Warum der Amazon-Chef eine Zeitung kauft

Jeff Bezos, der Amazon-Gründer, hat mit dem Kauf der «Washington Post» manchen Beobachter überrascht. Was sind seine Gründe? Die Antworten von Experten und US-Medien.

Verkauft: Die «Washington Post» berichtet über den neuen Eigentümer. Foto: Keystone

Verkauft: Die «Washington Post» berichtet über den neuen Eigentümer. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wir müssen erfinderisch sein und darum experimentieren», schrieb Jeff Bezos an die Angestellten der «Washington Post». Was er damit genau meint und was seine Absichten sind, liess er offen. Kaufte er die «Post» wie andere Milliardäre Picassos oder Fussballclubs oder ist für ihn die Zeitung mehr als eine blosse Trophäe oder ein Hobby? Diese Frage beschäftigt Kommentatoren und Experten. Ein Überblick:

Der Facebook-Mitgründer Chris Hughes, der inzwischen Eigentümer, Herausgeber und Chefredaktor des Magazins «New Republic» ist, schreibt: «Niemand hat bis jetzt die Formel gefunden, um traditionelle Medien in eine profitable Zukunft zu führen. Aber Bezos hat eine alte Weisheit verstanden: Die Marke ist zentral.» Ganz egal, wie die Medien der Zukunft aussehen würden, eine etablierte Marke als Qualitätsgarant sei unverzichtbar.

Bob Woodward, der 1972 in der «Washington Post» die Watergate-Affäre aufdeckte und immer noch für die Zeitung arbeitet, äusserte sich in einem TV-Interview zu den Chancen der Übernahme. Bezos sei zwar kein Rupert Murdoch, aber, was die Zukunft angeht, zweifelt auch Woodward am Status quo: «Wenn ein Geschäft ineffizient läuft, ist es das Nachrichtenbusiness. Wir müssen aufgerüttelt werden.»

Kritischer beurteilt der Technologie-Blog Gigaom den Kauf: «Bezos tut, was alle Grossunternehmer tun, sie kaufen sich Massenbeeinflussungsinstrumente.» Die Übernahme könne durchaus auch als Signal ans politische Washington verstanden werden.

Die «New York Times» rechnet nicht mit schnellen Änderungen, sieht aber längerfristig eine gute Gelegenheit für einen Reboot der «Washington Post».

«USA Today» sieht den Kauf der «Washington Post» in einer längeren Reihe von Zeitungen, die von Milliardären gekauft wurden. Einer der Vorteile von Milliardären sei, dass sie nicht sklavisch auf Börsenkurse achten müssen.

Dass Bezos weiss, was er tut, und nicht kopflos auf Einkaufstour geht, kommentiert «Techcrunch»: «Wahrscheinlich spielt Bezos Schach, während wir noch versuchen, zu verstehen, wie er Dame spielt.» Genauso wie die tiefen Gewinne, die Amazon abwirft, verleite der aktuelle Kauf zu voreiligen Schlüssen.

Der Tech-Blog The Verge spekuliert, was die ersten Züge in diesem Schachspiel sein könnten. Gibt es demnächst mehr kürzere Artikel oder weniger Journalisten? Von Ersterem sei Bezos ein Befürworter und mit Letzterem könne er sich gehörig die Finger verbrennen. The Verge vermutet weiter, dass Bezos das Unternehmen technologisch auf den neusten Stand bringen werde, was laut internen Quellen dringend nötig wäre. Wie man ein Unternehmen mit Technologie auf Effizienz trimmt, hat er mit Amazon vorgeführt. Inwiefern sich dies mit einem traditionellen Medienunternehmen wiederholen lässt, wird spannend zu beobachten sein. (zei)

Erstellt: 07.08.2013, 14:08 Uhr

Bildstrecke

Artikel zum Thema

Der Verleger mit dem eigenen Raumschiff

Porträt Amazon-Gründer Jeff Bezos prophezeit der gedruckten Zeitung den schleichenden Tod – nun kauft er sich die altehrwürdige «Washington Post». Das Porträt eines ungewöhnlichen Milliardärs. Mehr...

Coup in der Medienbranche: Bezos kauft «Washington Post»

Wie ein Donnerschlag traf es die amerikanische Hauptstadt: Jeff Bezos, Gründer und Chef des weltgrössten Online-Kaufhauses Amazon, hat für 250 Millionen Dollar die traditionsreiche Tageszeitung «Washington Post» gekauft. Mehr...

Amazon investiert auf Kosten des Gewinns

Der US-Onlinehändler erreichte im ersten Quartal einen Umsatz von über 16 Milliarden Dollar, was einer Steigerung von 22 Prozent entspricht. Der Gewinn ging hingegen um 37 Prozent zurück. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...