Weniger abhängig von Apple und Google

Der Huawei-Bann zeigt, wie gross die Macht der US-Tech-Giganten ist. Was Nutzer dagegen tun können.

Kein Zugang zu Google mehr: Der chinesische Smartphonehersteller Huawei wird vom US-Telecom-Bann hart getroffen.

Kein Zugang zu Google mehr: Der chinesische Smartphonehersteller Huawei wird vom US-Telecom-Bann hart getroffen. Bild: Marko Djurica/Reuters

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US-Präsident Trump hat den Telekommunikationsnotstand ausgerufen und Huawei auf eine schwarze Liste gesetzt: US-amerikanische Unternehmen dürfen den chinesischen Hersteller nicht mehr mit ihrer Technologie beliefern. Dessen Telefone müssen in Zukunft ohne Google auskommen. Bereits verkaufte Geräte sollen weiterhin wie gewohnt funktionieren. Ob sie noch grosse Updates erhalten, steht bis jetzt in den Sternen.

Es ist nicht das erste Mal, dass digitale Technologie zum Spielball politischer Interessen wird. Die USA hatten für Verschlüsselungstechnik jahrelang Exportbeschränkungen in Kraft. Ohne diese Technologie wäre das heutige Internet nicht denkbar, weil weder Onlineshopping noch Kommunikation sicher stattfinden könnte. Erst die Clinton-Regierung hat im Jahr 2000 die harten Restriktionen gelockert.

Vorstellung von Red Flag Linux von 2005.

Abgesehen davon waren Betriebssysteme und die allermeisten Anwendungsprogramme frei nutzbar: Windows kam und kommt überall auf der Welt zum Einsatz, auch in China und Russland. Alternativen gibt es zwar: China entwickelte zwischen 1999 und 2014 mit gewissen Ambitionen Red Flag Linux, eine Variante des freien Betriebssystems Linux. Und das russische Verteidigungsministerium, Armee und Geheimdienste nutzen Astra Linux, einer besonders abgesicherten Linux-Variante. Doch das sind Randerscheinungen.

Keine Interventionen

Dass die Amerikaner den Ton angaben, wurde in der Zeit vor dem Internet und in der Anfangsphase des Netzes nicht als Problem gesehen: Software wurde auf Installationsdisketten und CDs verteilt, die sich kaum kontrollieren und leicht raubkopieren liessen. Einmal eingerichtet, lief ein Computer autonom. Microsoft, Apple und die anderen Hersteller hatten keine Interventionsmöglichkeiten.

In der vernetzten Welt ist das anders: Geräte benötigen zum sicheren Betrieb kontinuierlich Updates. Und sie sind an die App Stores angebunden. Die sind die wichtigste oder (je nach Konstellation) die einzige Bezugsquelle für Software. Das gibt den Hütern der Software weitreichende Befugnisse über die ganze Nutzungsdauer des Geräts: Sie können Updates verweigern oder forcieren und Funktionen hinzufügen oder abdrehen.

Apple lässt nicht jeden rein

Apple ist bekannt dafür, seinen App Store streng zu reglementieren. Das erhöht Sicherheit und Stabilität und verhindert Softwarepiraterie, aber es schränkt auch die Möglichkeiten ein. Apple erlaubt keine anzüglichen Apps, zieht dümmlichen Scherz-Apps den Stecker und verhindert jegliche Programme, die ins System eingreifen.

Android lässt den Nutzern mehr Wahlfreiheit: Die Hersteller der Geräte haben die Möglichkeit, das System zu verändern und mit individuellen Verbesserungen auszustatten. Doch auch Google macht von seiner Machtposition gnadenlos Gebrauch: Der Softwarekonzern schrieb den Herstellern vor, welche Apps sie auf den Geräten installieren müssen, wenn sie Zugang zu den Google-Diensten und dem Play-Store haben wollen. Wegen dieser Bündelung hat die EU-Kommission im Juli 2018 deswegen eine Rekordstrafe von 4,3 Milliarden Euro gegen Google verhängt.

Abhängig und benachteiligt

Ein paar wenige US-amerikanische Konzerne besetzen die Schlüsselpositionen: Wenn Trump nun Google, Apple und Microsoft, aber auch Intel und Qualcomm in den Handelsstreit hineinzieht, dann wird aus einer grossen Abhängigkeit ein massiver Wettbewerbsnachteil. Das kann den Herstellern in Fernost nicht gefallen – und den Nutzern hier in Europa genauso wenig.

Manche fordern bereits einen Befreiungsschlag, namentlich die Free Software Foundation Europe (FSFE): Die gemeinnützige Organisation zur Förderung freier Software weist darauf hin, dass sich quelloffene Programme nicht auf die Weise einschränken lässt, wie es Google jetzt auf Geheiss des US-Präsidenten tut. Unternehmen müssten darum freie Software einsetzen und die Regierungen, speziell die europäische Union habe die Pflicht, mehr Ressourcen in die Entwicklung freier Software zu investieren, fordert FSFE.

Erfolglose Europäer

Ob der Appell dieses Mal Gehör findet, bleibt fraglich. Bis jetzt waren europäische Emanzipationsversuche spärlich und wenig erfolgreich: Nokia ist mit seinem Projekt, Symbian als Konkurrenz-Smart­pho­ne-Be­triebs­­­­sys­tem gross zu machen, grandios gescheitert. Die französische Suchmaschine Qwant, die durchaus brauchbare Resultate liefert und strenge Datenschutzauflagen verfolgt, hat selbst in ihrem Heimatland weniger als ein Prozent Marktanteil.

Wenn man als Privatanwender seine Abhängigkeit zumindest graduell reduzieren möchte, dann sind die Möglichkeiten bei Apple-Geräten gering: Das Betriebssystem lässt sich nicht austauschen, und auch vom «Aufbrechen» über einen Jailbreak ist abzuraten: Mit diesem Verfahren werden Apples Restriktionen beseitigt, sodass beliebige, auch von Apple nicht freigegebene Apps installierbar sind.

Das gefährdet aber nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Herstellergarantie. Darum bleibt iPhone- und iPad Nutzern nur, anstelle der grossen Apps und Dienste kleinere Alternativen zu nutzen und Risiken und Abhängigkeit zu streuen.

Bei Android gibt es mehr Abnabelungsmöglichkeiten: Die einfachste ist, bei der Einrichtung des Geräts kein Google-Konto anzugeben oder es nachträglich zu entfernen. Das hat aber zur Folge, dass man anstelle des Play Store eine alternative Bezugsquelle für Apps verwenden muss. Zur Auswahl stehen mehrere Läden: F-Droid (f-droid.org) stellt einen Katalog bereit, in dem nur Open-Source-Apps zu finden sind. Aptoide.com hat einen grossen Katalog mit vielen populären Apps. Es gibt aber auch Fälschungen und Schadsoftware. Etwas sicherer scheinen Uptodown.com und der App-Store von Amazon zu sein, doch es bleibt ein Restrisiko.

Um alternative Store zu nutzen, müssen Sie die Option «Installation von Apps aus unbekannten Quellen» aktivieren. Diese sollte Ihnen Ihr Telefon anbieten, nachdem sie beispielsweise von F-droid.org die Katalog-App heruntergeladen haben und den Befehl zum Öffnen antippen. Falls der Hinweis nicht erscheint, suchen Sie die Option in den Einstellungen. Wo Sie fündig werden, hängt vom Gerät und Modell ab. Bei Huawei steckt sie unter «Sicherheit & Datenschutz > Zusätzliche Einstellungen».

Die App-Alternativen

In F-Droid finden Sie Alternativen zu gängigen Google-Apps, etwa Firefox statt Chrome, Duckduckgo statt der Google-Suche und Webtube statt Youtube.

Die radikalste Lösung ist, das Standard-Betriebssystem durch eine offene Version von Android zu ersetzen, zum Beispiel LineageOS oder Replicant. Das setzt jedoch sehr viel Fachwissen voraus, und oft ist es nötig, Sicherheitsmechanismen der Hersteller zu entfernen. Das nennt man auch Rooting: «Die Gefahren sind so gross, dass sie auf keinen Fall für eine längere Lebenszeit eines Smartphones eingegangen werden sollten», erläutert IT-Sicherheitsexperte Marco Beierer, der sich mit dem Rooting bei Android auseinandergesetzt hat.

Gegen diese Gefahren könnten die Hersteller etwas unternehmen: Sie haben es in der Hand, die Installation alternativer Systeme zu vereinfachen: Das würde die Abhängigkeit von Google und Co. auf einen Schlag markant verringern.

Erstellt: 21.05.2019, 17:55 Uhr

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