiger im Internet aufgegeilt?»

Die politische Antwort gibt gleich auf der nächsten Seite der Zuger Ständerat Rolf Schweiger: «Handy-Pornografie gehört verboten.» (Im Juni 2007 überweist der Ständerat eine entsprechende Motion; der Bundesrat – vertreten durch Christoph Blocher – lehnt sie als unverhältnismässig ab. Es ist zu lesen, der Bundesrat sei in dieser Frage gespalten.)

Ein Lehrstück?

Ein Jahr nach dem Publikwerden des «Falls Seebach» wird deutlich, dass der Vorwurf der «Massenvergewaltigung» nicht zu halten ist. Bereits fünf Tage nach dem Publikwerden der «Massenvergewaltigung» hatte der «Tages-Anzeiger» geschrieben: «Nicht immer war es Gewalt. Die widersprüchlichen Aussagen im Seebacher Vergewaltigungsfall deuten darauf hin, dass die 13-jährige Schülerin auch freiwillig Sex mit einzelnen der (…) Burschen hatte.»

Diese Vermutung wird durch die einjährige Untersuchung schliesslich bestätigt, nachdem sie zunächst als sattsam
bekannter Versuch abgetan worden war, «das Opfer zum Täter zu machen». Der «Fall Seebach» mutiert damit zum Skandal pauschaler polizeilicher Vorverurteilung und einer kritiklosen Stimmungsmache in den Medien. Von insgesamt dreizehn Beschuldigten werden zwei wegen Vergewaltigung verurteilt, sieben Verfahren werden eingestellt, gegen vier Jugendliche werden Erziehungsverfügungen erlassen. Aus einem Lehrstück für
sexualisierte Jugendgewalt, in dem alles klar zu sein schien, ist eine komplexe, deprimierende Geschichte geworden, die sich kaum dafür eignet, jene Lehren zu veranschaulichen, die man bereits in den ersten zwei Wochen reflexartig aus ihr gezogen hat. (Dazu gehörten unter anderem die Forderung nach Sexualkunde für noch jüngere Schüler, die Einführung eines Ausbürgerungsgesetzes sowie ein Schulverbot für kriminelle Schüler schon bei kleineren Delikten.)

Gleichwohl taugt der Fall – gerade in seiner karikaturhaften Zuspitzung – als ausgezeichnetes Beispiel für das Funktionieren einer Diskursmaschinerie, die einzelne Ereignisse zu symptomatischen Erscheinungen umformt. Ein solcher Transformationsprozess impliziert notwendigerweise die Herstellung bestimmter Kausalzusammenhänge. Wenn wir den 20-jährigen Mehmet Batic, der mit übersetzter Geschwindigkeit durch die Luzerner Innenstadt fährt, als «Balkanraser» (statt als «Verkehrsrowdy» oder «Temposünder») bezeichnen, so enthält diese Kategorisierung gleichzeitig eine Theorie über die Ursachen seines Delikts. Jugendliche aus dem östlichen Südeuropa, könnte ein Experte uns erklären, seien geprägt durch ein Verständnis von Männlichkeit, das sie anfällig mache für gefährliches Imponiergehabe.

Diese Erklärung wiederum geht einher mit bestimmten Vorstellungen über die Prophylaxe dieses Verhaltens (man müsse bereits im Kindergarten solch problematische Rollenbilder korrigierend thematisieren) sowie mit Vorstellungen über eine möglichst wirksame Bestrafung (etwa Einziehung des Tatwerkzeugs als maximal abschreckende symbolische Kastration). Mit einer beliebten journalistischen Floskel gesagt: Mehmet Batic ist kein Einzelfall. Er ist zum Vertreter einer bestimmten «Menschenart» geworden (so nennt es der Philosoph Ian Hacking). Und entsprechend, das heisst gemäss den Vorstellungen über die Kausalverhältnisse, die in die Konstruktion dieser «Menschenart» eingeflossen sind, gehen wir mit ihm um.

Ein Gerät unter Generalverdacht

Was wäre gewesen, wenn einer der Seebacher Jugendlichen statt zum Handy zur analogen Super-8-Kamera gegriffen hätte, wie die Pioniere des Home-Pornos, oder, wie der «Blick»-Zeichner, zum Farbstift – könnte man sich vorstellen, dass der Ständerat auf Initiative Rolf Schweigers über ein Verbot analoger Filmkameras oder über Gewaltprophylaxe im Zeichenunterricht debattiert hätte?

Ursachenzuschreibungen, die in die Schaffung von «Menschenarten» wie des «jugendlichen Gewalttäters» eingehen, müssen an andere Diskurse anschlussfähig sein – in diesem Fall an einen sehr umfassenden Diskurs über die Schädlichkeit digitaler Medien und der durch sie verbreiteten Inhalte. Wobei der Verdacht schnell vom spezifischen Inhalt aufs Medium generell ausgedehnt wird. Wozu brauchen Kinder überhaupt Handys? Verursacht die Strahlung nicht ohnehin Hirntumore? Sind unsere Kinder nicht überhaupt viel zu sehr von all dem elektronischen Zeug um sie herum abgelenkt?

So hat auch der «Fall Seebach» zwar kein generelles Verbot der Handy-Pornografie hervorgebracht, wohl aber ein Handy-Verbot an vielen Schulen. (Es ist nicht ohne Ironie, dass solche Verbote inzwischen durch eine andere äusserst beunruhigende Form von «Jugendgewalt» wieder infrage gestellt werden: Während Amokläufen konnten Schüler dank ihrer Handys Hilfe herbeirufen und Kameraden warnen.)

War es in der Schweiz der «Fall Seebach», der die Gefahren einer Pornografisierung der Jugend durch digitale Medien zuoberst auf die gesellschaftlich-politische Traktandenliste setzte (neben der Frage der «Integration»), so war es in Deutschland vor allem der «Fall Winnenden», welcher der Forderung nach einem Verbot bestimmter Computerspiele – vor allem der «Ego Shooter Games» – immensen Auftrieb gab. Wenn es heute um (jugendliche) Gewalt geht, zählen Computerspiele und das Internet inzwischen zur ersten Garde der üblichen Verdächtigen. Warum ist das so?

Die Erklärung beunruhigender sozialer Phänomene geht geradezu naturwüchsig einher mit einer bestimmten Form von Gesellschafts- und Kulturkritik. Zu sagen, X sei ein Missstand und Y die Ursache von X, bedeutet in der Regel: So etwas wie Y sollte es eigentlich nicht geben, aber Y ist leider charakteristisch für unsere Gesellschaft. Die auf den Einfluss digitaler Medien fokussierende Konstruktion des Phänomens Jugendgewalt ist eben zugleich auch Ausdruck eines Unbehagens an der Digitalisierung unserer Lebenswelt – eines Unbehagens, das auch durch die schlichte Erinnerung an die Tatsache, dass die grausamsten Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts ganz ohne Computer zustande kamen, nicht aus der Welt geräumt werden kann.

Das Facebook des Lebens

Neue Kulturtechniken und damit verknüpfte neue soziale Phänomene sind der Stoff, aus dem neue Anthropologien und neue Kulturkritiken gemacht werden. Das Internet als sozialer Ort ist gerade einmal zwanzig Jahre alt (wenngleich seine Ursprünge natürlich weiter zurückreichen); aber es ist wohl kaum übertrieben, die Folgen seiner Erfindung mit denen des Buchdrucks zu vergleichen. Das Buch als Metapher der Welt hat mit der Erfindung des Internets an Überzeugungskraft rasant eingebüsst, und an seine Stelle ist das Netz getreten: Das Buch des Lebens ist zum Facebook des Lebens mutiert, zu einem seinerseits nur noch metaphorischen «Buch»; und wir sind nicht mehr nur dessen Leser, sondern zugleich auch noch dessen Autor sowie dessen Protagonist. Damit hat sich auch unser Verhältnis zur Realität verändert, unser soziales Leben und unser Verhältnis zu uns selber.

Und zwar auf dramatische Weise: Selbst 40-Jährige können sich noch an eine computerlose Kindheit erinnern, während für 20-Jährige das Internet immer schon eine Selbstverständlichkeit war. Kein Wunder, dass eines der wichtigsten Versatzstücke der Kritik an den elektronischen Medien lautet, dass unsere mit Computerspielen aufgewachsene Jugend nicht mehr zwischen wirklicher Realität und virtueller Realität unterscheiden könne. Der jugendliche Amokläufer, so wird erklärt, erlebe die Welt als Computersimulation.

Filme wie «Matrix» zeigen uns als negative Utopie eine Welt, deren Wirklichkeit als Ganze nur noch eine Einbildung ist und wo die Menschen Produkte und Sklaven der digitalen Maschine sind.
Die über 40-Jährigen werden vom Albtraum heimgesucht, die unter 20-Jährigen hätten ihre Seele längst an die «Matrix» verloren, mangels Erinnerung an die Zeiten, als es noch eine echte Realität gab. Oder, vom FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher so formuliert, dass es auch der Leser von «Bild online» versteht: «Das Internet vermantscht unser Hirn.» (Soziale Wissenschaft ist heutzutage Hirnwissenschaft.)

Endlosigkeit der Medienkritik

Postmoderne Literatur inszeniert gern das Aufmischen unserer Realität durch Lesewelten; denken wir an Michael Endes «Unendliche Geschichte» oder an Umberto Ecos «Im Namen der Rose», einen Roman, der davon handelt, wie ein Buch (Aristoteles Abhandlung über das Lachen) zum Auslöser von Mord und Totschlag wird. Solche Lektüren können wir (inzwischen) mit bildungsbürgerlichem Wohlgefallen geniessen, weil die Angst vor dem Realitätsverlust durch das Lesen nicht mehr unser Problem ist.

Das war nicht immer so. Cervantes’ «Don Quijote» von 1605/15 handelt von einem Mann, der die Welt der von ihm so leidenschaftlich verschlungenen Ritterromane nicht mehr von seinem Alltag unterscheiden kann und nun auf tragikomische Weise beide Welten zu einer einzigen Phantasmagorie vermischt. Noch sind Bücher kein Massenkonsumgut, und die Besorgnis, der Mensch könne sich suchtartig in den Welten der Bücher verlieren, ist lediglich selber Gegenstand literarischer Unterhaltung. Etwa zweihundert Jahre später wird aus satirischer Übertreibung reale Sorge. Es entsteht ein Diskurs, der unter den Titeln «Lesesucht» oder «Lesewut» vor den Folgen einer nicht mehr vernunftgemäss dosierten Lektüre warnt.

Die «Lesesucht», die auch vor prominenten Schriftstellern nicht haltmacht, ist die altehrwürdige Vorgängerin der «Internetsucht». Am 12. Juni 1792 berichtet der damals 19-jährige Ludwig Tieck (einer der späteren Übersetzer des «Don Quijote» ins Deutsche) in einem Brief an seinen gleichaltrigen Freund Wilhelm Heinrich Wackenroder von den Folgen einer nächtlichen, volle zehn Stunden dauernden Leseorgie. Nach der Lektüre von Carl Grosses Roman «Der Genius» habe er den ganzen folgenden «Tag nicht ausgehn, und mich kaum von einem Stuhle zum andern bewegen» können: «Dieser Vorfall hat die Besorgnis, die ich Dir schon ehedem mitgeteilt habe und die mir so fürchterlich ist, dass ich nämlich wahnsinnig werden möchte, um vieles vermehrt, und vieles wahrscheinlicher gemacht.»

Drei Tage später, am 15. Juni, antwortet Wackenroder seinem Freund, was er von diesem Anfall von Koma-Lesen hält: «Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! (…) Ein Buch, was alle Fantasie aufs äusserste umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt!»

Verschleimt und verstopft

Bereits ein Jahr vor diesem Briefwechsel hatte ein Karl Georg Bauer in seiner «gekrönten Preisschrift» mit dem Titel «Über die Mittel, dem Geschlechtstrieb eine unschädliche Richtung zu geben» vor dem exzessiven Lesen gewarnt:

«Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, mit einem Wort Hypochondrie, die bekanntermaassen bey beydem, namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentlich auf die Geschlechtstheile wirkt, Stockungen und Verderbniss im Bluthe, reitzende Schärfen und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper.»

Nur wenige Jahre später ist der Begriff der «Lesesucht» bereits in aller Munde – als Terminus technicus für eine Pathologie der Vermischung von Realität und Fantasie. Der Pfarrer Heinrich Zschokke (1821) widmet sich ausführlich diesem Thema in seinem populären Werk «Stunden der Andacht zur Beförderung wahren Christenthums und häuslicher Gottesverehrung»: «Die Lesesucht ist eine unmässige Begierde, seinen eigenen, unthätigen Geist mit den Einbildungen und Vorstellungen Anderer aus deren Schriften vorübergehend zu vergnügen. Man lieset, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern, sondern um zu lesen; man lieset das Wahre und das Falsche prüfungslos durcheinander, ohne Wissbegier, sondern mit Neugier. (…) Man gefällt sich in diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüssiggang, wie in einem träumenden Zustande.»

Das Auftauchen neuer Medien lässt die alten seriös werden – seit es das Fernsehen gibt, ist Kino Kultur geworden. Aber die alten Befürchtungen äussern sich nunmehr im Zusammenhang mit den neuen Möglichkeiten. Eine Tatsache ist und bleibt dabei offenbar schwer zu verdauen: dass die menschliche Fantasie die simple Konzeption eines Eins-zu-eins-Verhältnisses zwischen Zeichen und Wirklichkeit verkompliziert und somit Welten entstehen, die den einfachen Gegensatz von real und nicht real hinter sich lassen.

Peter Schneider (1957) ist Psychoanalytiker in Zürich, Privatdozent für Psychoanalyse an der Universität Bremen und Kolumnist, u. a. für den «Bund». Sein Aufsatz erschien zuerst im Buch zur Ausstellung «Home», hrsg. vom Stapferhaus Lenzburg, hier + jetzt, Baden 2010.

Erstellt: 30.10.2010, 09:05 Uhr

Artikel zum Thema

Sie sind internetsüchtig, wenn...

Laut einer neuen Studie sind vier Prozent aller Jugendlichen exzessive Computernutzer. Sind auch Sie internetsüchtig? Klicken Sie sich durch den Satire-Beitrag. Mehr...

Elektroschocks für Online-Junkies

Mit drastischen Methoden rücken Ärzte in der Volksrepublik China der Internetsucht von Jugendlichen zu Leibe. Mehr...

Blogs

Geldblog So machen Sie mehr aus Ihrem Vorsorgegeld

Sweet Home Mehr als Fensterkleider

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Wasser marsch! Die Feuerwehr bekämpft einen Brand auf dem Gelände einer Abfallentsorgung im österreichischen Mettmach. (16. Juli 2019)
(Bild: APA / Manfred Fesl) Mehr...