Warum ich das Internet hasse

«Magazin»-Kolumnistin Nina Kunz kann nach zehn Jahren Online-Sein nicht mehr richtig denken. Gibt es einen Ausweg?

«Oft bleibe ich morgens nach der Dusche so lange auf dem Bett, bis meine Haare wieder trocken sind.» Foto: Getty Images

«Oft bleibe ich morgens nach der Dusche so lange auf dem Bett, bis meine Haare wieder trocken sind.» Foto: Getty Images

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«Ich hasse dieses Internet» – so heisst ein Buch des amerikanischen Schriftstellers Jarett Kobek, das 2016 erschienen ist. Und ich muss zugeben, ich habe es nicht gelesen. Ich habe keine Zeit mehr, um Bücher zu lesen, schliesslich vergeude ich meine Zeit im Internet.

Ich hasse dieses Internet. Diesen Satz habe ich einfach so geklaut, obwohl ich nicht mal das Buch gelesen habe, aber das ist okay. Im Internetzeitalter darf man einander nämlich die Ideen klauen. Man muss es dann einfach «zitieren» oder «sharen» nennen oder altklug von der «postmodernen Remix-Kultur» sprechen, und so ist es fein, das Klauen. Auch darum hasse ich dieses Internet.

Ich hasse dieses Internet, weil es mich zu einem fahrigen Trottel gemacht hat. Ich habe verlernt, richtig zu lesen. Und damit meine ich, einen Text sorgfältig durchzugehen, von oben links nach unten rechts, Satz für Satz, Idee für Idee. Stattdessen habe ich mich in eine potente Scanningmaschine verwandelt, die sich einen Zeitungsartikel anschauen kann, nach Keywords sucht und innert Sekunden den Inhalt des Geschriebenen halbwegs wiedergeben kann – ohne selbst mitzudenken. Das Schlimmste daran ist aber, dass das Scannen im Gegensatz zum Lesen überhaupt keine Freude macht, wie halt vieles, was man einer Produktivitätslogik unterwirft.

Wenn ich morgens aufstehe, scrolle ich als Erstes durch meine Feeds, immer dem gleichen Ablauf folgend.

Ich höre jetzt schon, wie die Ersten einwenden: «Aber im Internet hat es doch vor allem Katzenvideos und dämliche Challenges wie die mit dem Planking, und erinnerst du dich nicht an den Harlem Shake?» Logisch erinnere ich mich daran, aber so wie ich das sehe, ist das Internet inzwischen in zwei Pole geteilt: In den lustig-verblödeten und in den gehetzt-effizienten, der vergisst, dass wir Menschen und keine Maschinen sind. (Natürlich ist die Sache nicht ganz so schwarz-weiss, und im «echten Leben» würde ich das auch nie so formulieren, aber in der Twitterära braucht es halt steile Thesen, um gelesen zu werden.)

Der Kunstkritiker Kenneth Goldsmith hat in seinem Buch «How to waste time on the internet» die Idee formuliert, dass die Menschen heute nicht weniger konzentriert seien als vor fünfzig Jahren – und er plädiert dafür, dass wir Konzentration grundsätzlich neu denken: nicht als kontemplatives Dasitzen am Schreibtisch, sondern als gleichzeitiges Jonglieren von zig Informationen. Er meint also, dass auch in der Zerstreutheit des Webs – dem Scannen, Sharen und Chatten – eine Art Konzentration liegt. Ich verstehe ja, worauf er hinauswill, und ich finde nicht prinzipiell, dass früher alles besser war, denn früher war ja auch Tschernobyl und Schulterpolster – aber ich kann dieser Idee einfach nichts abgewinnen, weil mich das Digitale nur noch stresst.

Wenn ich morgens aufstehe, scrolle ich als Erstes durch meine Feeds, immer dem gleichen Ablauf folgend: zuerst Messenger, dann Mails, dann Instagram, dann Twitter. Auf der positiven Seite könnte man sagen, dass ich wohl noch nie so vernetzt war wie heute. War es in meinen Teenagerjahren noch so, dass ich auf Kosten der Zeit, die ich mit echten Freundinnen hätte verbringen können, Stunden auf Myspace verbriet, sind die sozialen Medien zu einem Facilitator für meine «echten» Beziehungen geworden. So schickt mir ein Freund jeden Morgen eine Sprachnachricht, um mir einen schönen Tag zu wünschen, und ich habe für jeden Freundeskreis einen Chat, in dem sich die Leute kurzschliessen, wer wo ist.

Auf der andern Seite ist es aber auch so, dass ich mich – gleich nach dem Aufwachen – nur so zumüllen lasse von Eindrücken: Kim Gordons Band hat neue Tourshirts, Sibylle Berg postet irgendwas Skurriles, Alexa Chung shoppt in einem Vintage-Laden, jemand war mit dem Kind Glace essen, ein Victoria-Secret-Model macht Urlaub, drei neue Likes, jemand hat mich in einer Story erwähnt. Und drüben bei Twitter befällt mich immer zuerst die Angst, die neusten Hashtags nicht zu verstehen, und oft muss ich tatsächlich ein paar «Skandale» googeln. Wer ist Axel Voss? Was war in der «Arena»? Oft bleibe ich morgens nach der Dusche so lange auf dem Bett liegen, bis meine Haare wieder trocken sind.

Nach zehn Jahren Internettortur kann ich nicht mehr nur einen Gedanken auf einmal denken. Mein Gehirn fühlt sich immer so an, als wären zehn Tabs gleichzeitig offen. Wenn ich an mein Gehirn denke, stelle ich mir keine rote, glibberige Masse vor, ich denke tatsächlich an meinen Browser. Im einen Fenster denkt es über Deadlines nach, im andern über einen Streit mit einer Freundin, im dritten überlegt sich eine innere Stimme, was man zum Abendessen kochen könnte, und im vierten toben die Selbstzweifel, weil ein Text nicht geraten will. Und das Fiese ist: Wenn ich mich nachts ins Bett lege, ploppen mental noch diese mühsamen Pop-ups auf. Aber es geht nicht um AGBs, sondern um Grundsatzfragen. Lebe ich richtig? Was bedeutet Glück? Wie geht Sterben? Wer hat das Internet erfunden?

Twittern statt CV schreiben

Ich hasse dieses Internet, weil ich ein Buch lesen könnte, aber bei einem Tweet hängen bleibe mit dem Spruch «Pretending to work is more stressful than working». Ich hasse das Web, weil ich das Altglas rausbringen will und dann doch ein Buzzfeed-Quiz mache zur Frage: «Welche Kardashian-Schwester bist du, basierend auf deinen liebsten Pizza-Toppings?» Ich verfluche mich, weil ich mir jeden Tag so viele Dinge anschaue, die mir keine Freude bereiten. Würde ich mit Marie Kondo meinen Feed ausmisten, müssten 99 Prozent der Sachen raus. Um ehrlich zu sein, würde ich gern alle meine Social-Media-Accounts löschen – tu es aber nicht, weil ich das Gefühl habe, sonst nicht richtig zu existieren.

Und das Ding ist: Ich würde tatsächlich nicht richtig existieren. Das rede ich mir nicht bloss ein. Klar wäre ich weniger gestresst – aber ganz ehrlich: Was nützt mir das, wenn ich dann nichts mehr von Partys und Podien mitkriege, weil alle Flyer auf Instagram gepostet werden? Was bringt mir Entspannung, wenn niemand mehr an mich denkt? Und was soll ich mit mehr Freiheit, wenn ich als freie Autorin keine Jobs mehr bekomme? Schliesslich sagte mir ein Arbeitgeber mal, er wolle keinen CV, er schaue lieber mein Twitter an.

Ich habe doch so viel zu tun. Keine Zeit für Internetsicherheit.

Dies gesagt: Ich hasse die Ungeduld, die mit der Reizüberflutung kommt. Auf Spotify drücke ich fast alle Songs nach einer Minute weg, da sie mich langweilen. Ich hasse das Internet, weil es mittlerweile tatsächlich Leute gibt, die sich ihre Feriendestination nach dem Kriterium aussuchen, wie «instagrammable» sie ist. Ich hasse es, weil sich alle so verhalten, als wären sie berühmt. Wie kommen die Leute darauf, drei Selfies am Tag zu posten? Warum haben sie das Gefühl, dass mich ihr neues Gym-Outfit interessiert? Ich weiss: Es ist nicht gerade einfallsreich, sich über Leute aufzuregen, die Fotos von Avocado-Toasts oder «inspirational quotes» teilen – man könnte sagen, es sei etwa so einfallslos wie Leute, die Fotos von Avocado-Toasts oder «inspirational quotes» teilen. Aber mein Gehirn ist leider so stumpf, dass es nichts mehr Originelles zustande bringt.

Jeder Aspekt meines Lebens wird vom Internet gesteuert. Ich habe keine Ahnung, mit wie vielen Informationen ich diese Algorithmen füttere, doch so viel kann ich sagen: Die Zalando-Empfehlungen werden immer besser. Während sie mir früher hässliche Collegesweater vorgeschlagen haben, wollen sie mir heute hübsche Leopardenmäntel andrehen. Meine Kreditkartennummer füllt es auf fast allen Websites von selbst aus. Ich bin die Schlimmste in Sachen Internetsicherheit. Ich weiss, ich sollte mich da einlesen, aber es ist so kompliziert und langweilig, und ich habe doch so viel zu tun mit all den Messages, die ich beantworten muss, und den Memes, die meine Freunde posten. Keine Zeit für Internetsicherheit. Und wenn ich nicht mehr reagieren mag auf all das Piepen, dann mach ich einfach Youtube auf und schaue mir Musikvideos der Rapper Deichkind an.

An ganz schlimmen Tagen gibt es auch das Phänomen des «Internet Voids». Es gibt nämlich so einen dunklen Schlund im Internet, der sich ab und zu auftut, meist am Samstag, wenn du nichts zu tun hast. Dann beginnst du irgendwo und googelst etwas, das dich interessiert («Was passiert im Körper, wenn du einen Monat lang nichts trinkst?»), und dann landest du bei einer Tierdoku über die Schildkröten von Galápagos – und über Kochrezepte für glutenfreie Bagels, gelangst du zu allen Musikvideos, die auf Youtube je zu toten Legenden hochgeladen wurden, und während draussen die Sonne wieder aufgeht, liegst du erschöpft auf deinem Bett und fragst dich, ob Falco wirklich tot ist oder ob er sich irgendwo ein schönes Leben macht, wie es in diesem wirren Blog stand?

Das Internet ist ein gefrässiges Monster, das alle meine Lebensenergie verschlingt – was schade ist, denn einst war die Grundstimmung hoffnungsvoll. So hatte etwa die Naturwissenschaftlerin und Feministin Donna Haraway die Utopie, dass uns das Virtuelle befreien wird. In ihrem berühmten «A Cyborg Manifesto» von 1985 formulierte sie die These, dass die Menschen im Technikzeitalter bald zu Cyborgs werden: Hybridwesen, die zugleich in der Realität und im Cyberspace leben. Sie stellte sich vor, dass in dieser Welt alle Dichotomien (Mann-Frau, Mensch-Maschine etc.) fliessend werden und so eine egalitäre Gesellschaft möglich wird. Denn: Wenn im Virtuellen alle Avatare aus Nullen und Einsen bestehen, wird es egal, welche Stellung jemand im «echten Leben» hat.

Es mänschelet

Und bis zu einem gewissen Grad hat uns das Internet ja auch befreit. Befreit von einer Öffentlichkeit, in der nur einige wenige zu Wort kommen. Alle haben die Chance, gehört zu werden. Das Internet ist die neue Strasse. Das Internet ist der Ort zum Diskutieren, zum Streiten, für Protest, für #aufschrei, für #MeToo, für #blacklivesmatter. Und nichts liegt mir ferner, als diesen Fortschritt kleinzureden. Was jedoch weder Haraway noch sonst jemand voraussehen konnte, war die Funktionsweise von Social Media. Da wird nämlich keine egalitäre Utopie geschaffen. Dadurch, dass man diese Profile mit dem eigenen Leben – dem anbiedernden Selfie, dem Beziehungsstatus, der politischen Meinung – füllt, verlagerten sich alte Rollenbilder und Vorurteile einfach ins Virtuelle. Auf Schweizerdeutsch würde man sagen: «Es mänschelet» – und das nicht im guten Sinne.

Das Frauenbild, dem ich im Internet begegne, ist etwa auf der Emanzipationsstufe von 1952.

Ich hasse das Internet, weil es mir das Gefühl gibt, zu langsam zu sein, zu schwach, zu wenig schön. Mein Feed konfrontiert mich konstant mit Dingen, die ich an mir bemängele, da ich so blöd bin, mir nur Fotos von Leuten anzugucken, die ich auf eine abgefuckte Art bewundere. Was konkret heisst: Dünne Frauen, die in Balenciaga-Outfits in die Kamera rauchen, oder solche, die mir zeigen, wie geil ihre Bauchmuskeln nach drei Stunden Power-Pilates aussehen. Allgemein ist das Frauenbild, dem ich im Internet begegne, etwa auf der Emanzipationsstufe von 1952. Zum Glück gibt es noch Margarete Stokowski und Reni Eddo-Lodge. Aber irgendwie haben die Netz-Feministinnen einen weniger bleibenden Effekt auf mein Hirn als Frauen mit Thigh Gap.

Ich hasse den Fakt, dass mir Likes ein gutes Gefühl geben. Ich hasse den Fakt, dass ich Angst habe vor der Stille und mich permanent mit Informationen berieseln lasse. Beim Kochen höre ich Podcasts, beim Joggen brauche ich die Nike App, und im Zug beantworte ich Mails. Ich hasse das Internet, weil man sich nicht mehr in einer Stadt verlaufen kann und allgemein glaubt, alles zu wissen. Ich hasse dieses Internet, weil es Informationen über Wissen stellt und wir die beiden ständig verwechseln. Wir leben im Zeitalter der Zweidimensionalität, weil die Funktionsweise des Internets die Tiefe, die Langsamkeit und das Widerspenstige, das dem Wissen von Natur aus anhaftet, gekillt hat.

Manchmal fühlt sich das Leben mit Internet an, als würde ich verhungern, obwohl mir die ganze Zeit jemand das Maul stopft. Besonders arg ist dieses Gefühl, wenn mir Dutzende Leute gleichzeitig Emojis schicken – und ich ihr Kommunikationsbombardement Sekunden später mit GIFs und achtlos getippten «Hahas» erwidere. Es ist wie mit Zuckerwatte: Das Chatten ist süss und gibt dir einen kurzen Rush, aber am Ende wird dir vermutlich übel. Es gibt Studien, die belegen, dass Menschen Zeit allein verbringen müssen, um empathisch zu sein – daher bin ich besorgt, wie schlecht ich mich mittlerweile selbst aushalte.

Ich hasse dieses Internet, weil ich immer nur sehe, was fehlt, an welcher Party ich nicht war, welchen Text ich noch nicht gelesen habe. Es schmerzt, dass ich offenbar all diese Dinge verpasse – und gleichzeitig verdumme. Immer wenn ich nichts zu tun habe, lade ich den Feed neu. Dabei hat Nietzsche mal gesagt, man müsse die Langeweile aushalten, um Kreativität zu erleben. Doch wie soll das gehen, wenn man 4G hat? Ich hasse das Internet, weil ich etwas Bleibendes schaffen will, aber doch nur Insta-Stories gucke. Ich hasse das Internet wegen seiner zwanghaften Ironie und Kylie Jenner. Ich hasse das Internet, weil ich Angst habe, dass ich in fünfzig Jahren sagen werde: Fuck, ich habe mein Leben online vergeudet. (Das Magazin)

Erstellt: 29.04.2019, 19:38 Uhr

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